Dr. phil. Christoph Quarch

Entscheidungen: Wenn nichts hilft, wirft man eine Münze…

Veröffentlicht am 08. April 2018

Mein Interview zu meinem neuen Buch »Nicht denken ist auch keine Lösung“ im Kurier.at vom 3. März 2018 finden Sie hier. 


Unsere Erde schützen…Mission Life Force

Veröffentlicht am 02. April 2018

Wenn man mit ganzheitlichem Denken wirklich ernst machen möchte, ist diese Initiative, die ich und meine Frau aus Überzeugung unterstützen, ein kleiner und sehr hilfreicher Beitrag und ein vom Denken in die Tat kommen.

Der Natur mit Hilfe einer Art »juristischen Person“ zu helfen, was für eine kluge und wirklich sinnvolle Idee. Helfen Sie mit, werden Sie »EARTH PROTECTOR“ . Mit diesem Link kommen Sie zur Webseite von Mission Life Force


WAS TUN?

Veröffentlicht am 23. März 2018

Was tun? Denken, Sprechen, Lieben. Wir leben in einer fordernden Zeit, in der wir uns nach Veränderung sehnen, aber uns oft rat- und tatenlos fühlen, weil wir nicht wissen, wie wir etwas am Weltzustand verändern könnten, was zu tun wäre und wo wir den Hebel anlegen könnten?
Es gibt keine einfachen und schnellen Antworten auf diese Fragen. Und das ist gut, denn diese Fragen nötigen uns, das zu tun, was heute das Notwendigste von allem ist: Sie nötigen uns zum Denken.

Auch wenn es den meisten Zeitgenossen überaus befremdlich vorkommt: Wer sich wirklich danach sehnt, dass sich die Welt zum Guten wandelt, muss zunächst den Mut aufbringen, sich dem Denken zuzuwenden. Denn allein im Denken wächst die Kraft zum Wandel. Und das Denken waltet da, wo Menschen sich in Frage stellen lassen: im Gespräch. Deshalb ist der Anfang allen Wandels das Gespräch. Und für eben das möchte ich alle sich nach Wandel sehnende  Menschen begeistern.“ (CQ)


Die Schmeichelkünste von heute…

Veröffentlicht am 18. März 2018

Wer von Ihnen kennt die heutigen Schmeichelkünste? Platon prangerte einst eine Reihe von Künsten an, die durch technische Fertigkeit einen schönen »Schein“ zu erzeugen versuchen. Heute stehen diese Schmeichelkünste wieder hoch im Kurs. Es sind all› jene, die sich nicht mit der Wirklichkeit beschäftigen, sondern darauf angelegt sind, uns ein gutes Gefühl zu geben oder Eindruck zu machen, z.B. Rhetorik, Präsentation, Kochkunst, Kosmetik, Wellness, ja, auch Yoga usw. oder Coaching…Und was fällt Ihnen dazu noch so alles ein???

Im Herbst erscheint mein Platon-Buch – es bringt so manche Klarheit über den Denker, der zu oft völlig falsch verstanden wurde, und es lädt dazu ein, sich mit derjenigen Kunst zu befassen, die es am meisten mit dem Sein der Wirklichkeit zu tun hat: Der Philosophie, bzw. dem Denken…

Wer sich vorher schon mit Platon beschäftigen möchte… Meine Platon-Vortragsreihe ist als Download auf allen gängigen Portalen erhältlich – es lohnt sich und ja, man kann die Vorträge wirklich verstehen.


Ist es okay, wenn ich schöner sein will….

Veröffentlicht am 14. März 2018

… als meine Freundin?

In meiner Kolumne »Frag den Philosophen“ gebe ich folgende Antwort:

JA

Dass Frauen darin wetteifern, die Schönste zu sein, ist nicht neu. Schon bei den alten Griechen war das so; und nicht nur unter Menschenfrauen, sondern mehr noch unter Göttinnen. Oft erzählt wurde die Story von dem unseligen Beauty-Contest, den die Götterchefin Hera mit ihren Kolleginnen Athene und Aphrodite austrug. Wer von den dreien die Schönste sei, war nicht leicht zu entscheiden. Zumal keiner der männlichen Götter sich einzumischen wagte. Schließlich beriefen sie einen sterblichen Richter namens Paris, dessen Wahl auf Aphrodite fiel, deren Schönheit von jeher legendär war. Für Paris ging die Sache nicht gut aus. Sein Urteil hatte Krieg und Tod zur Folge. Seine Heimat Troja ging in Flammen auf.

Wer den Mythos kennt, ist leicht versucht zu sagen: Um den Rang der Schönsten sollten Frauen besser nicht konkurrieren. Schon gar nicht, wenn sie befreundet sind. Denn groß ist die Gefahr, dass ein Schönheitswettbewerb in Streiterei oder Zerwürfnis endet. Wer sich das ersparen will, sollte darauf verzichten, im Kreise der Freundinnen die Schönste sein zu wollen. So macht sich Frau das Leben leichter. Aber auch … schöner?

Der Humanist und Philosoph Agnolo Firenzuola schildert uns in seinem Büchlein „Von der Schönheit der Frauen“ eine Episode aus der Zeit der Renaissance: In einem sommerlichen Garten hat sich eine adlige Gesellschaft junger Frauen eingefunden, die – wie das gelegentlich zu gehen pflegt – über eine abwesende Freundin diskutieren. Ob Amelia zurecht im Ruf der größten Schönheit stehe, ist die Frage – und die Meinungen der Damen gehen sehr weit auseinander. Da platzt ein junger Edelmann mit Namen Celso in die Runde und gibt dem Gespräch eine Wendung ins Philosophische.

Celso ist ein Kavalier, der keiner Frau zu nahe treten will. Anstatt mitzudiskutieren, zieht er es vor, über die Schönheit im Allgemeinen und die der Frauen im Besonderen zu räsonieren. Und er scheut sich nicht, die These vorzutragen, die Schönheit der Frauen sei „ein Hinweis auf die himmlischen Dinge, ein Abbild und Gleichnis der Freuden des Paradieses“. Deshalb sei es nicht nur billig, sondern rechtens, wenn die Frauen ihre Schönheit gern zur Schau stellen und von dem Wunsch bewegt sind, in den Augen anderer die Schönste oder wenigstens doch schön zu sein. Nach Schönheit zu streben, sei also nicht verwerflich, sondern im Gegenteil müsse man sagen, dass diejenigen, die ihre Schönheit nicht zur Schau stellen, „eine große Sünde begehen, wenn sie ein so großes Geschenk verheimlichen“.

Nun erscheint aus heutiger Sicht die Begründung des guten Celso etwas dünn: Dass die Schönheit einer Frau ein Hinweis auf das Paradies ist, dürfte nichtmals einen frommen Gläubigen davon überzeugen, dass es nicht per se schlecht ist, einander in Punkto Schönheit übertreffen zu wollen. Aber vielleicht muss man dazu ja gar nicht das Paradies bemühen, sondern einfach nur darauf verweisen, dass es in der Art des Menschen liegt, sich zeigen, mitteilen und in der Welt bekunden zu wollen. Diesen Wunsch teilt er mit den meisten Tieren, die nicht minder manches dafür investieren, in den Augen ihrer Artgenossen ganz besonders schön zu sein. Wer um seine Attraktivität bemüht ist, folgt offenbar den Spielregeln des natürlichen Lebens. So gesehen wäre absurd, es nicht okay zu finden, wenn jemand diese Spielregeln befolgt. Ob es darüber hinaus auch klug ist, sich ausgerechnet mit den eigenen Freundinnen auf einen Beauty-Contest einzulassen, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht liegt die Kunst am Ende einfach darin, solche Wettbewerbe mit spielerisch und heiter auszutragen – damit das Ganze nicht ein so bitteres Ende nimmt wie bei Paris und den Göttinnen.

Agnolo Firenzuola (1493-1548)

Viel weiß man nicht von dem italienischen Dichter Michelangelo Girolamo Giovannini, der sich als nach seiner Heimatstadt Firenzuola benannte. Er war ein typischer Vertreter der florentinischen Renaissance, ein Lebemann, der, auch als er schon Mönche geworden war, nicht aufhörte, die Frauen zu lieben. Gut bekommen ist ihm das nicht. Firenzuola starb mit mit 55 Jahren an den Folgen einer Syphilis. Seine „Gespräche über die Schönheit der Frauen“ aber halten seinen Ruhm bis heute aufrecht.


Was ist eine gute Entscheidung?

Veröffentlicht am 04. März 2018

Mein Interview in der HR4-Sonntagsgastsendung können Sie hier nachhören.

Morgen bin ich Sonntagsgast bei der HR4-Sendung ab 11 Uhr…

Veröffentlicht am 03. März 2018

Entscheidungen treffen – das Thema meines neuen Buches besprechen wir morgen in der HR4-Sendung ab 11 Uhr
www.hr4.de/themen/christoph-quarch-ist-philosoph-und-hr4-sonntagsgast,sonntagsgast-quarch-100.html


Homo analogus. Warum wir unsere Menschlichkeit einbüßen, wenn wir uns nach Maßgabe unserer Maschinen deuten

Veröffentlicht am 01. März 2018

Im Jahre 1748 veröffentlichte der französische Arzt und Philosoph Julien Offray de La Mettrie ein Buch, das Epoche machen sollte. Es trug den Titel L’Homme machine – in deutscher Übersetzung Der Mensch als Maschine (1).

In diesem Buch deutete La Mettrie den Menschen als einen mechanischen Apparat, der von einer Pumpe (= Herz) bewegt wird und dessen Muskeln, Sehnen, Knochen und Nerven wie ein klug gebautes Uhrwerk ineinander greifen. Das war nicht wirklich neu, denn fasziniert durch die Errungenschaften der Mechanik und der Wissenschaft, hatten im 18. Jahrhundert schon andere kühne Geister den menschlichen Leib noch Maßgabe von Maschinen zu deuten versucht. Und findige Tüftler und Uhrmacher wie Jacques Vaucanson hatten schon zehn Jahre vor dem Erscheinen von La Mettries Buch großes Aufsehen mit Automaten erregt, die aussahen wie Menschen und Schach oder gar Flöte spielen konnten.

Doch nicht nur das: Die Mächtigen des 18. Jahrhunderts fanden nicht nur Gefallen an den „Androiden“, wie man diese verspielten Vorläufer des Roboters nannte, sondern sie begannen auch damit, die Welt nach Maßgabe des Mindsets umzubauen, der in den Automatenmenschen seinen sinnenfälligen Ausdruck gefunden hatte: das mechanische Denken. Bürokratien, Armeen und Fabriken wurden wie Maschinen eingerichtet und dahingehend optimiert, dass sie mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks diejenigen Funktionen verrichteten, die man sich von ihnen wünschte. Und ebenso begann man den einzelnen Menschen durch Bildung und Erziehung dahingehend zu optimieren, dass er sich als voll funktionsfähiges Zahnrad in die die große Maschine des Staates einfügte. So entstand eine neue Welt: die Welt des Industriezeitalters – jener Epoche, die nunmehr durch das Informationszeitalter abgelöst werden soll.

Doch eines bleibt: Wir folgen beim Design der neuen Weltzeit derselben Dramaturgie wie im 18. Jahrhundert. Wir deuten uns selbst im Spiegel der von uns erdachten und gebauten Maschinen und richten demgemäß unsere Welt ein, um zuletzt tatsächlich ein maschinenhaftes Leben zu führen. Der einzige Unterschied zwischen dem frühen 21. Jahrhundert und dem vorindustriellen Zeitalter liegt darin, dass sich die Maschinen gewandelt haben, an denen wir Maß nehmen: Es sind nicht mehr mechanische Uhrwerke, sondern digitale Rechenmaschinen – Computer; mehr noch: es sind digital-mechanische Mischwesen, Roboter, digitale Androiden, mit mechanischen Apparaturen ausgestattete Künstliche Intelligenz (KI).

Diese Maschinen haben mit den Androiden des Barock eines gemein: Sie folgen Algorithmen. Ein Algorithmus ist nichts anderes als ein formalisierter Prozess, der sowohl über Räderwerke als auch binäre Codes abgewickelt werden kann. Nur dass die Algorithmen der heutigen Maschinen unverhältnismäßig komplexer und leistungsfähiger sind als die ihrer archaischen Vorläufer. Doch in der Sache ist derselbe Geist am Werke: ein Geist, der sich gebannt von den Maschinen, die er schuf, nach deren Bilde selbst entwirft. „Der Mensch ist ein Algorithmus“, behauptet heute vollmundig Yuval Noah Harari, der Autor des Bestsellers „Homo Deus“, und erweist sich darin als geistiger Bruder La Mettries (2).

Hier wird die Sache interessant. Denn die große Frage, vor der die Menschheit heute steht, wird nicht sein, ob die Verheißungen des Silicon Valley in Erfüllung gehen – ob wir wirklich zu unsterblichen Cyborgs werden und uns mit Maschinen umgeben, die uns von allen unliebsamen Arbeiten befreien. Die entscheidende Frage wird sein: Was wird aus uns, wenn wir uns selbst – wie im 18. Jahrhundert – nach Maßgabe unserer Maschinen deuten und unsere Welt einrichten? Was wird aus uns, wenn wir – unter dem Einfluss der KI dominierten – tatsächlich digitale Algorithmen werden, die jedoch ob der Fehleranfälligkeit ihrer organischen Speichermedien an Leistungskraft und Komplexität ihren anorganischen Verwandten himmelweit unterlegen sind? Wird die Zeit der großen Freiheit beginnen – oder die Zeit der totalen Depression?

Es steht zu befürchten, dass es für den Menschen, wie wir ihn kannten, keine gute Zeit sein wird. Das liegt nicht in erster Linie daran, dass wir – wenn wir uns denn schon auf diese fragwürdige, weil höchst zeitbedingte Sicht der Dinge einlassen wollen – minderwertige Algorithmen wären, sondern es liegt an der besonderen Art und dem Zuschnitt der Algorithmen, die den Maschinen der künstlichen Intelligenz innewohnen. Schon zur Zeit der ersten Androiden war nicht unerheblich, ob deren mechanischer Algorithmus sie dazu brachte, Flöte zu spielen oder auf dem Schlachtfeld des Schachspiels zu obsiegen. Und ebenso ist nicht unerheblich, welchen Programmen die Roboter und Maschinen der KI folgen.

An diesem Punkt braucht man sich, wie Frank Schirrmacher in seinem grandiosen Werk „Ego. Das Spiel des Lebens“ (3) nachgewiesen hat, keinen Illusionen hinzugeben: Die Logik, die den Algorithmen der KI innewohnt, ist die Logik des Eigennutzes. So ist es bei den Computern, die heute in den Finanzschauplätzen der Welt die Börsengeschäfte ausführen, so ist es in den Rechnern der Militärs und so ist es in den Mega-Algorithmen, mit deren Hilfe Google und andere IT-Konzerne Anzeigenplätze verkaufen. Überall zeigt sich, dass die geläufige KI eine egoistische Intelligenz ist, deren Erfolgsparameter heißen: Profit, Optimierung, Effizienz, Produktivität.

„Der Computer simuliert den Gedanken, wenn der Gedanke computergerecht definiert wurde“, zitiert Schirrmacher Hugh Kenner (4) und skizziert die Herkunftsgeschichte der KI: Seit dem 18. Jahrhundert meint der Mensch, Intelligenz zeige sich darin, für sich das Beste herauszuholen – aber erst am Ende des 21. Jahrhunderts hat dieser Glaube triumphiert und eine von Egoismus und Ökonomismus überwucherte Welt geschaffen. Nunmehr scheint es (trügerischer Weise) selbstverständlich, Algorithmen für Maschinen zu schreiben, die die jeweils errechneten Wahrscheinlichkeiten bei allen Operationen für die Profitmaximierung zugrunde legen. Nicht nur fangen wir damit an, uns selbst als Algorithmen zu deuten und entsprechend zu agieren, sondern wir inkarnieren zugleich deren egoistische Gewinn-maximierungs-Programme. Das ist es, was die gegenwärtig KI-Euphorie problematisch erscheinen lässt: Es droht die Zerrüttung unsere Gesellschaften.

Das Problem ist also ein doppeltes: Wir deuten uns nach Maßgabe von Maschinen, die wir nach Maßgabe einer problematischen Deutung des Menschseins – nämlich des Menschen als rationalen Egoisten – entwickelt haben. Je mehr wir diesen Maschinen huldigen, desto mehr werden wir dann auch glauben, minderwertige rationale Egoisten zu sein, die den Job der Gewinnmaximierung besser gleich ihren Maschinen überlassen. Dann werden wir einsehen müssen, dass wir überflüssig sind: Die Marktwirtschaft wird mit Hilfe von KI-Robotern viel effizienter und gewinnbringender wachsen als dann, wenn sich fehlerbelastete „menschliche Algorithmen“ einmischen.

Aber sind Computer wirklich bessere Menschen? Sind Menschen wirklich minderwertige Gewinnmaximierungs-Algorithmen? Oder sind das nicht alles historisch bedingte Deutungen unserer selbst, die fragwürdig werden, sobald man sich klarmacht, dass es immer Epochen gab, in denen Menschen sich anders deuteten, andere Welten errichteten und sie nach Maßgabe anderer Ideale „programmierten“? Ein bisschen historische Bildung reicht aus, um den Schwindel zu durchschauen und zu begreifen, dass es an der Schwelle zum KI-Zeitalter in Wahrheit nur eine Aufgabe gibt: uns dessen zu besinnen, was Menschsein wirklich ist – in seinen Tiefenstrukturen unterhalb aller profitmaximierenden Programme, Strategien und Kalküle.

Es gilt, uns dessen zu besinnen, dass wir Wesen sind, die lieben können, die sich von Schönheit ergreifen lassen, die nach Sinn hungern und deren gebrechlicher Leib ihrem Leben Glanz und Größe verleiht. Es gilt uns dessen zu besinnen, dass wir schöpferische Wesen sind, die nicht im Gegeneinander, sondern im Miteinander zur Blüte reifen. Es gilt, nicht an immer klügeren Optimierungsmaschinen und immer komplexeren Algorithmen zu feilen, sondern die Schönheit des Lebens in all seiner Tragik und Endlichkeit zu feiern. Es gilt, eine neue Sprache und einen neuen Mythos zu finden, der uns zu verstehen gibt, das erfülltes Menschsein gänzlich anderes benötigt, als Roboter und Künstliche Intelligenz. Mit einem Wort: Es gilt, für die Reife der menschlichen Seele zu sorgen und nicht für die technische Aufrüstung seines Egos.

Quellen

  1. Julien Offray de La Mettrie: Die Maschine Mensch, hg. v. Claudia Becker, Felix Meiner, Hamburg 2009.
  2. Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, C.H. Beck, 12. Aufl. München 2017.
  3. Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens. Blessing Verlag, München, 5. Aufl. München 2013.
  4. Schirrmacher, a.a.O., S. 135.

Blogbeitrag von Christoph Quarch veröffentlicht auf dem Philosophie Portal www.philosophie.ch, 19.2.2018

Weiterführende Literatur zum Thema von Christoph Quarch

»Menschendämmerung – Tranhumanismus, Human Enhancement und das drohende Ende einer antiquierten Spezies“ (erhältlich als E-Book). 

 


Meine Gedanken zu Lebenskunst und unser Sein im ORF Podcast

Veröffentlicht am 25. Februar 2018

Heute war ich in der ORF Sendung »Erfüllte Zeit“ zu hören.
Meine Gedanken zu Lebenskunst und zu unserem Sein finden Sie sieben Tage im dortigen Podcast zum Nachhören. 
http://oe1.orf.at/player/20180225/504599

Der Mensch: Ein Wesen der Verbundenheit

Veröffentlicht am 18. Februar 2018

Unsere Identität verdankt sich den Beziehungen, in denen wir stehen

Gnothi sauton – Erkenne dich selbst! Am Anfang der Philosophie steht der Appell zur Selbsterkenntnis. Apollon, der Gott der Dichter und Denker, ruft durch eine Inschrift an seinem Tempel zu Delphi jedem Menschen zu: Erkenne dich selbst! Finde heraus, was es heißt, ein Mensch zu sein!

Einer, der damit Ernst machte, war Sokrates. Kein Wunder, dass das delphische Orakel sagte, er sei der weiseste von allen Menschen. Nicht weil er so viel wusste, sondern weil er die richtigen Fragen stellte: die Frage nach dem guten Leben; die Frage, was die Tugend (griechisch: areté = Bestheit) des Menschenlebens ist. Die Antwort, die er fand, war ganz im Geiste des Apollon: Das gute Leben ist ein Leben der Harmonie – ein Leben im Einklang mit der großen Musik des Kosmos, ein Leben im Einklang mit sich selbst, ein Leben im Einklang mit dem, was die Griechen pólis nannten: dem Gemeinwesen.

Schließlich war es Aristoteles, der diese Einsicht auf die Formel brachte, als er am Anfang seiner Politik den Menschen als ein zoón politikón bezeichnete: als ein gemeinwesentliches Wesen – ein Wesen, dem es wesentlich ist, Teil einer Gemeinschaft anderer Wesen zu sein. Der Mensch, so fühlte man im alten Griechenland und so dachte Aristoteles, ist eigentlich nur da ganz Mensch, wo er sich zugehörig weiß zu einem größeren System, dem er als ein Teil unter vielen anderen angehört. In der Verbundenheit mit anderen erfüllt sich wahres Menschsein.

Das zu erkennen und danach zu leben, ist die Kernweisheit jener griechischen Kultur, die einst die Demokratie erfand. Wir Kinder der Moderne aber haben sie vergessen. Wir glauben, Menschsein heiße, sich im Gegenüber zu den anderen zu behaupten. „Mir geht nichts über mich“, sagte nicht nur Max Stirner (Der Einzige und sein Eigentum), so lehrte es auch Nietzsche und nach ihm eine ganz Heerschar von Lebenskunstphilosophen und Küchenpsychologen, deren Credo lautet: „Du musst dich selbst verwirklichen!“, „Du bist jetzt dran!“, „Du musst als erstes nach dir selbst schauen!“

Dieser Narzissmus unserer Gegenwart ist flach. Er gründet in einem Menschenbild, dessen historische Genese in die Anfänge der Neuzeit zurückreicht. Seine Wurzeln hat er in der dunklen Anthropologie eines Thomas Hobbes, der vor dem Hintergrund der blutigen Konfessionskriege des 16. Jahrhunderts meinte, der Mensch sei eigentlich der „Wolf des Menschen“ – und sein Naturzustand ein „Krieg aller gegen aller“ (Leviathan). Seither erlebt der Mensch des Westens sich als Wesen fortwährender Konkurrenz, später scheinbar wissenschaftlich begründet durch Charles Darwins Theorie vom evolutionären Prinzip des „Survival of the fittest“ und ethisch legitimiert durch den liberalistischen Mythos des Adam Smith, wonach der allgemeine Wohlstand sich von selbst einstellt, wenn jeder seinen egoistischen Motiven auf dem freien Markte nachgehen darf. Der Mensch von heute ist ein Homo oeconomicus.

Wohin uns dieses Menschenbild geführt hat, liegt auf der Hand: Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, der Mensch mutiert zum Elementarteilchen, das unverbunden in einer entfremdeten Welt torkelt und dem nichts und niemand noch verbindlich ist – ja, das sich allenfalls mit der virtuellen Scheinverbundenheit des Internets oder dumpfen nationalen Ideologien vom Verlust seines wahren Wesens ablenken lässt: vom Verlust des zóon politikón. So lebt der Mensch von heute seiner selbst entfremdet – unwesentlich und flach, weil er alleine um sich selber kreist und keine andere Frage zulässt als: „Was bringt mir das?“

Wir sollten besser wieder fragen, was der Mensch ist – was es bedeutet Mensch zu sein. Wir sollten uns daran erinnern, dass Menschsein nicht bedeutet, ein selbstbezogenes Ego zu sein, sondern ein zwiefältiges Wesen: ein Wesen, dem – wie nicht nur Philosophen, sondern auch Neurophysiologen wissen – eine doppelte Tendenz innewohnt: eine Tendenz zu Gemeinschaftsbildung, Verbundenheit, Miteinander sowie eine Tendenz zu Individualität, Selbstbekundung und schöpferischer Freiheit. Wir sind, mit anderen Worten, beides: zóon politikón und – ansatzweise – Homo oeconomicus. Damit der letztere nicht weiter unsere Welt zerstört, ist’s höchste Zeit, das zóon politikón neuerlich zu würdigen.

Und dafür gibt es guten Grund. Denn was die alten Griechen ahnten, bestätigt längst die Wissenschaft: So hat die avancierte, systemische Biologie Darwins Evolutionslehre dahingehend erweitert, dass für das evolutionäre Fortkommen nicht Kraft und Stärke, sondern Integrationsfähigkeit, Gemeinschaftsbildung und Kooperation als entscheidende Qualitäten gelten. So notiert der Biologe Andreas Weber: „Die Prinzipien, die sich aus den Forschungen der Biologen herausschälen, zeigen, dass Leben auf nahezu jeder Ebene eine kollektive Angelegenheit ist, eine gemeinsame Unternehmung verschiedenster Wesen, die nur, indem sie einander irgendwie ertragen und sich einigen, zu einem stabilen, funktionsfähigen und damit auch schönen Ökosystem kommen.“

Sich im Sinne des Aristoteles als Wesen der Verbundenheit zu deuten, entspricht mithin unserer biologischen Ausstattung. Und nicht nur das. Es entspricht auch einem Grundprinzip des Seins, von dem die theoretische Physik weiß: Die Identität eines Phänomens ergibt sich aus seiner Bezogenheit auf andere. In die Lebenswelt des Menschen gewendet, ergibt sich daraus jene Formel, die Martin Buber für das Menschenwesen fand: „Der Mensch wird am Du zum Ich“ (Ich und Du). Das heißt: Wir sind die, die wir sind, aufgrund der Zugehörigkeiten und Verbindungen, in denen wir zu anderen stehen. Allein im Dialog mit anderen Menschen und im Dialog mit einer Kultur formt sich unser Sosein, unsere Identität.

Die beiden Grundtendenzen unseres Seins finden im dialogischen Geschehen gleichermaßen ihre Erfüllung: Unsere Sehnsucht nach Unverwechselbarkeit, unser Wunsch, sich als Individuum in der Welt zu zeigen, erfüllt sich in der Begegnung mit anderen. Denn wir sind immer einzigartige Wesen und Mitspieler in größeren systemischen Kontexten. Beides zu wissen, beidem gemäß zu leben – das ist der Weg zu einem erfüllten Menschsein: zu einem individuellen zóon politikón. Das ist die zeitgemäße Antwort auf das alte Wort Apollons: „Erkenne dich selbst“.

Christoph Quarch, Fulda im November 2016