Ist es okay, wenn ich schöner sein will.…

… als mei­ne Freundin?
In mei­ner Kolum­ne „Frag den Phi­lo­so­phen” gebe ich fol­gen­de Antwort:
JA
Dass Frau­en dar­in wett­ei­fern, die Schöns­te zu sein, ist nicht neu. Schon bei den alten Grie­chen war das so; und nicht nur unter Men­schen­frau­en, son­dern mehr noch unter Göt­tin­nen. Oft erzählt wur­de die Sto­ry von dem unse­li­gen Beau­ty-Con­test, den die Göt­ter­che­fin Hera mit ihren Kol­le­gin­nen Athe­ne und Aphro­di­te aus­trug. Wer von den drei­en die Schöns­te sei, war nicht leicht zu ent­schei­den. Zumal kei­ner der männ­li­chen Göt­ter sich ein­zu­mi­schen wag­te. Schließ­lich berie­fen sie einen sterb­li­chen Rich­ter namens Paris, des­sen Wahl auf Aphro­di­te fiel, deren Schön­heit von jeher legen­där war. Für Paris ging die Sache nicht gut aus. Sein Urteil hat­te Krieg und Tod zur Fol­ge. Sei­ne Hei­mat Tro­ja ging in Flam­men auf.
Wer den Mythos kennt, ist leicht ver­sucht zu sagen: Um den Rang der Schöns­ten soll­ten Frau­en bes­ser nicht kon­kur­rie­ren. Schon gar nicht, wenn sie befreun­det sind. Denn groß ist die Gefahr, dass ein Schön­heits­wett­be­werb in Strei­te­rei oder Zer­würf­nis endet. Wer sich das erspa­ren will, soll­te dar­auf ver­zich­ten, im Krei­se der Freun­din­nen die Schöns­te sein zu wol­len. So macht sich Frau das Leben leich­ter. Aber auch … schöner?
Der Huma­nist und Phi­lo­soph Agno­lo Firen­zuo­la schil­dert uns in sei­nem Büch­lein „Von der Schön­heit der Frau­en“ eine Epi­so­de aus der Zeit der Renais­sance: In einem som­mer­li­chen Gar­ten hat sich eine adli­ge Gesell­schaft jun­ger Frau­en ein­ge­fun­den, die – wie das gele­gent­lich zu gehen pflegt – über eine abwe­sen­de Freun­din dis­ku­tie­ren. Ob Ame­lia zurecht im Ruf der größ­ten Schön­heit ste­he, ist die Fra­ge – und die Mei­nun­gen der Damen gehen sehr weit aus­ein­an­der. Da platzt ein jun­ger Edel­mann mit Namen Cel­so in die Run­de und gibt dem Gespräch eine Wen­dung ins Philosophische.
Cel­so ist ein Kava­lier, der kei­ner Frau zu nahe tre­ten will. Anstatt mit­zu­dis­ku­tie­ren, zieht er es vor, über die Schön­heit im All­ge­mei­nen und die der Frau­en im Beson­de­ren zu räso­nie­ren. Und er scheut sich nicht, die The­se vor­zu­tra­gen, die Schön­heit der Frau­en sei „ein Hin­weis auf die himm­li­schen Din­ge, ein Abbild und Gleich­nis der Freu­den des Para­die­ses“. Des­halb sei es nicht nur bil­lig, son­dern rech­tens, wenn die Frau­en ihre Schön­heit gern zur Schau stel­len und von dem Wunsch bewegt sind, in den Augen ande­rer die Schöns­te oder wenigs­tens doch schön zu sein. Nach Schön­heit zu stre­ben, sei also nicht ver­werf­lich, son­dern im Gegen­teil müs­se man sagen, dass die­je­ni­gen, die ihre Schön­heit nicht zur Schau stel­len, „eine gro­ße Sün­de bege­hen, wenn sie ein so gro­ßes Geschenk verheimlichen“.
Nun erscheint aus heu­ti­ger Sicht die Begrün­dung des guten Cel­so etwas dünn: Dass die Schön­heit einer Frau ein Hin­weis auf das Para­dies ist, dürf­te nicht­mals einen from­men Gläu­bi­gen davon über­zeu­gen, dass es nicht per se schlecht ist, ein­an­der in Punk­to Schön­heit über­tref­fen zu wol­len. Aber viel­leicht muss man dazu ja gar nicht das Para­dies bemü­hen, son­dern ein­fach nur dar­auf ver­wei­sen, dass es in der Art des Men­schen liegt, sich zei­gen, mit­tei­len und in der Welt bekun­den zu wol­len. Die­sen Wunsch teilt er mit den meis­ten Tie­ren, die nicht min­der man­ches dafür inves­tie­ren, in den Augen ihrer Art­ge­nos­sen ganz beson­ders schön zu sein. Wer um sei­ne Attrak­ti­vi­tät bemüht ist, folgt offen­bar den Spiel­re­geln des natür­li­chen Lebens. So gese­hen wäre absurd, es nicht okay zu fin­den, wenn jemand die­se Spiel­re­geln befolgt. Ob es dar­über hin­aus auch klug ist, sich aus­ge­rech­net mit den eige­nen Freun­din­nen auf einen Beau­ty-Con­test ein­zu­las­sen, steht auf einem ande­ren Blatt. Viel­leicht liegt die Kunst am Ende ein­fach dar­in, sol­che Wett­be­wer­be mit spie­le­risch und hei­ter aus­zu­tra­gen – damit das Gan­ze nicht ein so bit­te­res Ende nimmt wie bei Paris und den Göttinnen.
Agno­lo Firen­zuo­la (1493–1548)
Viel weiß man nicht von dem ita­lie­ni­schen Dich­ter Michel­an­ge­lo Giro­la­mo Gio­van­ni­ni, der sich als nach sei­ner Hei­mat­stadt Firen­zuo­la benann­te. Er war ein typi­scher Ver­tre­ter der flo­ren­ti­ni­schen Renais­sance, ein Lebe­mann, der, auch als er schon Mön­che gewor­den war, nicht auf­hör­te, die Frau­en zu lie­ben. Gut bekom­men ist ihm das nicht. Firen­zuo­la starb mit mit 55 Jah­ren an den Fol­gen einer Syphi­lis. Sei­ne „Gesprä­che über die Schön­heit der Frau­en“ aber hal­ten sei­nen Ruhm bis heu­te aufrecht.