Renaissance des Politischen

War­um im 21. Jahr­hun­dert weder Staats­gläu­big­keit noch Libe­ra­lis­mus wei­ter­füh­ren.

In einem Bei­trag der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung vom 14. April 2019 kri­ti­siert die Autorin Inge Klo­e­pfer unter dem Titel „Vater Staat, küm­mer dich!“ aktu­el­le poli­ti­sche For­de­run­gen nach staat­li­chen Inter­ven­tio­nen auf dem Immo­bi­li­en­markt – aber auch in ande­ren Berei­chen des gesell­schaft­li­chen Lebens. Die The­se der Autorin: Regu­lie­ren, ver­bie­ten, ver­ge­sell­schaf­ten – der Ruf nach staat­li­cher Inter­ven­ti­on ist wie­der schwer in Mode.“ Die Autorin führt die­se „Mode“ auf einen ange­stamm­ten deut­schen Pater­na­lis­mus oder auch Eta­tis­mus zurück, den sie – ohne dies deut­lich aus­zu­spre­chen – für pro­ble­ma­tisch, wenn nicht gar faschis­to­id hält und dem sie den öko­no­mi­schen wie poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus ent­ge­gen­hält. Denn im „Ruf nach dem star­ken Staat“ wit­tert sie die Selbst­preis­ga­be indi­vi­du­el­ler Frei­heit und Ver­ant­wor­tung um wil­len einer in ihren Augen frag­wür­di­gen Sehn­sucht nach Sicher­heit.

Auf den ers­ten Blick scheint die­se Kri­tik ver­ständ­lich und berech­tigt – zumal sie sich als Weck­ruf gegen einen neu­en poli­ti­schen Pater­na­lis­mus prä­sen­tiert, den zu beför­dern eines der Pro­jek­te der soge­nann­ten „neu­en Rech­ten“ zu sein scheint. Tat­säch­lich aber ist der Text von Frau Klo­e­pfer das Zeug­nis einer in über­kom­me­nen Kon­zep­ten ver­strick­ten Denk­wei­se, die – solan­ge sie unre­flek­tiert bleibt – genau dem­je­ni­gen den Boden berei­tet, was sie bekämp­fen will: Pater­na­lis­mus und Eta­tis­mus. Denn den Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart kommt man mit dem aus dem 18. Jahr­hun­dert her­rüh­ren­den und nun­mehr über­hol­ten Sche­ma Libe­ra­lis­mus vs. Eta­tis­mus kei­nes­wegs bei. Viel­mehr ist es an der Zeit, die geis­ti­gen Grund­la­gen unse­res poli­ti­schen Den­kens grund­le­gend zu über­prü­fen und zu erneu­ern. Es gilt, jen­seits – oder bes­ser: dies­seits – aller ideo­lo­gi­schen Eng­füh­run­gen der Neu­zeit zu beden­ken, was eigent­lich das Poli­ti­sche ist: sich des eigent­li­chen Sinns allen poli­ti­schen Han­delns zu besin­nen.

Die­se Fra­ge weist uns auf den Ursprung des Poli­ti­schen und lenkt unse­ren Blick zu den Grie­chen. Denn sie waren es, die genau die­se Fra­ge auf­war­fen: Was ist das Poli­ti­sche? Und von ihren Ant­wor­ten kön­nen wir heu­te wie­der eine Men­ge ler­nen. Kenn­zeich­nend für die Grie­chen – und eben das mach­te sie zu den Erfin­dern des Poli­ti­schen – ist der Umstand, dass sie an die Polis glaub­ten. Sie waren davon über­zeugt, dass das mensch­li­che Leben nur im Kon­text einer geord­ne­ten Polis gelin­gen kann. Das hat­ten schon Solon und Kleis­the­nes behaup­tet und dar­in folg­ten ihnen Pla­ton und Aris­to­te­les. Denn die Grie­chen erleb­ten sich grund­sätz­lich als Zoon Poli­ti­kon – als gemein­we­sen­li­ches Wesen, dem es wesent­lich ist, einem Gemein­we­sen zuzu­ge­hö­ren. Die­ses anthro­po­lo­gi­sche Grund­an­nah­me bil­det das Fun­da­ment des poli­ti­schen Den­kens, das die Grie­chen dem euro­päi­schen Geist geschenkt haben und dem sich die Idee der Demo­kra­tie ver­dankt – als der­je­ni­gen Orga­ni­sa­ti­ons­form der Polis, die am ehes­ten sicher­stellt, dass in ihr eine Ord­nung herrscht, unter deren Bedin­gung das mensch­li­che Leben erblü­hen kann; und dem sich die Idee der Rechts­staat­lich­keit bzw. der Nomo­kra­tie (Pla­ton) ver­dankt, die der Demo­kra­tie einen ver­läss­li­chen Rah­men gibt.

Nun ist die grie­chi­sche Polis etwas völ­lig ande­res als der moder­ne Staat. Die Idee des moder­ne Staa­tes folgt einem gänz­lich ande­ren Men­schen­bild, das sich letzt­lich auf Tho­mas Hob­bes und die angel­säch­si­sche Phi­lo­so­phie des 17. Jahr­hun­derts zurück­füh­ren lässt: Hier gibt es kein Zoon Poli­ti­kon, son­dern nur ein Sub­jekt, das sich in einem per­ma­nen­ten Kampf um Über­le­ben, Macht und Wohl­stand erlebt. „Homo homi­ni lupus“ – der Mensch ist dem Men­schen ein Wolf – lehr­te Hob­bes. Erst unter der Vor­aus­set­zung die­ses Men­schen­bil­des wird eine Idee denk­bar, die zu den­ken der Anti­ke unmög­lich war – näm­lich dass frei­es Mensch­seins unab­hän­gig von einer Polis mög­lich ist. Der anti­ke Mensch erleb­te sich als frei, wenn er als Bür­ger einer Polis an einem Ort leben konn­te, dem er sich zuge­hö­rig weiß. Der moder­ne Mensch hin­ge­gen meint, er müs­se sei­ne Frei­heit gegen den Staat ver­tei­di­gen. Eben das ist die Grund­idee des poli­ti­schen und des öko­no­mi­schen Libe­ra­lis­mus, die einst antra­ten, um die Frei­heit des Men­schen gegen den Staat zu ver­tei­di­gen– und was wir der­zeit erle­ben, ist dass die­se Leit-Ideo­lo­gie der Moder­ne an Über­zeu­gungs­kraft ver­liert.

Das heißt nun aber kei­nes­wegs – und da geht die The­se von Frau Klo­e­pfer nicht nur in die Irre, son­dern führt sys­te­ma­tisch in eben die­se -, dass all die­je­ni­gen, die heu­te mit gutem Grund den Glau­ben an den Libe­ra­lis­mus ver­lo­ren haben – vor allem sei­nen Mythos von der „unsicht­ba­ren Hand“ (Adam Smith), dem­zu­fol­ge der frei­ge­ge­be­ne Ego­is­mus des Sub­jek­tes dem kol­lek­ti­ven Wohl­erge­hen dient –, des­halb nach „dem star­ken Staat“ rufen wür­den. Sol­ches zu behaup­ten hal­te ich für eine uner­laub­te rhe­to­ri­sche Ver­leum­dung der Libe­ra­lis­mus-Kri­ti­ker, die daher rührt, dass die Autorin sich nicht die Mühe macht, ihr The­ma zu Ende zu den­ken. Tat­sa­che näm­lich ist, dass der poli­ti­sche eben­so wie der öko­no­mi­sche Libe­ra­lis­mus tat­säch­lich an ihr Ende gekom­men sind, wie unlängst Joseph Stiglitz in einem viel­be­ach­te­ten Arti­kel im Guar­di­an glaub­haft gemacht hat. Wir leben nicht mehr im 18. Jahr­hun­dert, aus der die libe­ra­lis­ti­sche Phi­lo­so­phie her­rührt, und die gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart (Kli­ma­wan­del, neue Tech­no­lo­gi­en, indi­vi­du­el­le Sinn­kri­sen, Zivi­li­sa­ti­ons­krank­hei­ten, zuneh­men­des Ungleich­ge­wicht von Arm und Reich) zwin­gen dazu, die­se über­kom­me­nen Denk­mus­ter abzu­le­gen. Den geschei­ter­ten Libe­ra­lis­mus zu reak­ti­vie­ren, indem man sei­ne Kri­ti­ker als rück­wärts­ge­wand­te Eta­tis­ten dif­fa­miert, ist selbst rück­wärts­ge­wandt.

Ziel­füh­rend wäre es, die Libe­ra­lis­mus-Kri­tik der Gegen­wart als das zu neh­men, was sie tat­säch­lich ist – auch wenn sie es zuwei­len selbst nicht durch­schaut: näm­lich als den Ver­such der Wie­der­ge­win­nung des Poli­ti­schen als der Kern­ka­te­go­rie bür­ger­li­chen Selbst­be­wusst­seins. Wer mit gutem Grund den Glau­ben dar­an ver­lo­ren hat, dass der all­mäch­ti­ge Markt das mensch­lich-sozia­le Leben auf Erden so koor­di­niert, dass es gedei­hen und erblü­hen kann, ruft nicht zwangs­läu­fig nach dem star­ken Staat, son­dern klagt ein, was Demo­kra­tie und Rechts­staat im Kern aus­macht, durch den Markt­li­be­ra­lis­mus aller­dings mehr oder weni­ger ero­diert ist: die Sou­ve­rä­ni­tät des Bür­gers als eines Zoon Poli­ti­kon. Sie ist der Kern des Poli­ti­schen, des­sen Wahr­heit dar­in liegt, dass der Mensch nach heu­ti­gem Erkennt­nis­stand der Lebens­wis­sen­schaf­ten tat­säch­lich ein gemein­we­sent­li­ches Wesen ist und dass es ihm zusteht, die Geschi­cke des Gemein­we­sens, dem er ange­hört, selbst mit­zu­be­stim­men – anstatt sie anony­men Markt­me­cha­nis­men zu über­las­sen, wie es lei­der die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin wäh­rend all ihrer Legis­la­tu­ren fast durch­gän­gig getan hat. Ihr Schlag­wort der „Alter­na­tiv­lo­sig­keit“ ist das erschüt­ternd kla­re Sym­ptom für den Tod des Poli­ti­schen – das auf dem Altar des Libe­ra­lis­mus ohne Not geop­fert wur­de.

Es geht bei dem Ruf nach Ent­eig­nun­gen oder schär­fe­ren Geset­zen um des Kli­ma­schut­zes wil­len also über­haupt nicht um Moral­po­li­tik, Pater­na­lis­mus oder Eta­tis­mus (das sind Kampf­be­grif­fe der libe­ra­lis­ti­schen Ideo­lo­gie), son­dern um die Wie­der­ge­win­nung bür­ger­li­cher Sou­ve­rä­ni­tät gegen­über einer ent­po­li­ti­sier­ten Admi­nis­tra­ti­on. Es geht um den berech­tig­ten Ruf nach Han­deln (als poli­ti­scher Kern­qua­li­tät nach Han­nah Arendt) im Gegen­über zur blo­ßen Ver­wal­tung (als fak­ti­sches Poli­tik­pro­gramm von Ange­la Mer­kel). Es geht – anders gesagt – um den Bestand des Poli­ti­schen und damit um die Grund­la­gen der Demo­kra­tie. Es geht um bür­ger­li­ches Selbst­be­wusst­sein und Selbst­ver­trau­en – um wil­len des guten Lebens des Indi­vi­du­ums in einer Polis. Das war die gro­ße Idee der Grie­chen, die Frau Klo­e­pfer allem Anschein nach nicht kennt oder nicht ver­stan­den hat.

Die­se Idee neu zu ent­de­cken und pro­gram­ma­tisch umzu­set­zen, ist gut. Es ist gut, weil es einen Weg weist, wie dem unaus­weich­li­chen Nie­der­gang des öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Libe­ra­lis­mus zu begeg­nen ist. Vor allem aber ist es gut, weil es den Weg weist, wie dem dro­hen Auf­stieg einer neu­en Rech­ten begeg­net wer­den kann – indem näm­lich klar gemacht wird, dass nicht der „star­ke Staat“ oder „der star­ke Mann“ die Alter­na­ti­ve zum geschei­ter­ten Libe­ra­lis­mus ist, son­dern eine neue Form der bür­ger­li­chen Kul­tur.

Wie das Poli­ti­sche im 21. Jahr­hun­dert neu gedacht wer­den und neu gelebt wer­den kann: Das ist die Fra­ge, der sich die Den­ker der Gegen­wart drin­gend stel­len müs­sen. Sich in alten, unfrucht­ba­ren ideo­lo­gi­schen Kämp­fen zu ver­zet­teln, ist Zeit­ver­schwen­dung.

(Chris­toph Quarch, Juli 2019)

Link zum FAZ Arti­kel von I. Klo­e­pfer:
https://www.faz.net/…/vater-sozialstaat-kuemmer-dich-um-dei…

Link zum Guar­di­an-Arti­kel von Joseph Stiglitz
https://www.theguardian.com/…/neoliberalism-must-be-pronouc…