Verrat am Geist der Demokratie

Die Ero­si­on des poli­ti­schen Ethos muss gestoppt wer­den

Die Vor­gän­ge in Thü­rin­gen offen­ba­ren ein grund­le­gen­des Pro­blem der poli­ti­schen Kul­tur in unse­rem Land: Es herrscht ein bedenk­li­ches Miss­ver­ständ­nis dar­über, was es mit der Demo­kra­tie auf sich hat. Die­ses Miss­ver­ständ­nis spricht nicht nur aus dem unver­zeih­li­chen – wie die Bun­des­kanz­le­rin zu Recht sag­te – Ver­hal­ten des zwi­schen­zeit­li­chen Thü­rin­ger Minis­ter­prä­si­den­ten Tho­mas Kem­me­rich und sei­ner Unter­stüt­zer in der AfD, son­dern eben­so aus Voten man­cher Reprä­sen­tan­ten von CDU und FDP. Auf die For­mel gebracht lau­tet die­ses Miss­ver­ständ­nis: Demo­kra­tie ist eine Appa­ra­tur zur Beschaf­fung von Mehr­hei­ten und zur Erlan­gung bzw. Legi­ti­mie­rung der Staatsgewalt. Genau das aber ist Demo­kra­tie nicht. Demo­kra­tie ist eine Form poli­ti­scher Kul­tur, deren Sinn dar­in besteht, gesell­schaft­li­chen Kon­sens über die poli­ti­sche Gestal­tung des Gemein­we­sens zu gene­rie­ren und auf die­se Wei­se poli­ti­sches Han­deln mit legi­ti­mer Macht zu unter­füt­tern.

Damit ist die Demar­ka­ti­ons­li­nie zwi­schen Demo­kra­tie und Pseu­do-Demo­kra­tie benannt. Für letz­te­re braucht man nicht lan­ge nach Bei­spie­len zu suchen: ob Net­an­ya­hu oder Erdo­gan, ob Putin oder Trump – die­se schein­bar demo­kra­tisch legi­ti­mier­ten Poten­ta­ten sind in Wahr­heit kei­ne Demo­kra­ten, son­dern Auto­kra­ten, die demo­kra­ti­sche Instru­men­te wie Wah­len ledig­lich dafür benut­zen, ihre eige­nen poli­ti­schen (oder pri­va­ten) Inter­es­sen zu ver­fol­gen und gewalt­sam gegen poli­ti­sche Geg­ner durch­zu­set­zen. Sie ver­ste­hen eine in Wah­len ermit­tel­te Mehr­heit als Legi­ti­mi­täts­grund­la­ge für ihren meist mit Ver­ve vor­ge­tra­ge­nen Kampf Oppo­si­tio­nel­ler und für die mani­pu­la­ti­ve Ver­brei­tung ihrer per­sön­li­chen Ideo­lo­gie; ganz zu schwei­gen davon, dass das Wahl-Pro­ze­de­re in den genann­ten Bei­spie­len frag­wür­dig genug erscheint.

Nicht anders dekli­niert die AfD den Begriff der Demo­kra­tie: Man gibt sich zwar den Anschein demo­kra­ti­scher Gesin­nung, indem man die Instru­men­te und Insti­tu­tio­nen der Demo­kra­tie regel­kon­form ver­wen­det – hat sie aber nicht, weil man dabei nicht das Ziel demo­kra­ti­scher Kon­sens­bil­dung ver­folgt, son­dern aus­schließ­lich die Durch­set­zung eige­ner Macht­an­sprü­che. Auch die vie­len Uni­ons- und FDP-Poli­ti­ker, die Kem­me­rich per Twit­ter post­wen­dend zur Wahl gra­tu­lier­ten, geben uni­so­no zu erken­nen, dass ihre Freu­de über den ver­meint­li­chen eige­nen Macht­ge­winn bzw. die Ent­mach­tung des vor­ma­li­gen Amts­in­ha­bers und deut­li­chen Wahl­sie­gers Bodo Rame­low grö­ßer war als ihr demo­kra­ti­sches Ethos, das ihnen sofort hät­te zu Bewusst­sein brin­gen müs­sen, dass im Erfur­ter Land­tag der Geist der Demo­kra­tie geschän­det wur­de. Erschüt­tern­der Wei­se zähl­ten in den Augen der Cla­queu­re Kem­me­richs weder der Wäh­ler­wil­len noch der demo­kra­ti­sche Auf­trag zur par­la­men­ta­ri­schen Kon­sens­bil­dung, son­dern aus­schließ­lich die gie­rig erhoff­te Macht­über­nah­me.

Die­ses Ver­hal­ten ist in der Tat unver­zeih­lich – nicht nur, weil es ver­stö­rend an den Nie­der­gang der Wei­ma­rer Repu­blik erin­nert, son­dern weil auf die­se Wei­se das demo­kra­ti­sche Ethos unse­res Lan­des aus­ge­höhlt wird; bzw. weil erkenn­bar wird, in wel­chem Maße es in Tei­len der poli­ti­schen Klas­se – auch bei den „bür­ger­li­chen“ Par­tei­en – bereits ero­diert ist.

Demo­kra­tie ist öffent­li­cher Dis­kurs und nicht Mau­sche­lei und Intri­ge. Nach Innen besteht ihr Sinn dar­in, Ein­tracht und Kon­sens unter den Bür­gern zu stif­ten und nicht die Gesell­schaft in ein­an­der bekämp­fen­de Frak­tio­nen zu zer­split­tern. Nach Außen besteht ihr Sinn dar­in, Frie­den und Koope­ra­ti­on in der inter­na­tio­na­len Staa­ten­ge­mein­schaft zu eta­blie­ren. Weder das eine, noch das ande­re ist zu beob­ach­ten, wo pseu­do­de­mo­kra­ti­sche Poten­ta­ten die Herr­schaft an sich geris­sen haben. Genau damit muss gerech­net wer­den, wenn das Thü­rin­ger Bei­spiel auch in Deutsch­land Schu­le machen soll­te: Ein gewalt­för­mi­ger und hos­ti­ler Ungeist des Rin­gens um Macht zur Durch­set­zung eige­ner Inter­es­sen wür­de Schritt für Schritt den seit 1945 gewach­se­nen demo­kra­ti­schen Geist der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land eli­mi­nie­ren. Der Preis für die­sen Ungeist war noch immer hoch: ein Ver­lust an Frei­heit, Mensch­lich­keit und Men­schen­wür­de.

Was ist zu tun? Allein mit Appel­len an das demo­kra­ti­sche Ethos der poli­ti­schen Klas­se ist es offen­bar nicht mehr getan. Es braucht insti­tu­tio­nel­le Maß­nah­men zur Ver­tei­di­gung unse­rer Demo­kra­tie. Viel­leicht hilft eine Lek­ti­on aus der Spät­zeit der Wei­ma­rer Repu­blik. Der Tri­umph der Natio­nal­so­zia­lis­ten wur­de damals erheb­lich durch das gel­ten­de Wahl­recht begüns­tigt. Eine geplan­te Wahl­rechts­re­form hät­te den Erfolg der NSDAP im Herbst 1932 ver­mut­lich ver­hin­dert. Es könn­te an der Zeit sein, neu­er­lich dar­über nach­zu­den­ken, ob eine Wahl­rechts­re­form dazu füh­ren könn­te, anti- oder bes­ser pseu­do­de­mo­kra­ti­sche Par­tei­en von der Regie­rungs­bil­dung fern­zu­hal­ten. Ein mög­li­ches Mit­tel der Wahl könn­te die Ein­füh­rung einer „Nein-Stim­me“ sein, die es dem Wäh­ler erlaubt, neben sei­nem Votum für eine Par­tei eine ihm bedroh­lich erschei­nen­de Par­tei abzu­leh­nen. Gewiss dürf­ten Nein-Stim­men nicht gleich gewich­tet wer­den, wie Ja-Stim­men, doch könn­te auf die­se Wei­se der Plu­ra­lis­mus der demo­kra­ti­schen, weil kon­sens­ori­en­tier­ten Par­tei­en gestärkt und die Her­aus­bil­dung eines star­ken Blo­ckes unde­mo­kra­ti­scher Kräf­te ein­ge­dämmt wer­den. Die­ser Vor­schlag (den ich mei­nem Freund Geor­gi­os Zer­vas ver­dan­ke) ist noch nicht bis zu Ende gedacht, doch soll er signa­li­sie­ren, was spä­tes­tens seit dem Thü­rin­gen-Deba­kel Not tut: ein offe­nes, demo­kra­ti­sches und muti­ges Nach­den­ken dar­über, wie wir in unse­rem Land den Geist der Demo­kra­tie ver­tei­di­gen und vor sei­nen Fein­den bewah­ren kön­nen.