Wesen des Sinns

War­um moder­ne Tech­no­lo­gien die Wür­de des Men­schen gefährden

„Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar.“ Es ist ein kraft­vol­les Wort, mit dem die Prä­am­bel zum Grund­ge­setz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land anhebt. Dabei tut es sei­ner Schön­heit kei­nen Abbruch, dass sei­ne Autoren und Autorin­nen sich scheu­ten, ein­deu­tig zu defi­nie­ren, wie die Wür­de des Men­schen zu bestim­men sei. Denn es liegt in sei­nem Wesen, immer neu bedacht und immer neu mit Leben gefüllt wer­den zu müs­sen: Jede Zeit kennt ihre eige­nen und unge­ahn­ten Angrif­fe auf die Men­schen­wür­de. Jede Zeit braucht des­halb eige­ne Ant­wor­ten dar­auf, wie sie zu bestim­men ist – und wie ihre Unan­tast­bar­keit gewähr­leis­tet wer­den kann. Für die Gegen­wart gilt dies in beson­de­rem Maße. 

Wir ste­hen an der Schwel­le vom ana­lo­gen zum digi­ta­len Welt­zeit­al­ter. Eine bei­spiel­lo­se Wel­le tech­ni­scher Inno­va­tio­nen hat in den letz­ten 25 Jah­ren dazu geführt, dass sich das Ant­litz des Pla­ne­ten grund­le­gend ver­än­dert hat. Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie, Bio- und Gen­tech­no­lo­gie, Robo­tik, Medi­zin­tech­nik und ande­re avan­cier­te Wis­sen­schafts­zwei­ge stel­len Ent­wick­lun­gen in Aus­sicht, die man­che in Begeis­te­rungs­stür­me ver­set­zen, wäh­rend sie ande­ren den Angst­schweiß auf die Stir­ne trei­ben. Unbe­dacht bleibt dabei meist, was aus der Men­schen­wür­de wer­den wird, wenn die Ver­hei­ßun­gen der Zukunfts­vi­sio­nä­re im Sili­kon-Val­ley wahr wer­den. Wird sie unan­tast­bar blei­ben – oder steht uns ein mas­si­ver Angriff auf die Men­schen­wür­de bevor?

Wer auf die­se Fra­gen eine Ant­wort sucht, ist gut bera­ten, den Ver­such zu wagen, das Kon­zept der Wür­de mit einem zeit­ge­mä­ßen Inhalt zu fül­len, der erkenn­bar macht, wo und wie die Men­schen­wür­de gegen­wär­tig in Gefahr ist; und was genau zu tun wäre, um ihre mög­li­che Ver­let­zung zu ver­mei­den. Wich­tig ist zunächst, das Kon­zept der Wür­de klar von dem abzu­gren­zen, was man als Wert bezeich­net. Wert bekommt etwas immer nur rela­tiv auf den Wil­len, das Inter­es­se oder das Bedürf­nis von Men­schen, d.h.: Wert hat das, was wir wol­len oder wol­len sol­len. Weil Men­schen in unter­schied­li­chen Epo­chen und Kul­tu­ren unter­schied­li­che Din­ge für erstre­bens­wert hiel­ten, kam es in der Mensch­heits­ge­schich­te immer wie­der zu dem, was Fried­rich Nietz­sche eine „Umwer­tung der Wer­te“ nann­te. Wer­te sind immer antast­bar. Bei der Wür­de ist es anders. Wür­de hat etwas völ­lig unab­hän­gig davon, ob es einen Wert hat. Wür­de muss des­halb allem zuge­spro­chen wer­den, was nicht um eines bestimm­ten Zwecks wil­len, son­dern nur um sei­ner selbst wil­len gewor­den ist: allem Leben­di­gen – und natür­lich auch dem Men­schen. Das in etwa ist es, was der Phi­lo­soph Imma­nu­el Kant mein­te, als er sag­te, der Wür­de eines Men­schen genüg­ten wir dann, wenn wir ihn nicht bloß als Mit­tel, son­dern immer auch als Zweck ver­ste­hen. Wird der Mensch als Skla­ve oder Kon­su­ment zum Zwe­cke ande­rer instru­men­ta­li­siert, ist es um sei­ne Wür­de geschehen. 

Das leuch­tet ein, bleibt aber for­mal. Will man das Kon­zept der Wür­de mit Inhalt fül­len, tut man des­halb gut dar­an, einen ande­ren Phi­lo­so­phen zu kon­sul­tie­ren: Gio­van­ni Pico del­la Miran­do­la. In sei­ner „Rede über die Wür­de des Men­schen“ von 1490 erläu­tert er, die­se grün­de dar­in, dass der Mensch wie ein Bild­hau­er sein eige­nes Leben als ein Kunst­werk gestal­ten kön­ne. Die­ser Gedan­ke führ­te im 18. Jahr­hun­dert dazu, die mensch­li­che Wür­de an dem Kon­zept der Auto­no­mie fest-zuma­chen. Wür­dig ist das Leben eines Men­schen dem­nach nur dann, wenn er selb­stän­dig ent­schei­den kann, wie er es gestal­ten möch­te. Die­ses Ver­ständ­nis von Wür­de hat sich seit­her durch­ge­setzt. Und so ist nur logisch, dass die Anbie­ter neu­er Tech­no­lo­gien ihre Pro­duk­te damit bewer­ben, dass sie der Auto­no­mie des Men­schen dien­lich sind; vor allem, wenn sie an alte Men­schen adres­siert sind. Egal ob es sich um einen Assis­tenz­ro­bo­ter han­delt, ein über Gen- oder Bio­tech­no­lo­gie ent­wi­ckel­tes Ersatz­or­gan oder ‑gelenk, ein mit Künst­li­cher Intel­li­genz aus­ge­stat­te­tes Kuschel­tier, eine Ale­xa oder ein selbst­fah­ren­des Auto: Stets ver­heißt man uns mehr Selb­stän­dig­keit, Selbst­be­stim­mung, Selbstverwirklichung.

Was dabei aber auf der Stre­cke bleibt, ist die Wür­de. Tat­säch­lich ver­liert der Mensch sie in dem Maße, in dem er sich mit tech­ni­schen Appa­ra­tu­ren umgibt, die ihn mehr und mehr zum Teil einer gigan­ti­schen Maschi­ne trans­for­mie­ren. Nicht der ein­ma­li­gen und unbe­re­chen­ba­ren Indi­vi­dua­li­tät eines Men­schen die­nen sei­ne intel­li­gen­ten tech­ni­schen Hilfs­mit­tel, son­dern sei­ner rei­bungs­lo­sen Inte­gra­ti­on in die Abläu­fe einer Ein­rich­tung oder sei­ner bere­chen­ba­ren Nutz­bar­ma­chung für die Erfor­der­nis­se des Mark­tes. Die Digi­ta­li­sie­rung der Welt erweist sich oft genug als eine unheil­vol­le Maschi­ni­sie­rung des Men­schen, in deren Fol­ge sei­ne Wür­de hin­ter dem Dik­tat von Funk­tio­na­li­tät und opti­mier­ter Effi­zi­enz verblasst.

Tat­säch­lich griff es schon zur Zeit der Auf­klä­rung zu kurz, die Wür­de des Men­schen mit sei­ner Auto­no­mie zu iden­ti­fi­zie­ren. So war das Bild des sich selbst gestal­ten­den Künst­lers aber auch nicht gemeint. Des­sen Poin­te liegt nicht in der Eigen­mäch­tig­keit des Men­schen, son­dern in sei­nem Ver­mö­gen, durch Selbst­füh­rung Schön­heit und Sinn zu gene­rie­ren. Nicht, dass er tun und las­sen kann, wo-nach ihm der Sinn steht, macht die Wür­de des Men­schen, son­dern dass er die Welt mit Sinn berei­chern kann. „Der Wil­le zum Sinn bestimmt unser Leben“, sag­te der gro­ße Wie­ner Psych­ia­ter und Psy­cho­lo­ge Vik­tor Frankl mit gutem Grund. Des­halb ist die Wür­de des Men­schen über­all da gefähr­det, wo sein Wil­len zum Sinn beein­träch­tigt wird. Genau das aber ist der Fall, wo er den Impe­ra­ti­ven einer noch so intel­li­gen­ten Tech­no­lo­gie unter­wor­fen wird.

Um Sinn erfah­ren und stif­ten zu kön­nen, braucht der Mensch kei­ne tech­ni­sche Opti­mie­rung, son­dern nicht mehr und nicht weni­ger als die Begeg­nung mit an-deren Men­schen. „Alles wirk­li­che Leben ist Begeg­nung“, sag­te der Phi­lo­soph Mar­tin Buber, denn es ist die Begeg­nung mit dem Ande­ren, die uns Sinn­per­spek­ti­ven öff­net. Dies gilt vor allem für die Begeg­nung mit ande­ren Men­schen, eben­so aber auch für die Begeg­nung mit Erzeug­nis­sen aus Kunst und Lite­ra­tur oder die Begeg­nung mit der leben­di­gen Natur. Um Sinn zu erfah­ren, braucht der Mensch Anspra­che – sei es in Gestalt anspruchs­vol­ler Kul­tur, anspre­chen­der Men­schen oder anrüh­ren­der Natur­mo­men­te. Und er braucht ein Gegen­über, dem er sich mit­tei­len kann – Gesprächs­part­ner, die zuhö­ren und ihn im Fra­gen nach dem Sinn beglei­ten. Nur in der Kon­ver­sa­ti­on mit der Welt öff­net sich der Raum des Sinns: der Raum, den wir Men­schen brau­chen, wenn unse­rer Wür­de bewahrt wer­den soll.

Die­ser Raum jedoch geht unter dem Andrang neu­er Tech­no­lo­gien ver­lo­ren. Digi­ta­le Gerä­te wie Smart­pho­nes sind nicht in der Lage, einen Begeg­nungs­raum für Sin­n­erfah­rung zu öff­nen. Viel­mehr nei­gen sie dazu, die leben­di­ge Kon­ver­sa­ti­on des Men­schen durch Zer­streu­ung und Unter­hal­tung zu ver­nich­ten. Je mehr Zeit wir im Inter­net oder vor unse­ren Moni­to­ren ver­brin­gen, des­to mehr gehen wir unse­rer Wür­de ver­lus­tig. Tech­ni­sche Inno­va­tio­nen, die den Men­schen weder geis­tig noch see­lisch näh­ren, sind sei­ner unwür­dig. Das glei­che gilt für Tech­no­lo­gien, die den Raum für Begeg­nung beschrän­ken. Gera­de im Bereich von Pfle­ge und Betreu­ung sind alle tech­ni­schen Appa­ra­tu­ren als wür­de­los abzu­leh­nen, die den leib­haf­ti­gen Men­schen als Gesprächs­part­ner, Pfle­ger oder Betreu­er erset­zen sol­len. Wo sie hin­ge­gen dazu die­nen, mehr Raum und Zeit für mensch­li­che Begeg­nung zu erlau­ben, dür­fen sie als der Men­schen­wür­de dien­lich begrüßt wer-den. Am Ende wer­den sich alle tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen dar­an mes­sen las­sen müs­sen, ob sie dem Men­schen zu einem wür­di­gen Leben ver­hel­fen: einem Leben inmit­ten einer leben­di­gen Welt und unter Men­schen – einem Leben, das sich im stän­di­gen Gespräch und Aus­tausch mit der Welt zu einem ein­ma­li­gen und schö­nen Kunst­werk fügt; einem Leben, das sich selbst genügt und des­halb Ja zu sei­nem Ende sagen kann. Dafür die erfor­der­li­chen Bedin­gun­gen zu schaf­fen, ist die Auf­ga­be, vor der unse­re Gesell­schaft heu­te steht. Von ihr wird uns kei­ne künst­li­che Intel­li­genz und kein Robo­ter entbinden.