Schwätzet mitanand! Die politische Kultur lebt vom Gespräch…

Schwät­zet mitanand!
Die poli­ti­sche Kul­tur lebt vom Gespräch – auch oder gera­de mit unlieb­sa­men Geg­nern
Deutsch­land, scheint es, macht den Rechts­ruck. Wo gewählt wird, siegt der­zeit die Rech­te. Auch im alten Wes­ten. Poli­ti­ker und Mei­nungs­ma­cher sind ent­setzt. Was aber soll man sagen? Ist nicht längst alles ana­ly­siert? Haben nicht die Demo­sko­pen alle Grün­de längst ermit­telt: Flücht­lings­zu­strom hier, sozia­le Ungleich­heit dort? Und den­noch herrscht Sprach­lo­sig­keit.
Sie herrscht nicht erst seit ges­tern. Sie kommt von wei­ter her. Denn sie ist schlei­chend bei uns ein­ge­zo­gen. Kaum bemerkt, oft über­tönt vom pau­sen­lo­sen Sur­ren unse­rer Medi­en, in denen dau­ernd alles durch­ge­re­det wird. Kaum wahr­nehm­bar unter der Ober­flä­che des Gere­des in den Talk­shows, kaum hör­bar unter den Erklä­run­gen und State­ments der Poli­ti­ker. Es wird sehr viel gere­det, bes­ser noch: Es wird fort­wäh­rend mono­lo­gi­siert. Doch nie­mand redet mit­ein­an­der. Und da liegt das Pro­blem.
Die Epo­che der Tabus
Was fehlt in der poli­ti­schen Kul­tur des Lan­des, das ist das Gespräch. Man redet viel über ein­an­der, man redet viel in eige­ner Sache. Aber man mei­det das Gespräch. Es ist eine Epo­che der Tabus. Fast uni­so­no klingt der Chor, dem all die Eta­blier­ten ange­hö­ren. Ob rot ob schwarz ob gelb ob grün: Man redet nicht mit denen von der AfD. Man meint näm­lich, den Geg­ner auf­zu­wer­ten, wenn man mit ihm redet. In Wahr­heit ent­wer­tet, wer das Gespräch ver­wei­gert, das Poli­ti­sche – und mit ihm die Demo­kra­tie.
Was ist das Poli­ti­sche? Das Poli­ti­sche, so lehrt die Phi­lo­so­phin Han­nah Arend unter Bezug auf Aris­to­te­les, ist zunächst die Polis: der öffent­li­che Raum eines Gemein­we­sen. Und die­ser Raum, das ist ent­schei­dend, ist nicht durch die Mau­ern einer Stadt oder die Gren­zen eines Lan­des fest­ge­legt. Die Sphä­re des Poli­ti­schen ent­steht aus­schließ­lich dort, wo Men­schen mit­ein­an­der reden. Sie ist der „Raum des Zwi­schen­mensch­li­chen“, wie Mar­tin Buber lehr­te – ein Raum, der sich nur da erschließt, wo Men­schen im Gespräch sind. Auch wo sie mit­ein­an­der strei­ten.
Es braucht die Aus­ein­an­der­set­zung
Die Aus­ein­an­der­set­zung ist prä­zi­se das Gesche­hen, bei dem sich Poli­tik ereig­net. Jedoch nicht so, dass die Betei­lig­ten anein­an­der vor­bei oder über ein­an­der hin­weg rede­ten, Posi­tio­nen aus­tau­schen und Recht behal­ten wol­len. Son­dern nur, indem sie mit­ein­an­der rin­gen. Das ist die Essenz der Demo­kra­tie. Denn im kon­tro­ver­sen Gespräch wird aller­erst sicht­bar und hör­bar, was der Sou­ve­rän – das Volk – zu sagen hat. Das mag nicht immer klug sein und gewiss nicht immer wahr. Und doch ist es poli­tisch wich­tig. Sich über Mei­nun­gen der Mas­se ein­fach nur hin­weg zuset­zen und zu sagen „Mit dem oder dem rede ich nicht!“ ver­rät den Geist der Demo­kra­tie.
Vor allem aber ist der Raum des Zwi­schen­mensch­li­chen der Raum des Neu­en. Nur da, wo Men­schen sich im Gespräch begeg­nen, wo sie ihre Tabus abstrei­fen und sich die Mühe machen, ein­an­der auch dann zuzu­hö­ren, wenn es weh tut – nur dann kön­nen neue, uner­war­te­te, über­ra­schen­de Sicht­wei­sen auf­kei­men. Der Raum des Gesprächs ist der Humus des Poli­ti­schen. In ihm gedeiht das Neue. Wo nie­mand wagt, sich auf den ande­ren ein­zu­las­sen, ver­harrt man ewig nur in star­ren Posi­tio­nen und lieb­ge­won­ne­nen Sicht­wei­sen. Der Raum des Poli­ti­schen ver­schließt sich, Inno­va­ti­on bleibt aus, die Akteu­re wer­den bere­chen­bar, Poli­tik­ver­dros­sen­heit gras­siert, Pro­test­wahl wird zum Trend. Dann wir aus­ge­ses­sen. Im Kanz­ler­amt genau­so wie im Wohn­zim­mer.
Das Gift der Igno­ranz
Wer sol­ches stop­pen will, muss reden. „Schwät­zet mitanand!“, sag­te einst mein schwä­bi­scher Fuß­ball­trai­ner. Das gilt auch außer­halb des Fuß­ball­fel­des: Schluss mit den Tabus! Und Schluss mit dem Gere­de. Auf allen Ebe­nen. Es ist so ver­füh­re­risch ein­fach, denen das Gespräch zu ver­wei­gern, die ande­rer Mei­nung sind. Wir alle – ego­zen­trisch wie wir sind – haben es ger­ne, wenn man uns in unse­rer Sicht bestä­tigt und uns bauch­pin­selt. Wir las­sen uns nicht gern in Fra­ge stel­len. Und also machen wir es uns bequem in unse­ren geis­ti­gen Fes­tun­gen aus Tabus, Dog­men und unse­rer Selbst­ge­fäl­lig­keit. Dann sagen wir mit erns­ter Mie­ne: „Was gehen mich die ande­ren an? Ich wäh­le die, die ich will. Damit Bas­ta.“
In Wahr­heit gehen mich die ande­ren sehr viel mehr an als wir glau­ben. Denn wir sind alle Bür­ger eines Lan­des, des­sen poli­ti­sche Kul­tur gefähr­det ist; und die ver­nich­tet wird, wenn sich die Hal­tung des „Was geht mich das an?“ durch­setzt. Die Igno­ranz gegen­über denen, die nicht so ticken wie man selbst, ist das Gift der Demo­kra­tie. Hier hilft nur Detox: Ein jeder muss damit begin­nen. Gleich nach – noch bes­ser: vor – der nächs­ten Wahl. Wer bricht sich einen Zacken aus der Kro­ne, wenn er mit einem strei­tet, der die AfD oder die Repu­bli­ka­ner wählt? Der wird sie weit­er­wäh­len, wenn er nicht erkennt, dass man nicht wei­ter­kommt, indem man immer nur Paro­len schwingt.
Wenn nur Empö­rung und Erre­gung zäh­len
Die Gro­ßen müs­sen zei­gen, wie es geht. Es zeugt von kei­ner demo­kra­ti­schen Gesin­nung und erst recht von kei­ner poli­ti­schen Intel­li­genz, wenn man im Wahl­kampf und danach schlicht das Gespräch ver­wei­gert. Wer das nicht glaubt, der schaue nach Ame­ri­ka. Dort ist an die Stel­le einer einst blü­hen­den poli­ti­schen Kul­tur ein kal­ter Bür­ger­krieg getre­ten. Denn dort wird nicht mehr poli­tisch dis­ku­tiert. Dort ist die Poli­tik zur Unter­hal­tung kon­ver­tiert – bei der es nicht um klu­ge Lösun­gen für kom­ple­xe Pro­ble­me geht, son­dern allei­ne dar­um, wer am lau­tes­ten brüllt und das meis­te Auf­se­hen erregt.
Erregt – das ist das Wort, das die medi­al ver­dor­be­ne poli­ti­sche Kul­tur in Deutsch­land kenn­zeich­net. Es geht vor allem um Erre­gung und Empö­rung. Es geht ums kur­ze Auf­wal­len der Emo­ti­on. Damit wird heu­te Poli­tik gemacht. Nicht mit dem Wort, das eigent­lich das Medi­um des Poli­ti­schen ist, das Blut in den Adern der Demo­kra­tie.
Fra­gen und Zuhö­ren
Was Not tut ist ein neu­es Maß an Nüch­tern­heit und an Gesprächs­be­reit­schaft. Das ist es, was wir alle unse­rer Demo­kra­tie schul­dig sind. Wir soll­ten Poli­tik wie­der als etwas betrach­ten, das uns angeht. Wir soll­ten Men­schen, die anders den­ken als wir, wie­der anse­hen als Mit­bür­ger, die uns etwas zu sagen haben. Wir soll­ten mit ihnen reden, respekt­voll und frei von Auf­re­gung und Empö­rung. Wir soll­ten hören, was sie sagen – was sie fürch­ten, was sie hof­fen. Auch wenn es uns nicht passt.
Wie anders soll es je gelin­gen, sie zur poli­ti­schen Ver­nunft zu brin­gen? Das geht doch nur, indem man ihre Fra­gen kennt, auf die man dann die bes­se­ren, die guten Ant­wor­ten zu geben weiß. Sie igno­rie­ren und sich taub stel­len, bringt uns nicht wei­ter. Im Klei­nen fängt es an. Des­halb noch ein­mal: Wenn Ihnen an die­sem Land etwas gele­gen ist, dann suchen Sie das Gespräch mit den Men­schen. Drän­gen Sie es Ihnen auf. Reden Sie über Poli­tik. Neh­men Sie Ihr Gegen­über Ernst. Machen Sie vor, wie es geht anstatt nur dar­über zu lamen­tie­ren, dass es „die Poli­ti­ker“ nicht vor­ma­chen. Denn sonst ver­sinkt das Land im Schwei­gen – und macht die Sprach­lo­sig­keit sich ein­mal breit, dann auch in Tyran­nei.