GROSSZÜGIGKEIT

(Der Esel kennt nicht Neid noch Geiz, darin besteht sein wahrer Reiz.)

Groß­zü­gig­keit ist ein Grund­prin­zip des Lebens: Die Natur gibt gern mit vol­len Hän­den. Stets pro­du­ziert sie mehr, als gebraucht wird: mehr Arten, mehr Samen, mehr Sper­mi­en, mehr Blü­ten, mehr Früch­te. Ein jeder Baum wächst, um zu blü­hen und sei­ne Früch­te zu ver­schen­ken. Die Natur kennt kei­nen Geiz und kei­ne Klein­lich­keit. Sie liebt das Üppi­ge und Über­vol­le. Frei­mü­tig gibt sie ihre Gaben und neigt ver­schwen­de­risch zu Über­fluss. Sie gibt aus vol­len Hän­den und gewährt uns neid­los ihre Schönheit.

Wenn du in Füh­rungs­ver­ant­wor­tung stehst, tust du gut dar­an, dich an der Groß­zü­gig­keit der Natur zu ori­en­tie­ren. Sie ist die Meis­te­rin des Gebens. Sie gibt all denen, die ihrer bedür­fen und die dank­bar ihre Gaben nut­zen. Wenn du ihr dar­in folgst, wirst du nicht nur ande­re Men­schen glück­lich machen, son­dern auch dich selbst: Denn die Natur durch­wal­tet auch dein Leben, auch du bist ein Natur­pro­dukt, des­sen Dasein sich dar­in erfüllt, das in ihm ange­leg­te Poten­zi­al zur vol­len Schön­heit zu ent­fal­ten und es frei­gie­big der Welt zu schen­ken. Eben das ist das Geheim­nis ech­ter Grö­ße: nicht nur groß zu wach­sen, son­dern über sich hin­aus­zu­wach­sen und mit einer gro­ßen See­le die Klein­lich­keit des eige­nen Egos hin­ter sich zu las­sen. Die alten Grie­chen hat­ten dafür ein eige­nes Wort: mega­lo­psy­chía, See­len­grö­ße. Einem Phi­lo­so­phen wie Aris­to­te­les galt sie als eine der vor­nehms­ten Tugen­den des Men­schen – als Erschei­nungs­form einer gesun­den, rei­fen und erwach­se­nen mensch­li­chen See­le, die nicht um ihr eige­nes Wohl­erge­hen besorgt ist, son­dern um die Har­mo­nie der Welt, in die sie ein­ge­bet­tet ist: der Orga­ni­sa­ti­on, des Gemein­we­sens, der Natur. Eine gro­ße See­le han­delt des­halb ihrer eige­nen und der gro­ßen Natur gemäß, wenn sie sich ande­ren gegen­über groß­zü­gig und groß­mü­tig erweist.

Das Gegen­teil der gro­ßen See­le ist das klei­ne Ich. Man erkennt das klei­ne Ich dar­an, dass es außer­stan­de ist, sich sel­ber zu ver­schen­ken. Klein­lich ist es stets nur um sich selbst besorgt. Und sein Klein­mut nimmt dem Ich die Fähig­keit zu han­deln. Es kann nicht in die Wei­te den­ken. Immer kreist das klei­ne Ich um sei­ne eige­ne Bedürf­tig­keit und sei­ne eige­nen Inter­es­sen. Weder kann es ande­ren etwas geben, noch kann es die Gaben ande­rer dank­bar anneh­men. Es bleibt immer nur bei sich, wird karg und klein­lich, kann den ande­ren nichts gön­nen, lebt stän­dig im Ver­gleich und fühlt sich per­ma­nent zu kurz gekom­men – eine Dyna­mik, die du als Füh­rungs­kraft unbe­dingt erken­nen und ver­mei­den soll­test, weil sie nicht nur dich klein­macht, son­dern auch die gan­ze Fir­ma run­ter­zieht. Wie willst du etwas bewe­gen, wenn du nicht der Enge dei­ner Bedürf­nis­se ent­kommst, wie wirst du jemals Gro­ßes schaf­fen, wenn du klein­mü­tig und klein­lich bist? Klein­lich­keit, Eng­her­zig­keit und Geiz sind Eigen­schaf­ten, die einer Füh­rungs­per­son nicht gut zu Gesich­te ste­hen. Eben­so wenig wie eine Hal­tung des Ver­schwen­dens oder Verschleuderns.

Ver­schwen­dung ist ganz etwas ande­res als Groß­zü­gig­keit. Ver­schwen­de­ri­sche Men­schen war­ten nicht dar­auf – um im Bild des Mär­chens zu blei­ben –, dass jemand emp­fäng­lich und dank­bar das Tuch für ihre Gaben aus­brei­tet. Unge­fragt „beglü­cken“ sie jede und jeden mit allem, was abzu­son­dern ihnen gera­de durch den Sinn geht. Das ist kein Zei­chen von Groß­zü­gig­keit; und schon gar nicht von Füh­rungs­kom­pe­tenz, son­dern von Ignoranz.

Neben Klein­lich­keit und Ver­schwen­dung gibt es noch ein wei­te­res Gegen­teil der Groß­zü­gig­keit: eine per­fi­de Schein-Groß­zü­gig­keit, hin­ter der nun gera­de nicht eine gro­ße See­le, son­dern ein ehr­gei­zi­ges Ego ver­bor­gen ist. Die­se Schein-Groß­zü­gig­keit ist eine Erschei­nungs­form des selbst­ver­lieb­ten Hoch­muts, dem es dar­um geht, sich durch ver­meint­li­che Frei­gie­big­keit über die ande­ren zu stel­len. Bei Lich­te bese­hen ist die­se fal­sche Groß­zü­gig­keit nichts ande­res als ein sub­ti­les Mit­tel der Macht­aus­übung: Sie gibt ande­ren Men­schen, um sie von sich abhän­gig zu machen oder ihnen das ungu­te Gefühl zu geben, dem Geber etwas zu schul­den; manch­mal auch, um sie zu beschä­men. Wenn du so etwas im Sinn hast, kannst du sicher sein, dass nicht dei­ne groß­zü­gi­ge See­le dein Han­deln und Den­ken lenkt, son­dern dein klein­li­ches und klei­nes Ego. Dar­an soll­test du arbeiten.

Fal­sche Schein-Groß­zü­gig­keit ist toxisch. Lang­fris­tig führt sie dazu, dass die Men­schen das Ver­trau­en ver­lie­ren. Und nicht nur das: Sie führt auch dazu, dass vie­le Men­schen ein Pro­blem damit haben, sich von der ech­ten Groß­zü­gig­keit ande­rer beschen­ken zu las­sen. Sie haben die Freu­de des Beschenkt­wer­dens ver­lernt, weil sie glau­ben, jede Gabe durch Gegen­ga­ben aus­glei­chen zu müs­sen: als gin­ge es um ein Geschäft, bei dem eines mit dem ande­ren ver­gol­ten wer­den muss. Wer von die­sem Geist des do ut des (lat.: Ich gebe, damit du gibst) gelei­tet wird, ist außer­stan­de, groß­zü­gig zu sein.

Gute Füh­rung braucht Grö­ße: Grö­ße im Neh­men und Grö­ße im Geben: eine Grö­ße, die dar­in besteht, nicht klein­lich alles mit­ein­an­der zu ver­rech­nen, son­dern dem natür­li­chen Impuls des Her­zens zu fol­gen, dem die Freu­de der Frei­gie­big­keit eigen ist – und das sich unbe­fan­gen und frei an der Groß­zü­gig­keit ande­rer erfreu­en kann. Durch die Grö­ße im Neh­men und Geben wach­sen Schön­heit, Freu­de und Ener­gie im Gar­ten mensch­li­cher Begeg­nung. Die­se Grö­ße macht den Unter­schied zwi­schen Füh­rungs­kräf­ten, die wahr­haft sol­che sind, und jenen, die ledig­lich so heißen.

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Aus „Wacher Geist und fes­ter SchrittDas Buch ist über­all im Buch­han­del erhält­lich ISBN 978–3‑948206–14‑7 Euro 18,90 Wacher Geist und fes­ter Schritt (Link führt zu buch24.de)