Die Kunst der Gelassenheit

Gedan­ken­rei­se durch die Geschich­te und Kul­tu­ren

Gelas­sen sein – das wünsch­ten sich die Men­schen schon immer. Was aber ist das Geheim­nis der Mys­ti­ker und Phi­lo­so­phen, die das Los­las­sen des Ego als Königs­weg zu einem erfüll­ten und har­mo­ni­schen Leben beschrie­ben? Nach­fol­gend erzäh­le ich, wie Meis­ter Eck­hart, Bud­dha, Sokra­tes und die Sufis Gelas­sen­heit übten.

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„Vor allem eines: Lass dich!“ Meis­ter Eck­hart, der gro­ße Mys­ti­ker des Mit­tel­al­ters, hat­te eine kla­re Bot­schaft: Los­las­sen – das ist der Weg zu Gott und damit auch der Weg zur Wahr­heit, zum Glück, zu einem gelun­ge­nen Men­schen­le­ben.

Aber nicht irgend­et­was gel­te es los­zu­las­sen, son­dern vor allem sich selbst: „Führ­wahr, lie­ße ein Mensch ein König­reich oder die gan­ze Welt, behiel­te aber sich selbst, so hät­te er nichts gelas­sen“, pre­dig­te er. Und berief sich dabei auf Jesus selbst. Hat­te der doch einen, der zöger­te ihm nach­zu­fol­gen, wis­sen las­sen: „Wer sei­ne Hand an den Pflug legt und dann zurück­blickt, taugt nicht für das Got­tes­reich.“ Das war radi­kal gespro­chen. Und eben­so radi­kal war Meis­ter Eck­hart, wenn er sei­nen Novi­zen wie­der und wie­der ein­trich­ter­te: „Lass ab von dir; das ist das Aller­bes­te.“

Wie übt man Los­las­sen in Asi­en?
Das Motiv des Los­las­sens fin­det man auch in den Weis­heits­schu­len Asi­ens, bei den mus­li­mi­schen Sufis oder in scha­ma­ni­schen Kul­tu­ren. Der Bud­dhis­mus hat eine gro­ße Sache dar­aus gemacht, hat­te doch schon Gaut­ama Bud­dha selbst den Sei­nen emp­foh­len, sie mögen sich in den Tie­fen der Medi­ta­ti­on von allen Anhaf­tun­gen lösen; um befreit von allen Las­ten und Hin­der­nis­sen das Glück der befrei­en­den Medi­ta­ti­on zu erle­ben.

Heu­te drückt der US-ame­ri­ka­ni­sche Zen-Meis­ter Jack Korn­field es so aus: „Erst wenn man sei­ne Lebens­ge­schich­te mit allen dar­an geknüpf­ten Hoff­nun­gen und Ängs­ten los­lässt, kann der Geist zur Ruhe kom­men und das Herz sich öff­nen.“ Aber wie geht das? Und über­haupt: Was heißt Los­las­sen eigent­lich – vor allem sich selbst los­las­sen? Was bleibt noch übrig, wenn jemand „sei­ner selbst ledig“ wird?

Eine ein­drucks­vol­le Ant­wort dar­auf gibt die bud­dhis­ti­sche Leh­re­rin Syl­via Wet­zel: „Neh­men Sie einen Kugel­schrei­ber in die Hand und hal­ten Sie ihn fest. Jetzt öff­nen Sie die Hand und las­sen ihn los. Fällt er auf den Boden, ver­wech­seln Sie Los­las­sen mit Ver­lie­ren. Bleibt er in Ihrer nach oben geöff­ne­ten Hand lie­gen, hal­ten Sie nicht fest, kön­nen den Stift aber wei­ter ver­wen­den.“

Doch das ist leich­ter gesagt als getan. Denn wer los­lässt, gibt dabei immer auch ein Stück Ver­traut­heit und Sicher­heit auf. Lieb­ge­won­ne­ne Gewohn­hei­ten wer­den dabei eben­so zur Dis­po­si­ti­on gestellt wie alle Selbst­bil­der und Idea­le, nach denen wir unser Leben aus­rich­ten. Das macht Angst, und eben die­se Angst ist es, die vie­le Men­schen umso ver­zwei­fel­ter an dem Bewähr­ten und Bekann­ten fest­hal­ten lässt. Was tun?
Auch hier weiß Syl­via Wet­zel Rat: „Los­las­sen“, sagt sie, „wird leich­ter, wenn wir bemer­ken, wie sehr wir an Mei­nun­gen und Ansich­ten, Erwar­tun­gen und Befürch­tun­gen hän­gen. Wir brau­chen uns nicht den Kopf zu zer­bre­chen, wie ‚die Din­ge wirk­lich sind‘“. Viel­mehr genü­ge es, unse­re Erwar­tun­gen und Ansich­ten als „Gedan­ken-Kon­struk­te“ zu durch­schau­en.

Und genau das wird uns wohl tun. Weil es der Wahr­heit ent­spricht. Weil es bei Lich­te bese­hen ja tat­säch­lich nichts gibt, was wir hal­ten könn­ten. Weil es am Ende tat­säch­lich dar­auf ankom­men wird, uns selbst los­zu­las­sen, um den Schritt über die Schwel­le vom Leben zum Tod fried­lich gehen zu kön­nen.

Sufis: „Stirb, bevor du stirbst!“
Vor allem die mus­li­mi­schen Mys­ti­ker des Sufis­mus haben die­sen Gedan­ken stark gemacht. Aus­ge­hend von dem oft zitier­ten Koran-Vers „Stirb, bevor du stirbst!“ üben sie eine Spi­ri­tua­li­tät der tota­len und bedin­gungs­lo­sen Hin­ga­be an Gott. So ist es für einen Sufi von gro­ßer Wich­tig­keit, alles los­zu­las­sen, was ihn von Allah trennt – alle mensch­li­chen Eigen­schaf­ten wie Klei­der vom Leib zu strei­fen, um end­lich nackt und bloß in Gott auf­zu­ge­hen, in sei­ner gren­zen­lo­sen Lie­be zu ver­glü­hen und zu einem neu­en, wah­ren Leben auf­zu­er­ste­hen. Bei­na­he so, wie Goe­the es in sei­nem West-Öst­li­chen Divan beschrie­ben hat: „Und solang du das nicht hast, die­ses ‚Stirb und Wer­de!‘, bist du nur ein trü­ber Gast auf der stil­len Erde.“

„Das Ster­ben des Mys­ti­kers, das Los­las­sen des Ich, ist sehr viel schwe­rer als das phy­si­sche Ster­ben“, lehrt etwa Wil­li­gis Jäger, sei­nes Zei­chens Zen-Meis­ter und Bene­dik­ti­ner­pa­ter. Und er erläu­tert, die­ses mys­ti­sche Ster­ben sei „ein Ster­ben in ein viel Grö­ße­res hin­ein, bei dem die Fra­ge nach dem Fort­be­stand der Per­so­na­li­tät zurück­ge­tre­ten ist“.

Es sei das Ster­ben, das Jesus vor­ge­lebt habe, als er bete­te: “Vater, in dei­ne Hän­de emp­feh­le ich mei­nen Geist”. Da sei nicht mehr „der Wunsch nach einem Him­mel, nicht die Hoff­nung auf ein Gebor­gen­sein bei Gott“, son­dern nur noch das radi­ka­le „Los­las­sen des Unwe­sent­li­chen“.

Sokra­tes: Es geht um Frei­heit
Auch die Phi­lo­so­phen des alten Grie­chen­land haben im Los­las­sen des Ichs der Weis­heit letz­ten Schluss gewähnt. Sokra­tes erschreck­te einst sei­ne Freun­de mit der The­se, wer sich zu Leb­zei­ten ums rech­te Phi­lo­so­phie­ren bemü­he und ein wahr­haft gutes und schö­nes Leben füh­ren wol­le, dür­fe nach nichts ande­rem trach­ten als zu ster­ben und tot zu sein.

Er woll­te dies nicht als Appell zum Sui­zid ver­stan­den wis­sen, son­dern als Auf­for­de­rung dazu, sich immer wie­der in Fra­ge zu stel­len: die lieb­ge­won­ne­nen Mei­nun­gen zu über­prü­fen und vor allem das Ich-Bild, mit dem wir uns zu iden­ti­fi­zie­ren pfle­gen. Denn nur so könn­ten wir so etwas wie Frei­heit erlan­gen.

Und also ver­stand er sei­ne phi­lo­so­phi­schen Akti­vi­tä­ten als uner­müd­li­ches Fra­gen-Stel­len. Sich selbst sah er dabei als eine „geis­ti­ge Heb­am­me“, die ihren Gesprächs­part­nern beim Pro­zess des Abna­belns zur Hand gehen woll­te. Was ihm bekannt­lich nicht gut bekom­men ist: Von sei­nen hart­nä­cki­gen Gefra­ge genervt, beschloss die Athe­ner Volks­ver­samm­lung, den läs­ti­gen Phi­lo­so­phen los­zu­wer­den und ver­ur­teil­te ihn kur­zer­hand wegen „Ver­derb­nis der Jugend“ zum Tode.

Doch sei­ne Weis­heit leb­te fort, zum Bei­spiel in sei­nen geis­ti­gen Erben: den Schu­len der Stoi­ker und Epi­ku­re­er. Wer die Welt nach sei­nem eige­nen Bil­de schaf­fen und deu­ten möch­te, so ihre Über­zeu­gung, legt sich damit selbst in Ket­ten.

Die Leh­re von der heil­sa­men Kraft des Los­las­sens war damals bis zu den Mäch­ti­gen vor­ge­drun­gen. Der römi­sche Kai­ser Marc Aurel notier­te in sei­nen „Maxi­men und Reflek­tio­nen“, das Glück sei­nes Lebens hän­ge allein von der Beschaf­fen­heit sei­ner Gedan­ken ab. So dass er sich selbst dazu anhal­ten konn­te: „Mache dich von dei­nen Vor­ur­tei­len los, so bist du geret­tet!“ Hier gerät Los­las­sen zu einer staats­män­ni­schen Tugend; einer Tugend, die der Phi­lo­soph auf Roms Thron offen­bar selbst beherrsch­te, war er sich doch nicht zu scha­de, sei­ne Weis­heit von einem Skla­ven zu erler­nen.
Sich auf das Leben ein­las­sen

Epik­tet hieß jener in der Spät­an­ti­ke höchst ein­fluss­rei­che Leh­rer, von dem die schö­nen Wor­te über­lie­fert sind: „Nicht die Din­ge beun­ru­hi­gen die Men­schen, son­dern ihre Mei­nun­gen über die Din­ge.“ Wes­halb man sie am bes­ten los­las­se, um auf die­sem Wege einen Zustand des inne­ren Frie­dens zu erlan­gen: die ata­ra­xía, Uner­schüt­ter­lich­keit, und die ápa­thia, Gemüts­ru­he, wie die alten Den­ker das Ziel ihrer Weis­heits­we­ge nann­ten.
Die Ähn­lich­keit die­ser anti­ken Tra­di­tio­nen zu den mys­ti­schen Schu­len sticht ins Auge. Aber die Unter­schie­de soll­ten nicht ver­schwie­gen wer­den. Denn am Ende ist das Ziel der Phi­lo­so­phen doch ein ande­res als das der Mys­ti­ker: Leh­ren die spi­ri­tu­el­len Schu­len eher ein Sich-Los­las­sen in Gott oder das All-Eine, so geht es den phi­lo­so­phi­schen Tra­di­tio­nen des Wes­tens eher um ein Sich-Ein­las­sen auf das eigent­li­che, authen­ti­sche Leben hier und jetzt. Und damit um mehr Leben­dig­keit und Lebens­freu­de. Der Rück­zug in die stil­le Abge­schie­den­heit des Klos­ters war den Phi­lo­so­phen kei­ne Opti­on. Ihr Los­las­sen soll­te sich mit­ten im Leben bewäh­ren.

Aber ob nun spi­ri­tu­ell-mys­tisch oder phi­lo­so­phisch: Die Kunst des Los­las­sen ist immer zugleich eine Kunst des Sich-Ein­las­sen auf oder in eine ande­re, tie­fe­re Dimen­si­on des Lebens, gleich­viel ob die­se nun „Gott“, „Sato­ri“ oder „wah­res Leben“ genannt wird.
Wie geht los­las­sen?

Wie nun übt man die Kunst des Los­las­sens? Die Ant­wor­ten der phi­lo­so­phi­schen und spi­ri­tu­el­len Schu­len der Welt las­sen sich in drei Leit­sät­ze auf­tei­len: : „Mach‘ dich leer!“, „Schau‘ genau hin!“ und „Stell dich in Fra­ge!“.

„Mach‘ dich leer“ ist der klas­si­sche Weg der Stil­le und des Schwei­gens, wie er in der christ­li­chen Kon­tem­pla­ti­on oder in Zen geübt wird. Ziel des Gan­zen: Das All­tags­be­wusst­sein mit sei­nem rast­lo­sen Spru­deln der Gedan­ken erst zu beru­hi­gen und schließ­lich ganz zum Erlie­gen zu brin­gen. Denn nur wenn wir inner­lich ganz leer wer­den, so die Über­zeu­gung, kön­nen wir vom Gött­li­chen, Einen und Wah­ren erfüllt oder durch­drun­gen wer­den.

Eine hüb­sche Zen-Geschich­te illus­triert dies: Ein Schü­ler kam einst zu einem Meis­ter, weil er von ihm Unter­wei­sung erbit­ten woll­te. Der Meis­ter lud ihn zum Tee, setz­te dem Schü­ler eine Tas­se vor und schenk­te ihm ein – und ein und ein. Der Tee lief erst über den Rand, dann über die Unter­tas­se, dann über den Tisch – bis der Schü­ler den Meis­ter bat inne­zu­hal­ten.

Was die­ser auch tat und ihm erklär­te: „Du bist wie die­se Tas­se. Voll. Solan­ge du voll bist, wirst du nichts ver­ste­hen.“ Da begriff der Schü­ler, wes­halb er die nächs­ten Jah­re in medi­ta­ti­ver Übung zubrin­gen wer­de.

„Schau‘ genau hin!“ oder „Hör‘ genau hin!“ sind Leit­sät­ze einer Spi­ri­tua­li­tät, die das Los­las­sen von etwas über das Ein­las­sen auf etwas ein­übt. Es ist ein Weg der Acht­sam­keit, aber auch der lie­ben­den Hin­ga­be an die Welt und ihre Erschei­nun­gen. Hier geht es dar­um, ein­mal nicht über die Din­ge nach­zu­den­ken, son­dern sie auf sich wir­ken zu las­sen, sich von ihnen anspre­chen zu las­sen und sich ihrem Zau­ber zu über­las­sen.
Es ist ein Her­zens­weg, ein Weg der Lie­be und des Sich-Ver­bin­dens, wie er zu allen Zei­ten von den Dich­tern und Künst­lern beschrit­ten und beschrie­ben wur­de. Etwa von Fried­rich Höl­der­lin: „Ich ver­stand das Rau­schen des Hains und die Stil­le des Äthers; der Men­schen­wor­te ver­stand ich nie.“ Wer sich wirk­lich dem Leben und der Welt hin­zu­ge­ben weiß, lässt sich dabei unwei­ger­lich selbst los – die Gedan­ken und Mei­nun­gen in ihm kom­men zur Ruhe, bis er das Lied zu hören lernt, das in allen Din­gen wohnt.
„Stell‘ dich in Fra­ge!“ Das ist – wie das Bei­spiel des Sokra­tes lehrt – das schwie­rigs­te und gefähr­lichs­te. Nichts las­sen wir so unger­ne los, wie die Mei­nun­gen und Bil­der, die wir von uns haben. Und nichts bringt uns mehr in Rage, als unser Ego von ande­ren in Fra­ge gestellt zu sehen. Dabei wis­sen die­se ande­ren oft viel bes­ser als wir, wer sich da hin­ter all unse­ren Insze­nie­run­gen und Fas­sa­den ver­birgt.

Des­halb: Immer wie­der das Gespräch mit ande­ren Men­schen suchen und sich fra­gen, ob sie nicht recht haben könn­ten mit dem, was sie sagen und sehen; und unser Ego-Bild los­las­sen, um sich ein­zu­las­sen auf das, was wir in der Tie­fe unse­rer See­le sind.
„Wer etwas los­las­sen kann, wird dafür mehr gewin­nen“, betont der alte Mys­ti­ker und ergänzt: „Los­las­sen ist der Preis für Rei­fe und Weis­heit“. Denn je wei­ter man sich in der Kunst des Los­las­sens übt, des­to mehr wird man bei sich selbst ankom­men – und damit am Ende wahr­schein­lich auch bei dem, was die Reli­gio­nen „Gott“ nen­nen.

(Chris­toph Quarch, ver­öf­fent­licht im Netz­werk Ethik)