Dr. phil. Christoph Quarch

Das Wesen der Verbundenheit

Veröffentlicht am 19. November 2018

Am Anfang der Philosophie steht der Appell zur Selbsterkenntnis. Apollon, der Gott der Dichter und Denker, ruft durch eine Inschrift an seinem Tempel in Delphi jedem Menschen zu: ERKENNE DICH SELBST! Sokrates (469 – 399 v. Chr.) nahm diesen Appell ernst, und das delphische Orakel hielt ihn wohl deshalb für den weisesten aller Menschen, weil er unermüdlich fragte, was ein gutes Leben sei. Die Antwort, die er fand, besagt, gut leben heißt im Einklang sein: mit dem Kosmos, mit sich selbst und mit dem, was die Griechen pólis nannten: dem Gemeinwesen. Aristoteles (384 – 312 v. Chr.) bezeichnete den Menschen folglich als zoón politikón: als Wesen, das immer schon Teil einer Gemeinschaft ist. Es ist eine Kernweisheit jener griechischen Kultur, die einst die Demokratie erfand, war, dass sich wahres Menschsein nur in der Verbundenheit mit anderen erfüllt.

Wir Kinder der Moderne aber haben sie vergessen. Wir glauben, Menschsein heiße, sich gegenüber den anderen zu behaupten. „Mir geht nichts über mich“, sagte nicht nur der deutsche Philosoph Max Stirner (1806 – 1856), so lehrte es auch Nietzsche (1844 – 1900) und nach ihm eine ganze Heerschar von Lebenskunstphilosophen und Küchenpsychologen, deren Credo lautet: „Du musst dich selbst verwirklichen!“, „Du bist jetzt dran!“, „Du musst als erstes nach dir selbst schauen!“

Dieser Narzissmus gründet in einem Menschenbild, dessen historische Genese in die Anfänge der Neuzeit zurückreicht. Seine Wurzeln hat es in der finsteren Anthropologie eines Thomas Hobbes (englischer Philosoph, 1588 – 1679), der vor dem Hintergrund der blutigen Konfessionskriege des 16. Jahrhunderts meinte, der Mensch sei eigentlich der „Wolf des Menschen“ – und sein Naturzustand ein „Krieg aller gegen aller“.

Seither erlebt sich der Mensch des Westens als Wesen fortwährender Konkurrenz, später scheinbar wissenschaftlich begründet durch Charles Darwins (britischer Naturforscher, 1809 – 1882) Theorie vom evolutionären Prinzip des „Survival of the fittest“ (dt. Überleben der Stärksten) und ethisch legitimiert durch den liberalistischen Mythos des Adam Smith (schottischer Moralphilosoph, ca. 1723 – 1790), wonach der allgemeine Wohlstand sich von selbst einstellt, wenn jeder seinen egoistischen Motiven auf dem freien Markte nachgehen darf. Der Mensch von heute ist ein Homo oeconomicus. Wohin uns dieses Menschenbild geführt hat, liegt auf der Hand: Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, der Mensch mutiert zum Elementarteilchen, das unverbunden in einer entfremdeten Welt torkelt und dem nichts und niemand noch verbindlich ist – ja, das sich allenfalls mit der virtuellen Scheinverbundenheit des Internets oder dumpfen nationalen Ideologien vom Verlust seines wahren Wesens ablenken lässt: vom Verlust des zóon politikón. So lebt der Mensch von heute seiner selbst entfremdet – unwesentlich und flach, weil er alleine um sich selbst kreist und keine andere Frage zulässt als: „Was bringt mir das?“

Wir sollten uns daran erinnern, dass Menschsein nicht bedeutet, ein selbstbezogenes Ego zu sein, sondern dass ihm eine doppelte Tendenz innewohnt: eine Tendenz zu Gemeinschaftsbildung, Verbundenheit, Miteinander sowie eine Tendenz zu Individualität, Selbstbekundung und schöpferischer Freiheit. Wir sind, mit anderen Worten, beides: zóon politikón und – ansatzweise – Homo oeconomicus. Damit der letztere nicht weiter unsere Welt zerstört, ist es höchste Zeit, das zóon politikón neuerlich zu würdigen.

Die moderne Biologie hat Darwins Evolutionslehre dahingehend erweitert, dass für das evolutionäre Fortkommen nicht Kraft und Stärke, sondern

Integrationsfähigkeit, Gemeinschaftsbildung und Kooperation als entscheidende Qualitäten gelten. Sich im Sinne von Aristoteles als Wesen der Verbundenheit zu sehen, entspricht mithin unserer biologischen Ausstattung. Und nicht nur das. Es entspricht auch einem Grundprinzip des Seins, von dem die theoretische Physik weiß: Die Identität eines Phänomens ergibt sich aus seiner Bezogenheit auf andere.

Die beiden Grundtendenzen unseres Seins finden im dialogischen Geschehen gleichermaßen ihre Erfüllung: Unsere Sehnsucht nach Unverwechselbarkeit, unser Wunsch, sich als Individuum in der Welt zu zeigen, erfüllt sich in der Begegnung mit anderen. Denn wir sind immer einzigartige Wesen und Mitspieler in größeren systemischen Kontexten. Beides zu wissen, beidem gemäß zu leben – das ist der Weg zu einem erfüllten Menschsein: zu einem individuellen zóon politikón. Das ist die zeitgemäße Antwort auf das alte Wort Apollons: „Erkenne dich selbst“. (Veröffentlicht Naturarzt 12/2018 www.natur-access.de)

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