| Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist nicht mehr nur ein Alarmsignal, sondern das Symptom für eine nunmehr voll ausgebrochene geistige Krise – mehr noch: für eine geistige Pathologie, die nicht nur, aber doch vorwiegend in Ostdeutschland grassiert. Wenn man ihre Ursachen verstehen will, sollte man die Augen vor diesem regionalen Aspekt nicht verschließen. Sachsen-Anhalt war einst das Kernland der Reformation – heute ist es ein weitgehend religionsfernes Gebiet, auf das sich gut der Satz des Dichters Novalis anwenden lässt: Wo keiner Götter sind, walten Gespenster. Man kann über die christlichen Kirchen denken, was man will. Eines aber vermochten sie doch zu leisten: den Menschen eine geistige Heimat zu geben, eine Zugehörigkeit, die in einem gemeinsamen Glauben an einen Gott gründet, der verbindende Werte repräsentiert. So bildeten die Kirchen lange Zeit eine Art geistige Immunabwehr gegen die nun wütende Pathologie von Selbstsucht, Selbstgerechtigkeit und Eigensinn – all das, was von den Propagandisten aus AfD und BSW erfolgreich adressiert und nutzbar gemacht wird. Es ist eben nicht der Ausweis einer demokratischen Dynamik, wenn diese Parteien erstarken, sondern dessen, was die Pioniere des politischen Denkens im alten Griechenland eine „ochlokratische“ Dynamik genannt hätten. „Demokratie“ leitet sich her von demos – Bürgerschaft. Demokrat ist, wer sich als Teil der Bürgerschaft für das Gemeinwohl der Bürgerschaft einsetzt. Ochlos hingegen ist das Volk im Sinne der Summe all derer, die lediglich ihre eigenen, subjektiven Interessen verfolgen und ihre Machtansprüche dadurch legitimieren, dass sie darin eine große Zahl von Gleichgesinnten finden. In der Antike wusste man, dass die Ochlokratie, die Herrschaft des Ochlos, die schlechteste aller politischen Organisationsformen ist. Und man wusste auch, dass sie immer dann entsteht, wenn eine Gesellschaft den Gemeinsinn verliert und zu einer Masse von eigensinnigen Unzufriedenen mutiert. Die eigentliche Gefahr einer zur politischen Macht gewordenen Masse eigensinniger Unzufriedener besteht darin, dass ihre Unzufriedenheit aufgrund ihres Eigensinns niemals behoben werden kann. Der Eigensinnige findet immer einen anderen, dem es vermeintlich ungerechterweise vermeintlich besser geht als ihm. So lässt sich seine Unzufriedenheit immer neu befeuern, indem man ihm in Aussicht stellt, die unliebsamen anderen zu übertrumpfen. Aber damit kommt man nie an ein Ende, das einen zufrieden sein ließe. Zufriedenheit erlangt man nur durch Aufgabe des Eigensinns – nur in der echten Gemeinschaft und Verbundenheit mit anderen, die mehr ist als die Überlappung von Eigeninteressen. Dafür braucht es eine echte Verbundenheit, die genährt ist von einem gemeinsamen Geist, der den Gemeinsinn nährt – eben dem, was man einstmals in den Kirchen fand. Bedauerlicherweise steht aber nicht zu erwarten, dass von eben diesen die Rettung käme. In einer weitgehend religions- und vor allem geistfernen Gesellschaft ist sogar die Sprache verloren gegangen, in der man vom Geiste reden könnte. Diese Rede aber wäre das Therapeutikum, dessen es bedarf, um die sachsen-anhaltinischen Gespenster erfolgreich zu bannen. Will man zeitnah verhindern, dass sie sich noch weiter ausbreiten, braucht es deshalb rasches und beherztes Handeln. Das erfolgversprechendste Remedium dürfte dabei das überfällige Parteiverbotsverfahren sein. Wenn man leichtfertig die Zeit der Prävention verschleudert hat, bleiben oft nur noch die Antibiose – um in der Metapher zu bleiben. Die Mittel sind da. Man sollte sie anwenden. Globoli helfen nicht mehr. Aber natürlich wäre das nur eine Symptombehandlung. Die eigentliche Aufgabe beginnt danach: die geistige Transformation vom kollektiven Eigensinn zum individuellen Gemeinsinn. Um sie zu bewältigen, wird man verstehen müssen, welche Fragen die Menschen umtreiben, die demokratiefeindliche Parteien wählen. Es führt nicht weiter, diese Fragen zu ignorieren, nur weil diese Parteien die falschen Antworten darauf geben. Weiter kommen wir als Demokraten nur, wenn wir zunächst die Fragen darauf prüfen, ob sie berechtigt sind – was für sich schon bedeutet, manches Tabu zu brechen –, um ggf. Andere und bessere Antworten zu geben: bessere für das Gemeinwesen, für den Demos, für alle. Diesen Diskurs sind uns die demokratischen Parteien zuletzt schuldig geblieben. Nun sollten wir nicht länger säumen, wenn der ostdeutsche Patient nicht auch den Rest des Landes infizieren soll: Als erste Hilfe brauchen wir das AfD-Verbotsverfahren – zugleich aber brauchen wir den mutigen Dialog, der die Fragen ihrer Wähler ernst nimmt, um sie mit dem guten Geist der Menschlichkeit zu beantworten und nicht mit dem Ungeist des Eigensinns. Bleiben wir Demokraten und vor allem im menschlichen Miteinander. |