Die Ökonomie der Gegenwart braucht eine Disruption ihres Mindsets
Die Zeit, in der wir leben, hat eine rare Qualität. Sie ist eine Stunde der Wahrheit: ein epochaler Augenblick, in dem uns Menschen zu Bewusstsein kommt, was unser Leben – unbedacht und meistens unbemerkt – seit Jahren prägt und dominiert. Wir können es das „Mindset“ nennen, das „geistige Paradigma“ oder auch das „Operating System“ unseres Denkens, Urteilens und Handelns – dasjenige, was unsere Welt in allen Belangen durchwaltet, besonders diejenige Anwendung, deren Herrschaft allgegenwärtig ist: die Ökonomie.
Spätestens seit dem Amtsantritt des aktuellen US-Präsidenten treten die Sollbruchstellen, Irrtümer und falschen Versprechungen der heutigen Ökonomie immer deutlicher zutage. Allem voran das aus den Tagen des klassischen Liberalismus herrührende Axiom, der freie Markt und die freie, demokratische und rechtsstaatliche Gesellschaft seien naturgemäße Zwillinge, deren gemeinsames Erscheinen nicht nur die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft beflügele, sondern auch Frieden, Gerechtigkeit und Wohlstand aller mit sich bringe. Wohl hat sich bewahrheitet, dass eine liberale Wirtschaftspolitik das Wachstum fördert und die Wirtschaftsleitung steigert; aber dass der freie Markt und seine Agenten ihrerseits Demokratie und Rechtsstaatlichkeit stabilisieren, hat sich als Irrtum erwiesen.
Den Beweis dafür erbringen nicht nur der Werdegang der VR China, sondern auch die Tech-Giganten in den USA, die zwar erheblich vom unregulierten Markt der IT-Industrie profitieren, sich zugleich aber als Feinde der freien Gesellschaft entpuppen. Man könnte es als Ironie der Geschichte betrachten, dass sich der Liberalismus in seiner Spätphase in eine libertäre Ideologie verwandelt, die ihre politische Entsprechung in Autokratie oder Oligarchie findet. Doch das wäre zu einfach. Hier steht mehr auf dem Spiel. Bei näherer Betrachtung ist die nun ans Licht tretende Entwicklung vollkommen stringent, denn sie gründet in einer Dysfunktionalität jenes ökonomischen Operating Systems, das aller wirtschaftlichen Theorie und Praxis aus dem Hintergrund die Richtung weist und weiter weisen wird, wenn nicht ein radikales Umdenken erfolgt. Doch das steht nicht zu erwarten. Auch das lehrt diese Stunde der Wahrheit: Die Wirtschaft denkt nicht.
Die Wirtschaft denkt nicht
Die Wirtschaft denkt nicht: Sie ist nicht in der Lage, jenes Mindset zu ergründen, das sie zwar exekutiert, nicht aber reflektiert. Weder stellt sie sich in Frage, noch erkennt sie die Not, in die sie selbst sich manövriert. Und das wird nicht besser dadurch, dass die Akteure der Wirtschaft ihre Hoffnung auf eine Technologie setzen, die ihnen in Aussicht stellt, dank vermeintlich „denkender“ Maschinen einer goldenen Zukunft entgegenzugehen. In Wahrheit denken Maschinen so wenig wie die Wirtschaft. Sie exekutieren Programme und Algorithmen, aber sie bedenken nicht das wahrhaft Bedenkliche: das stillschweigend vorausgesetzte Welt- und Menschenbild, die religiösen und metaphysischen Axiome, die psychologischen und moralischen Vorentscheidungen. All das ist nicht selbstverständlich. All das ist Menschenwerk. Aber all das wird von Ökonomen, Unternehmern, Politikern und Konsumenten einfach unbedacht vorausgesetzt. Dass die Wirtschaft nicht denkt, zeigt sich nirgends so deutlich wie an den Irrglauben, ihre Architektur sei gleichsam vom Himmel gefallen und folge unwandelbaren Naturgesetzen.
Dass es nicht so ist, verrät ein Blick in die Geschichte des ökonomischen Denkens – ein Blick, der freilich nie getan wird, weil die Agenten der Wirtschaft meist nicht wissen, dass es diese Geschichte gibt. Deshalb kann von ihnen nicht erwartet werden, dass sie die allfällige Transformation ihres dysfunktional gewordenen Mindsets bewerkstelligen werden. Wandlungsfähig ist nur, wer die Frag- und Denkwürdigkeit seines Operating Systems durchschaut. Solches zu tun ist nicht die Aufgabe wirtschaftlicher Agenten, sondern von jeher das Geschäft der Philosophie; genauer der Wirtschaftsphilosophie. In der aktuellen Stunde der Wahrheit hat ihre Stunde geschlagen. Ihr obliegt es, den wirtschaftenden Subjekten zu denken zu geben: ihnen das Bedenkliche ihres dysfunktionalen Mindsets bewusst zu machen und not-wendige Denkwege für ein neues ökonomisches Betriebssystem zu erkunden, um so die allfällige Disruption des ökonomischen Denkens einzuleiten.
Dekonstruktion der Maschinenmatrix
Wie kann das gelingen? Am ehesten durch eine Dechiffrierung des heutigen ökonomischen Mindsets. Hilfreich dabei ist, die Leitmetapher zu ermitteln, die der Wirtschaft das Gepräge gibt: die Maschine – eine nach Effizienz und Funktionalitätsgesichtspunkten infinit optimierbare Wertschöpfungsapparatur, die gegebene Ressourcen im Dienst der Profitmaximierung ausbeutet und von einem rastlosen Willen zur Macht befeuert wird. Das Bild gibt zu erkennen, welche Konsequenz das in ihm komprimierte Mindset zeitigt: Beschleunigung, Erschöpfung, Verzehrung, Tod. Und in der Tat: Im Inneren der Menschen und im Äußeren der Natur weiten sich die Toträume aus. Es ist nur konsequent, dass in der Stunde der Wahrheit die Bosse der Tech-Giganten in den posthumanen Fantasien eines naturfernen Lebens auf dem Mars schwelgen.
Für alle, die sich nicht von Menschsein, Leben und Natur verabschieden wollen, heißt die gute Nachricht: Die Maschinenmatrix ist nicht alternativlos. Die Geschichte des ökonomischen Denkens zeigt, dass es anders ging und geht. So lässt sich der Nachweis dafür führen, dass die Ökonomie im Hintergrund einer so blühenden Kultur wie der antiken griechischen einem gänzlich anderen Mindset folgte als das heutige Wirtschaften. Nicht Gewinnmaximierung erschien als Ziel ökonomischer Aktivität, sondern die Beständigkeit des Unternehmens. Nicht Profit und Macht seitens der wirtschaftlichen Subjekte galt als Ausweis ihres Erfolges, sondern ihr gutes Leben in Freiheit und Selbstbestimmtheit. Nicht der freie, sondern der autarke Markt galt als politische Voraussetzung der Prosperität. Kurz: Nicht die gut geölte Maschine, sondern das wohlbestellte Haus diente als Leitmetapher für die Wirtschaft.
So gewiss dieses Mindset unter dem Einfluss des neuzeitlichen Denkens in Vergessenheit geriet, so gibt es doch bis heute erfolgreiche Unternehmen, die das Denken der antiken Ökonomik bewahrt haben: Abteien, die ihren Erfolg danach bemessen, dass sie ihren Teilhabern ein in ihrer Vorstellung gutes Leben ermöglichen. Dafür erbringen sie eine nachhaltige und autarke Wirtschaftsleistung– gesichert durch ein maßvolles und organisches Wachstum, das seine Grenze in der Idee des guten Lebens findet, von der sich die Teilhaber ein würdiges Menschsein versprechen. Wir Heutigen müssen diese Idee nicht teilen – aber wir wären gut beraten, in der Stunde der Wahrheit einen Diskurs darüber zu beginnen, wie wir eigentlich leben wollen: ob materieller Reichtum und Machtakkumulation wirklich das sind, wovon wir uns Erfüllung versprechen; ob wir wirklich unsere Lebendigkeit auf dem Altar des Konsums opfern sollten; ob wir wirklich gut daran tun, die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden zu lassen; ob wir wirklich unserer Leben als Funktionsträger innerhalb einer Maschine vergeuden wollen – ob es wirklich unser Ziel sein kann, im Schatten einer unwahren Wirtschaft das wahre Menschsein zu verpassen.
Wir stehen an einem Scheideweg, an dem wir uns fragen müssen, welchen Weg wir gehen werden: den Weg des Posthumanismus, der uns von der Wahrheit des Lebens entfernt, oder den Weg eines neuen Humanismus, der uns ein wahres Menschsein in Aussicht stellt. Was uns dorthin bringen wird, ist das, was die Zeit uns zu denken aufträgt: eine wahre Wirtschaft.