EIN GUTES GESPRÄCH IST DIE BESTE MEDIZIN

Ältes­te Phi­lo­so­phie und moder­ne Wis­sen­schaft sind sich dar­in einig, dass Wor­te hei­len können
Am Hau­se des Anti­phon zu Korinth, so erzählt eine anti­ke Legen­de, prang­te ein küh­nes Wort: »Ich kann Kran­ke durch Wor­te hei­len.« Was moder­nen Ohren hoch­tra­bend, eso­te­risch und unse­ri­ös klingt, scheint dem Men­schen der Anti­ke nicht fremd gewe­sen zu sein. Auch der gro­ße Arzt Hip­po­kra­tes lehr­te sei­ne Schü­ler, dass vor Arz­nei und Mes­ser stets das The­ra­peu­ti­kum des Wor­tes zu erpro­ben sei. Die alten Grie­chen, scheint es, waren Pio­nie­re des­sen, was sich heu­te als neue For­schungs­rich­tung eta­bliert: der the­ra­peu­ti­schen Kommunikation.
"How_to_Measure"_diagram,_with_graduated_cylinder_measuring_fluid_drams,_1926Tat­säch­lich scheint es avan­cier­ten Medi­zi­nern heu­te kei­nes­wegs absurd, dass Wor­te hei­len kön­nen. Neu­ro­phy­sio­lo­gie und Psy­cho­neu­ro­im­mu­no­lo­gie haben in den letz­ten Jah­ren Erkennt­nis­se zuta­ge geför­dert, die dar­auf hin­wei­sen, dass Spra­che ein hoch­gra­dig wir­kungs­vol­les The­ra­peu­ti­kum sein kann. Nicht nur zei­gen sta­tis­ti­sche Erhe­bun­gen, dass eine gelun­ge­ne Kom­mu­ni­ka­ti­on von Arzt und Pati­ent auf signi­fi­kan­te Wei­se Hei­lungs­ver­läu­fe beschleu­ni­gen kann. Auch lehrt die Hirn­for­schung, war­um das so ist: Das Gehirn trennt nicht zwi­schen Ima­gi­na­ti­on und Wirk­lich­keit, sodass sprach­lich ver­mit­tel­te und nur sug­ges­tiv vor­ge­stell­te Inhal­te Wirk­lich­keit erzeu­gen kön­nen. Was lan­ge als »Pla­ce­bo« abge­tan wur­de, wird nun in sei­ner Wirk­sam­keit erklärbar.
Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint plau­si­bel, dass gegen­wär­tig das von dem Ber­li­ner Wis­sen­schaft­ler Hart­mut Schrö­der gepräg­te Stich­wort der »Kul­tur­heil­kun­de« die Run­de macht. Ganz so, als bestä­tig­te sich eine Pro­phe­zei­ung, die Wil­helm von Hum­boldt vor 200 Jah­ren aus­zu­spre­chen wag­te: »Es wird der Tag kom­men, wo die Men­schen erken­nen, dass ihre Krank­hei­ten mit ihren Gedan­ken und Gefüh­len zusam­men­hän­gen.« Ein Wort, das die Essenz des­sen vor­weg­nimmt, was im 20. Jahr­hun­dert als psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin Epo­che machte.
Einem ihrer Vor­den­ker, Vik­tor von Weiz­sä­cker, ver­dankt sich denn auch der Begriff der »spre­chen­den Medi­zin«. Ihn ihm ver­dich­te­te sich sei­ne Ein­sicht in die enge Ver­wo­ben­heit von Kör­per und See­le, leib­li­chen und psy­chi­schen Pro­zes­sen. Auch die­se Erkennt­nis war nicht neu. Auch sie rührt her aus der Anti­ke, genau­er von Sokra­tes; wenn wir einer Pas­sa­ge aus Pla­tons Dia­log Charmi­des Glau­ben schen­ken. Was Pla­ton sei­nem Sokra­tes dar­in zum Bes­ten geben lässt, liest sich als Pro­gramm­skiz­ze der moder­nen Psy­cho­so­ma­tik: »Denn alles, sag­te er, ent­sprän­ge aus der See­le, Schlech­tes und Gutes dem Lei­be und dem gan­zen Men­schen, und strö­me ihm von dort­her zu. Jene also müs­se man zuerst und am sorg­fäl­tigs­ten behan­deln, wenn es um den Kopf und auch um den gan­zen Leib gut ste­hen solle.«
Wie aber, möch­te man nun wis­sen, lässt sich die See­le so behan­deln, dass in ihr die Kraft zur Hei­lung des Lei­bes ent­facht wird? Auch hier ist Sokra­tes um eine Ant­wort nicht ver­le­gen: »Die See­le, sag­te er, wer­de durch gewis­se Bespre­chun­gen behan­delt, und die­se Bespre­chun­gen sei­en gute Gesprä­che. Denn durch sol­che Gesprä­che ent­ste­he in der See­le Beson­nen­heit, und wenn die­se da ist, sei es leicht, auch den Kör­per gesun­den zu lassen.«
Die Sache klingt plau­si­bel: Wenn Wor­te hei­len kön­nen, dann ist das Gespräch die­je­ni­ge The­ra­pie­form, in der die Heil­kraft der Spra­che zur Gel­tung kom­men kann. So wird erkenn­bar, welch hohe Rele­vanz das direk­te Gespräch mit dem Arzt für die Gene­sung eines Kran­ken hat. Vor­aus­ge­setzt, der Arzt beherrscht die Kunst der the­ra­peu­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on, die immer eine Kunst des Dia­logs ist.
Die­ser Kunst des Arzt­ge­sprächs hat der Phi­lo­soph Hans-Georg Gada­mer gro­ße Auf­merk­sam­keit gewid­met. Als Gesprächs­part­ner und Kol­le­ge Vik­tor von Weiz­sä­ckers galt sein Inter­es­se der hei­len­den Kraft es Wor­tes – von der er als zuletzt über Hun­dert­jäh­ri­ger viel ver­stand. In einem Vor­trag beschreibt er ein­mal, wor­in sich ärzt­li­che Gesprächs­kunst zeigt: in der klas­si­schen Sprech­stun­den­fra­ge: »Was fehlt Ihnen?« Mit ihr spie­le der Arzt den Ball in das Feld des Pati­en­ten. Nun kön­ne die­ser sein Herz aus­schüt­ten und sich aussprechen.
Das füh­re dann dazu, »dass der Pati­ent ver­gisst, dass er Pati­ent und in Behand­lung ist.« Gada­mer wei­ter: »Wenn einer so ins Gespräch gekom­men ist, wie wir uns auch sonst mit­ein­an­der im Gespräch ver­stän­di­gen, dann regen wir wie­der den bestän­di­gen Aus­gleich von Schmerz und Wohl­be­fin­den an und die sich immer wie­der­ho­len­de Erfah­rung der Wie­der­fin­dung der Balan­ce.« Doch gelin­ge die­ses Gespräch erst dann, wenn es dem ent­spricht, »was wir auch sonst im Zusam­men­le­ben ken­nen, näm­lich dass man in ein Gespräch gerät, das eigent­lich kei­ner führt, son­dern das uns alle führt.«
Die von Gada­mer beschrie­be­ne Erfah­rung ist nicht unge­wöhn­lich: Es gibt die­se Gesprä­che, in denen wir unmerk­lich zu Ein­sich­ten geführt wer­den, die wir nicht gesucht oder erstrebt hat­ten. Sie fal­len uns zu – und sie berüh­ren uns in der Tie­fe unse­rer See­le – ganz so, als habe unse­re See­le im Dia­log zuletzt mit sich selbst gespro­chen. Dass sol­ches geschieht, ist auch der Ide­al­fall des Gesprächs zwi­schen Arzt und Pati­ent. Und es wäre der Kul­mi­na­ti­ons­punkt einer Heil­kunst, an dem Arzt und Pati­ent so kom­mu­ni­zie­ren, dass sich durch die Har­mo­nie ihrer Kom­mu­ni­ka­ti­on eine Kohä­renz im Gehirn des Pati­en­ten ein­schwingt, die des­sen Immun­sys­tem befeu­ert und akti­viert. Weil im Gespräch die Über­ein­stim­mung der See­le mit sich selbst auf Sei­ten des Pati­en­ten evo­ziert wer­den kann, ist ein gutes Gespräch am Ende die bes­te Medizin.
In der Erkennt­nis, das Gespräch und Spra­che wich­ti­ge Fak­to­ren bei der Hei­lung sind, kom­men sich anti­ke Phi­lo­so­phie und moder­ne Medi­zin erstaun­lich nahe. Gewiss ist die­se Ein­sicht im moder­nen Gesund­heits­we­sen erst ansatz­wei­se ange­kom­men. Doch könn­te es sein, dass der Tag nicht mehr weit ist, von dem der US-ame­ri­ka­ni­sche Autor Ralph Wal­do Tri­ne einst ora­kel­te: »Die Zeit wird kom­men, wo die Tätig­keit des Arz­tes nicht dar­in bestehen wird, den Kör­per zu behan­deln, son­dern den Geist zu hei­len, der dann sei­ner­seits den Kör­per hei­len wird. Mit ande­ren Wor­ten, der rech­te Arzt wird ein Phi­lo­soph und Leh­rer sein und sei­ne Sor­ge wird es sein, den Men­schen gesund zu erhal­ten und nicht erst wenn er krank gewor­den ist sei­ne Hei­lung zu ver­su­chen.« Es könn­te sein, dass auf die Phi­lo­so­phen künf­tig neue Arbeit zukommt.
http://blogs.philosophie.ch/sante/2016/03/01/gespraech/