HOFFNUNG

Manch­mal scheint mir, die Hoff­nung sei, was wir am meis­ten nötig haben; und dass wir jenen Hun­dert­tau­sen­den, die die­sen Som­mer zu uns kom­men, allein des­halb zu Dank ver­pflich­tet sind, weil sie uns ihre Hoff­nung brin­gen. Denn sie, die Hoff­nung auf ein bes­se­res und fried­li­che­res Leben, hat allem Anschein nach die vie­len Flücht­lin­ge zum Auf­bruch ange­trie­ben. Der Sog der Hoff­nung gab ihnen die Kraft, den wei­ten und ris­kan­ten Weg nach Nor­den anzu­tre­ten. Sie zog sie vor­wärts, als das Heim­weh sie zur Rück­kehr dräng­te. Hoff­nung, so leh­ren uns die Flücht­lin­ge, ist eine gro­ße Kraft.
Ob sie berech­tigt ist oder eher nicht, spielt dabei kei­ne Rol­le. Wenn sie nur da ist, ist sie mäch­tig. Und wenn sie da ist, bleibt sie treu. Die Hoff­nung stirbt zuletzt – wenn über­haupt, denn eines ist doch gut ver­bürgt: Selbst da, wo Men­schen mit dem Tode rin­gen, ist’s die Hoff­nung, die einen Ster­ben­den noch über jene Schwel­le trägt, die ihn vom Jen­seits trennt. Ratio und Logik sind der Hoff­nung fremd. Sie fragt nicht gern nach Grün­den oder Gegen­grün­den. Sie scheut sich nicht, von ande­ren blind genannt zu wer­den – oder naiv, absurd, rea­li­täts­fern. Sie glaubt an sich – und gera­de das macht sie so stark.
Es mag wohl sein, dass sie des­halb nicht über­all in höchs­tem Anse­hen steht. Nietz­sche war es, der sie »das übels­te der Übel« schimpf­te, weil sie die Qual der Men­schen in die Län­ge zie­he. Aus die­sem Grund habe sie der anti­ken Über­lie­fe­rung nach neben allen ande­ren Übeln in der Büch­se der Pan­do­ra gela­gert. Höher im Anse­hen steht sie bei Pau­lus, doch hält auch er sie für nicht ganz so kost­bar wie die Lie­be, die er als höchs­te aller Tugen­den ver­ehrt. Man soll­te aber die­se bei­den nicht ein­an­der gegen­über stel­len. Die Hoff­nung ist bei nähe­rer Betrach­tung die Zwil­lings­schwes­ter jener Lie­be, von der es heißt, sie sei die Größ­te. Denn was uns hof­fen lässt, ist stets das Wis­sen oder auch die Ahnung einer Zuge­hö­rig­keit – das unbe­grün­de­te und gera­de dar­in kraft­vol­le Ver­trau­en, dass die­ser Kos­mos eine Sym­pho­nie ist, in der sich letzt­hin alles fügen wird: dass wir auf wun­der­sa­me Wei­se zum gro­ßen Wel­tenspiel dazu­ge­hö­ren.
Es ist Ver­trau­en in das Leben, wovon sich jede Hoff­nung nährt. Es ist die Lie­be, die dem Leben selbst noch da gilt, wo es durch Krieg und Not ver­dun­kelt ist. Lie­be zum Leben und Ver­trau­en, Hoff­nung auch da, wo sie absurd erscheint: dies sind die Gaben jener Men­schen aus dem Mor­gen­land. Sie kön­nen unse­rer von Angst und Furcht gepei­nig­ten Gesell­schaft kost­ba­re Güter sein – wenn wir denn nur bereit sind, jenen Men­schen zuzu­hö­ren und ihre Hoff­nung ernst zu neh­men: ihre Erin­ne­rung dar­an, dass irgend­wo in allem doch ein Gutes war­tet.
Chris­toph Quarch, Ful­da 10.10.2015