Die Macht des Friedens – eine Rede wider den Krieg

„Der Krieg ist der Vater aller Din­ge.“ Der Den­ker, der das sag­te, war kein Kriegs­trei­ber und auch kein Mili­ta­rist. Im Gegen­teil: Hera­klit von Ephe­sos (545–475 v.Chr.) war ein Phi­lo­soph der Har­mo­nie. Die stim­mi­ge Ein­heit in der Viel­heit war sein gro­ßes The­ma. Doch sah er, was der Krieg bewirkt: „Die einen macht er zu Skla­ven, die ande­ren zu Her­ren.“ Der Krieg bestimmt die mensch­li­chen Ver­hält­nis­se. Er macht klar Tisch. Und er macht Ernst. Unbedingt. 

Viel­leicht ist das der Grund dafür, dass Krie­ge immer noch so vie­le Men­schen fas­zi­nie­ren. Auch jetzt, da in der Ukrai­ne Krieg ist. Nie­mand spricht es deut­lich aus, doch schwingt in der Bericht­erstat­tung eine son­der­ba­re Sai­te mit: eine Fas­zi­na­ti­on für das exis­ten­zi­el­le Ent­we­der-Oder, das auch bei Hera­klit anklingt; viel­leicht auch ein – unsanf­tes – Erwa­chen aus einer Tran­ce des „Alles wird gut“, in die sich so vie­le Men­schen in der Post­mo­der­ne ein­ge­rich­tet haben. Der Krieg in der Ukrai­ne und die rus­si­sche Dro­hung einer nuklea­ren Eska­la­ti­on füh­ren uns in aller Scho­nungs­lo­sig­keit vor Augen: Nein. Es wird nicht alles gut. Und in der Ukrai­ne schon mal gar nicht. 

Der Krieg wischt auch die liebs­te unse­rer Illu­sio­nen fort: den Glau­ben dar­an, dass der Markt die Poli­tik erset­zen kann. Der Markt, der nach dem neo­li­be­ra­len Dog­ma die regu­la­to­ri­sche Kraft par excel­lence ist, ver­sagt ange­sichts der krie­ge­ri­schen Gewal­tent­fes­se­lung kom­plett. Er kann selbst zur Waf­fe wer­den, aber damit wird er der Logik des Krie­ges unter­wor­fen. Es scheint, als bräch­te uns der Krieg zurück, was wir im Wes­ten ganz ver­ges­sen hat­ten: den Ernst des Poli­ti­schen – den Ernst eines Poli­ti­schen, das sei­ner­seits ein Kind des Krie­ges ist, wie es der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Jurist Carl Schmitt in sei­ner Abhand­lung über den „Begriff des Poli­ti­schen“ von 1932 behaup­tet hat­te. – Der Krieg ist der Vater aller Dinge. 

Gleich­wohl ist er unbe­dingt abzu­leh­nen. Mag der Krieg der Vater von Ord­nun­gen und Ver­hält­nis­sen sein. Er ist ganz sicher nicht der Vater des Leben­di­gen. Im Gegen­teil: Er ist ein Schläch­ter, der das Leben über­all zer­stört: das mensch­li­che Leben sowie­so, aber auch das Leben der Natur. Auch das muss ange­sichts eines inak­zep­ta­blen Krie­ges im 21. Jahr­hun­dert gesagt wer­den. Wer heu­te bombt und Pan­zer­di­vi­sio­nen auf die Rei­se schickt, begeht nicht nur ein Ver­bre­chen an der Mensch­heit, son­dern auch ein Ver­bre­chen an der Erde. 

Aber selbst wenn der Krieg nicht mil­lio­nen­wei­se Leben kos­ten wür­de, ist er unbe­dingt abzu­leh­nen. Auch wenn kein ein­zi­ger Schuss fal­len wür­de und allei­ne Wor­te, Cyber-Atta­cken oder Dro­hun­gen als Waf­fen zum Ein­satz kämen, wäre er auf kei­ne Wei­se akzep­ta­bel. Schon gar nicht als ein Instru­ment der Poli­tik. Denn der Krieg macht Poli­tik unmög­lich. Er ersetzt sie durch Gewalt – und Gewalt ist etwas ande­res als Poli­tik. Nie­mand hat die­sen Gedan­ken so poin­tiert vor­ge­tra­gen wie die Phi­lo­so­phin Han­nah Arendt. Sie hat gezeigt, dass sich Gewalt einer durch und durch unpo­li­ti­schen Logik ver­dankt: einer Logik, die nie das Gemein­we­sen – die Polis – und des­sen Wohl­erge­hen vor Augen hat, son­dern ledig­lich die Herr­schaft über Men­schen. Hin­ter Gewalt und Krieg steht nie das Leben, son­dern immer nur der Wil­len; genau­er, mit Fried­rich Nietz­sche, der Wil­len zur Macht.

Krieg und Gewalt fol­gen der instru­men­tel­len, nicht der poli­ti­schen Ver­nunft. Sie gehö­ren in die Welt der Tech­nik, die Metho­den und Instru­men­te ersinnt, um zu bekom­men, was man will. Gewalt, so Han­nah Arendt, ist immer instru­men­tell. Und der Krieg als die tota­le Ent­fes­se­lung der Gewalt unter­wirft alles ihrer instru­men­tel­len Logik. Alles wird dem Wil­len zur Macht des Aggres­sors unter­wor­fen: Waf­fen, Sol­da­ten, Zivi­lis­ten – hüben wie drü­ben. Der Krieg macht alles zum Mit­tel und ver­stößt damit ele­men­tar gegen die Wür­de des Men­schen. Denn der Mensch ist nie­mals aus­schließ­lich Mit­tel, son­dern immer ein Zweck an sich, wie Imma­nu­el Kant sagte.

Gewalt ist ein Instru­ment, das sei­ne Legi­ti­mi­tät allen­falls aus den Zwe­cken bezieht, die mit ihm ver­folgt wer­den. Des­halb muss selbst Putin irgend­wel­che Zwe­cke ima­gi­nie­ren, die die von ihm ent­fes­sel­te Gewalt legi­ti­mie­ren soll­ten. Er könn­te es sich spa­ren, denn die gan­ze Welt weiß, dass es ihm allein um Herr­schaft geht – um Herr­schaft und um Macht.

Ers­te­re wird er bekom­men. Letz­te­re nicht. Denn, auch die­se Ein­sicht ver­dan­ken wir Han­nah Arendt, Macht ist auf dem Wege der Gewalt nicht zu gewin­nen. Putin wird nicht anders kön­nen, als eine auf Dau­er gestell­te Gewalt­herr­schaft in der Ukrai­ne zu imple­men­tie­ren – und in sei­nem eige­nen Land. Die Gewalt­mit­tel dazu hat er. Das ist das Ver­stö­ren­de. Macht über die Men­schen aber wird er nicht bekom­men. Macht ent­steht aus der frei­en Zustim­mung der Men­schen, nicht aus ihrer Unter­drü­ckung. Anders als Gewalt wächst Macht nur auf dem Boden der Frei­heit bzw. im Raum des Poli­ti­schen, der es Men­schen erlaubt, sich zusam­men­zu­schlie­ßen und als Gemein­we­sen zu han­deln. Macht ist eine Frucht der Poli­tik, nicht das Pro­dukt von Gewalt.

Des­halb wur­zelt das Poli­ti­sche nie­mals im Krieg. Wer wie Putin Krie­ge führt, treibt kei­ne Poli­tik, son­dern nutzt Gewalt als Instru­ment einer Tech­nik des Beherr­schens, die das Poli­ti­sche und damit auch Frei­heit und Leben­dig­keit zer­stört. Des­halb ist der Krieg selbst da abzu­leh­nen, wo er „kalt“ bleibt und nur durch Dro­hun­gen geführt wird. Auch Dro­hun­gen sind Gewalt. Er zer­stört das Mensch­li­che. Dem Mensch­li­chen dient nur die Poli­tik bzw. die Diplomatie. 

In einem der ältes­ten poli­tik­theo­re­ti­schen Dis­kur­se der euro­päi­schen Kul­tur geht es um die Fra­ge, wie Men­schen und Staa­ten auf sinn­vol­le Wei­se mit­ein­an­der umge­hen kön­nen. In sei­nem Dia­log „Die Gesetz“ (gr. Nomoi) lässt Pla­ton einen der Gesprächs­part­ner behaup­ten, alles staat­li­che Han­deln müs­se dar­auf ange­legt sein, Macht zu gene­rie­ren und im Kriegs­fall zu obsie­gen; „weil nichts ande­res, weder Besitz­tü­mer noch Ein­rich­tun­gen, irgend­ei­nen Nut­zen gewäh­ren, so-fern man nicht im Krie­ge den Sieg davon­tra­ge“ (Lg. 626a+b). Der Sinn einer Rechts­ord­nung sei daher, aus­rei­chend Gewalt mobi­li­sie­ren zu kön­nen, um erfolg­reich im Krieg bestehen zu können.

Dem lässt Pla­ton einen namen­lo­sen Athe­ner – in dem vie­le Inter­pre­ten die Stim­me des Autors selbst ver­mu­ten – ent­geg­nen, der Sinn einer Rechts­ord­nung kön­ne immer nur sein, „Frie­den und einen Geist der Freund­schaft“ zu kul­ti­vie­ren. Denn nur auf dem Fun­da­ment des Frie­dens kann ein Haus des Poli­ti­schen errich­tet wer­den, in dem Men­schen mit der Macht der Gemein­sam­keit in Frei­heit han­deln. Poli­tik, die wirk­lich ihren Namen ver­dient, kann nie­mals eine Tech­nik der Gewalt bzw. des Krie­ges sein, son­dern immer nur eine Kunst bzw. Kul­tur des Frie­dens. Und sie ist das Ein­zi­ge, mit dem man der Gewalt des Krie­ges dau­er­haft begeg­nen kann.

Der Wes­ten – das ist die schmerz­li­che Lek­ti­on, die wir jetzt ler­nen müs­sen – hat es in den letz­ten Jah­ren ver­säumt, die Kunst des Frie­dens mit Russ­land zu prak­ti­zie­ren. Es war nicht gut und auch nicht wahr, Russ­land als „Regio­nal­macht“ (Barak Oba­ma) zu dif­fa­mie­ren – und es war töricht zu glau­ben, mit Hil­fe des Mark­tes und der Wirt­schaft (die eben­falls der instru­men­tel­len Ver­nunft fol­gen) Russ­land unter Kon­trol­le zu hal­ten. Auf die­se Wei­se konn­te kein auf Dau­er fried­li­ches, span­nungs­vol­les, aber stim­mi­ges Ver­hält­nis zu Russ­land geschaf­fen wer­den. Für die Ret­tung der Ukrai­ne ist es nun zu spät. Für die Ret­tung Euro­pas – hof­fent­lich – noch nicht.

Das Gebot der Stun­de kann nur eines sein: Der Wes­ten darf sich nicht der Logik der Gewalt unter­wer­fen. Er muss, im Gegen­teil, die Macht des Poli­ti­schen wie­der­ent­de­cken und so schnell es geht ent­fes­seln. Und das heißt zwei­er­lei. Ers­tens: Das Öko­no­mi­sche muss hin­ter das Poli­ti­sche zurück­tre­ten. Der Markt hat schon in der Pan­de­mie ver­sagt, und er ver­sagt noch mehr im Krieg. Der Neo­li­be­ra­lis­mus ist nicht unse­re größ­te Stär­ke, son­dern im Gegen­über zu einer aggres­si­ven Atom­macht unse­re größ­te Schwä­che. Zwei­tens: Wir müs­sen als poli­ti­sche Ein­heit zusam­men­fin­den. Wir, das ist vor allem die Euro­päi­sche Uni­on. Sie muss drin­gend zu einem poli­ti­schen Raum Euro­pas aus­ge­baut wer­den, der mit einer kraft­vol­len Stim­me gegen­über Russ­land spre­chen kann. Solan­ge es hier Polen, Ungarn, Tsche­chi­en und der­glei­chen gibt, wird der rus­si­sche Hun­ger nach die­sen Natio­nen blei­ben. Des­halb: Schluss mit dem natio­nal­staat­li­chen Den­ken! Ein eini­ges Euro­pa, bes­ser heu­te als mor­gen. Nut­zen wir die Ungunst die­ser Stun­de dazu, end­lich das Not­wen­di­ge zu tun! Machen wir Ernst!

Nut­zen wir den Frie­den im Bereich der Euro­päi­schen Uni­on, um in ihr eine mensch­li­che und lebens­dien­li­che poli­ti­sche Macht zu erzeu­gen. Üben wir die Kunst des Frie­dens für ein macht­vol­les poli­ti­sches Euro­pa, das in nicht mehr all-zu fer­ner Zukunft auch mit Russ­land koexis­tie­ren kann. Üben wir die Kunst des Frie­dens, denn allein der Frie­den ist es, der das Leben und das Mensch­seins mög­lich macht. Mag der Krieg der Vater aller Din­ge sein: 

Die Frie­din ist die Mut­ter allen Lebens.