Dr. phil. Christoph Quarch

»Echo des Himmels, heiliges Herz…“

Veröffentlicht am 20. März 2019

Immer spricht die Welt zu dir. Dein Herz will Antwort geben. Sie heißt Liebe.

Ein Jahr mit Hölderlin.
Heute in einem Jahr feiern wir Hölderlins 250sten Geburtstag. Auf dem Weg dorthin poste ich immer montags ein Zitat von ihm, von dem ich meine, dass es für alle inspirierend ist.


Digitalisierung&Ethik

Veröffentlicht am 18. März 2019

Ein Podcast mit mir zum Thema #Digitalisierung & #Ethik – und natürlich aus einer philosophischen Sicht auf die Dinge, so ganz oben drüber geschaut – Herzlichen Dank an Mike Kaiser Podcast »Innerer Reichtumg“ für das Interview und erhellende Einsichten zum Thema allen, die das Interview mit diesem Link sich anhören.


Zurück in die Höhle

Veröffentlicht am 08. März 2019

Von der digitalen Verwahrlosung der analogen Welt

Ich fahre häufig mit der Bahn. Seit neuestem nutze ich sogar den DB-Navigator, der mir sicher sagt, in welcher Wagenreihung der ICE dieses Mal fahren wird, wo sich mein Platz befindet und wie groß die Verspätung sein wird. Selbst ein digitaler „Komfort Check-in“ ist damit inzwischen möglich. Alles tolle Technik, leistungsstarke Algorithmen. Doch dann sitze ich im Zug, der selbstverständlich wiedermal verspätet ist, die Toiletten sind defekt und bei den Wagentüren findet sich die eine oder andere, die sich nicht mehr öffnen lässt. Und dann frage ich mich, was da los ist: Offenkundig hat die Bahn gewaltig in den digitalen Service investiert –gleichzeitig jedoch ihr eigentliches Produkt aus den Augen verloren. Denn im Ernst: Wer braucht einen DB-Navigator, wenn die Züge chronisch unpünktlich fahren, die Toiletten gesperrt sind und die Zugtüren nicht aufgehen?

Manchmal fahre ich mit dem Auto. Da ist neueste Technik drin verbaut. Automatisch wird der Abstand zu dem Wagen vor mir eingehalten, automatisch wird von Abblendlicht zu Fernlicht umgeschaltet, automatisch sucht das Navi meinen Weg durchs Straßenwirrwar. Und schon bald fährt meine Kiste – wenn’s so kommt, wie man’s verspricht – ohnehin ganz autonom und freihändig. Bloß blöd, dass ich dauernd im Stau stehe, dass gefühlt jede zweite Brücke saniert wird, dass die Parkplätze überquillen und dass die Straßen marode sind. Und ich frage mich: Was ist hier los? Tolle digitale Technik, doch die analoge Welt wird immer sperriger und unbequemer. Merkwürdiges Missverhältnis.

Hingerotzte Vintage-Welt

Neulich war ich in Berlin, hatte Zeit und suchte mir per Smartphone einen coolen Space zum Arbeiten; kam dahin und sah die Leute, die sich dort in Vintage-Klamotten auf Vintage-Stühlen biegen und an schlichten Holztischen in ihren Laptop starren. Neben sich ein Pappbecher und irgendeine Tüte von dem Food-Provider nebenan. Alles Sachen, die auf einem Smartphone-Monitor ganz schick und lässig rüberkommen, doch bei näherer Betrachtung einfach billig, schmuddelig und lieblos hingerotzt erscheinen. Wieder frage ich mich, was da los ist. Wieder stelle ich die große Diskrepanz fest, die zwischen den immer hübscheren, aufgehellten, optisch optimierten Bildern aus der virtuellen Welt locken und der runtergekommenen, zunehmend hässlichen und ungepflegten analogen Wirklichkeit besteht. Und in meinem Kopf brennt sich ein Wort ein, das mich schon seit Wochen nicht mehr loslässt: Verwahrlosung.

Eines der Juwelen im Schatzhaus der deutschen Sprache ist das Verbum wahren. Es ist, zugegeben, nicht mehr recht gebräuchlich, doch man kennt es von Wendungen wie: „Die Bayern haben sich eine Chance aufs Finale gewahrt.“ Oder: „Sie wahrte ihre Contenance.“ Wenn man etwas wahrt, dann hält man es in der Präsenz und hütet es vor dem Verschwinden. Von dem Verbum wahren lassen sich noch andere wundervolle Worte herleiten: gewahren, bewahren, verwahren. Sie weißen alle in dieselbe Richtung:

Wer etwas gewahrt, vergegenwärtigt sich das Gewahrte. Es ist ihm in seiner Wahrnehmung präsent, wird ihm durch seine Wahrnehmung zu dem, was ihm in Wahrheit gegenwärtig ist. Wer etwas bewahrt, sorgt dafür, dass ihm das zu Bewahrende nicht mehr abhandenkommt und sucht einen Ort, an dem er es präsent und gegenwärtig hält. Wer jedoch etwas verwahrt, sperrt das zu Verwahrenden so sicher weg, dass es ihm selber nicht mehr gegenwärtig ist. Das Präfix ver– weist hier auf ein entgegenwärtigendes Verschwinden, so dass das Verwahren eine paradoxe Weise des Wahrens ist.

Wandel der Wahrheit

Warum dieser Ausflug in die Sprache? Weil die Sprache uns auf etwas hinweist, das mit unserem Eingangsthema viel zu tun hat: Wenn Verwahrlosung zum Thema wird, hat das immer etwas damit zu tun, was und wie wir wahren: wie wir die Welt gewahren, was uns bewahrenswert erscheint, was wir verwahren – und was wir verwahrlosen lassen. Dies alles entscheidet sich nämlich einzig daran, was einer Kultur als wahr erscheint. Ändert sich das in einer Kultur in Geltung stehende Verständnis von Wahrheit, kommt es unweigerlich dazu, dass dasjenige, was einst als Wahres galt, nicht mehr als wahr gewahrt oder bewahrt wird, und folglich der Verwahrlosung anheim fällt.

Eben dies geschieht zu eben dieser Zeit in eben dieser Welt. Und die eingangs lose gesammelten Erfahrungen, sind nichts anderes als die Symptome eines Wandels, der viel tiefer greift als man gemeinhin ahnt. Denn mitnichten handelt es sich bei der beschriebenen Verwahrlosung bloß um die bedauerlichen Auswüchse von Schlamperei und Misswirtschaft. Nein, das Problem liegt tiefer: Es liegt darin, dass sich in der Matrix des Denkens vieler Menschen die Weise ihres Weltgewahrens nachhaltig verändert hat. Sie gewahren nämlich längst nicht mehr allein die analoge Welt der Dinge, sondern ihre Wahrnehmung weilt immer mehr und immer intensiver im virtuellen Raum der Apps und Games.

Was sie dort gewahren, prägt nicht nur die Wahrnehmungsgewohnheiten, sondern auch die Denkgewohnheiten: Ohne dass wir es merken, scheint uns das, was wir so hübsch und aufgeräumt, so optimiert und maximiert aus unseren Monitoren vor uns flimmert, wahrer oder wirklicher zu sein, als das, was wir da draußen auf den Straßen, in den Zügen oder den Cafés zu riechen, schmecken und fühlen bekommen.

Schattenspiele

Darin gleichen wir den Höhlenmenschen Platons: jenen beklagenswerten Kreaturen, die zeit ihres Lebens gezwungen sind auf eine Wand zu starren, auf der ihnen – einer Kinoleinwand gleich – fortwährend Schattenspiele vorgeführt werden: Bilderfluten, die sie in Unkenntnis der Technik der Projektion und des Gebrauchs einer Lichtquelle für die einzige und unumstößliche Wahrheit halten. Diese Menschen, so Platon, können allein durch einen mühsamen und aufwendigen Prozess der Bildung zu der Einsicht geführt werden, dass das, was sie zu gewahren gewohnt sind, nicht das wahrhaft Seiende ist. Bildung wird so als eine Neuausrichtung oder Schulung des Gewahrens vorgestellt, die den Menschen dazu bringt, seine Wahrnehmung nicht allein auf artifiziell generierte Projektionen zu lenken, sondern auf dasjenige, was da jeweils projiziert wird: erst die realen, analogen Dinge dieser Welt, später dann – und damit wird die Sache kompliziert – die Ideen, der Sinn der Dinge, der an ihnen je verständlich ist. Aber das muss uns an dieser Stelle nicht beschäftigen.

Was für uns besorgte Interpreten unserer Welt bedenkenswert sein dürfte, ist der Umstand, dass die Verwahrlosung der Welt die unabdingbare Folge ihrer zunehmenden Digitalisierung ist. Je mehr sich Menschen aus der analogen Welt in den virtuellen Raum ihrer digitalen Maschinen zurückziehen und das, was sie dort präsentiert bekommen, als die Wahrheit gewahren — verwahrlost unsere analoge Welt. Erst die Klotüren, dann die Straßen, dann die Cafés, dann die Kleidung, dann das Essen, dann die Leiber, dann die Wohnungen, die Gärten, Felder, Wälder, die Natur. Nicht aus Schlamperei und Fahrlässigkeit, sondern weil sich unbemerkt unsere Wahrnehmung verschoben hat und wir die analoge Welt der Dinge für weniger wahr erachten als die digitale Welt der projizierten Bilder. Oder trauen Sie nicht auch eher den Anweisungen ihres Navigationssystems als dem fremden Passanten am Straßenrand, den sie nach dem Weg gefragt haben?

Wir sind auf dem Weg zurück in die Höhle. Caveman ist kein testosterongesteuerter Blödian, sondern der User, der dem Monitor vor seiner Nase mehr Realität zubilligt als dem Stuhl, auf dem er sitzt. Caveman ist nicht einer, der die Keule schwingt und grölt, sondern einer,  der vor seinen digitalen Zauberbildern ganz verstummt ist. Unsere digitale Höhle ist so aufgeräumt, steril und sicher, dass sich niemand darin vor Säbelzahntigern oder Mikroorganismen fürchten muss. Alles ist so einfach und bequem. Müllrausbringen oder Spülen ist nicht angezeigt, Kloputzen und Straßenteeren findet hier nicht statt. Blöd ist bloß, wenn die Verwahrlosung zuletzt auf unsere Leiber und auf unsere Seelen überspringt; denn dann könnte es zu spät sein, noch der Wahrheit ins Gesicht zu schauen: draußen, im Freien, wo das Leben ist. Denn zu leben könnte unser digitaler Caveman dann bereits verlernt haben.


Wie verändert Künstliche Intelligenz unser Leben / unser Denken?

Veröffentlicht am 07. März 2019

Mit diesem Link können Sie meinen Philosophievortrag »Menschendämmerung“ vom 18.2.2019 in München nachhören.

Beim Thema KI geht es ums Ganze. Um ihm gerecht zu werden, braucht es die höchste geistige Flughöhe: Wir müssen die pseudo-religiöse Dynamik hinter KI und Digitalisierung verstehen und ihr ein menschliches Denken entgegensetzen.


Licht und Aufklärung

Veröffentlicht am 13. Februar 2019

»Wir brauchen eine Aufklärung über die Aufklärung, denn zu viel Licht bekommt uns nicht“ . Das HR1 Interview mit mir zum Thema »Das Licht der Vernunft“ vom 10.2.2019 können Sie mit diesem Link nachhören.


Fake News – Detox durch gezielte Fragen…

Veröffentlicht am 09. Februar 2019

­­­­­Warum Fake News unser Gemeinwesen bedrohen und wie wir dieser Gefahr begegnen können

Eine Demokratie lebt vom öffentlichen Diskurs. Der öffentliche Diskurs aber speist sich aus Nachrichten und Informationen. Dass darin für die politische Kultur eines Gemeinwesens eine latente Gefahr liegt, sah schon Platon, der den öffentlichen Raum einer Gesellschaft mit einem Schattenspiel-Theater verglich: Die Bürger werden fortwährend mit Informationen versehen, die sie für die Wirklichkeit halten bzw. mit der Wirklichkeit verwechseln, über die sie informieren oder wenigstens zu informieren vorgeben. Nicht das Sein der Wirklichkeit, so Platons Einsicht, zählt im öffentlichen und politischen Raum, sondern der Schein, der von dieser Wirklichkeit erzeugt wird: die Bilder, die im öffentlichen Raum von ihr kursieren oder in Geltung stehen. Politik läuft daher stets Gefahr, zu einer Kunst der Scheinerzeugung zu geraten und zu einer Technik der Manipulation und reinen Meinungsmache zu degenerieren. Denn Meinung generiert Macht – und Macht ist die Währung, in der Politik ihren Erfolg misst.

Auch wenn Platons Bild mehr als 2400 Jahre alt ist: Der moderne Medienkonsument gleicht noch immer einem platonischen Höhlenbewohner. Das ist keine triviale Einsicht. Denn sie ruft zwei wichtige Sachverhalte in Erinnerung: zum einen, dass wir als Medienkonsumenten unabdingbar Bürger einer „erscheinenden Welt“ (Hannah Arendt) sind und zum andern, dass es deshalb grundsätzlich keine objektiv wahren Nachrichten geben kann. Im öffentlichen Erscheinungsraum ist jede Nachricht ist subjektiv. In ihrem Hintergrund stehen unausweichlich unausgesprochene Interessen und Kriterien, nach denen sie ausgewählt und gewichtet wurde.

Die unhintergehbare Subjektivität einer Nachricht macht sie freilich noch nicht zu Fake News. Fake News gibt es erst da, wo der Inhalt einer Nachricht bewusst gefälscht wurde, um eine erhoffte Wirkung zu erreichen. Die Macher von Fake News bedienen sich mithin der im politischen Raum herrschenden Logik des Scheins, nach der sich der Wert einer Nachricht nicht in ihrer objektiven Wahrheit quantifizieren lässt, sondern vornehmlich nach der Wirkung, die man mit ihr erreichen kann.

Wirkung erreicht eine Nachricht dann, wenn sie erstens emotional aufgeladen ist und sich zweitens politisch kontextualisieren lässt. Das war schon immer so und wurde immer schon von Propagandisten und Populisten genutzt, um Meinungsmache zu betreiben und Massen zu manipulieren bzw. zu mobilisieren. Dramatisch wird diese Dynamik erst, wo zweierlei gegeben ist: wo die Medien der Meinungsmache leicht zuglänglich sind und der Raum der öffentlichen Meinungsbildung zu einem ökonomischen Raum formatiert bzw. die Nachricht zu einer Art Ware geworden ist. Beide Voraussetzungen werden durch das Internet bzw. die sozialen Medien erfüllt. Dadurch ist eine bedrohliche Dynamik entstanden, die das massenweise Auftreten von Fake News im virtuellen Raum erklärt.
Hier müssen wir genauer hinschauen und uns die Logik der Web-Ökonomie vergegenwärtigen: Eine Nachricht im Internet erhält ihren Wert dadurch, dass sie Menschen an eine Seite bindet und dort die Verweildauer steigert. Denn je länger die Verweildauer, desto höher der Werbewert der Seite. In der Web-Ökonomie ist Aufmerksamkeit nichts anderes als bares Geld. Will sagen: Die sozialen Medien folgen – wie das gesamte Netz – einer Aufmerksamkeitsökonomie. Wo sich die Aufmerksamkeitsökonomie mit politischen Interessen verbindet, ist der Boden für Fake News bereitet.

Aufmerksamkeit im öffentlichen und virtuellen Raum erregt man am besten durch Erregung. Daher appellieren Fake News vorzugsweise an Empörungsmechanismen. Darin liegt ihre Gefahr: Wer empört ist, fragt nicht mehr, sondern verbreitet ungefragt die ach so empörende Nachricht weiter. Das dient einem doppelten Nutzen: In dem empörenden Sachverhalt sieht sich der Nutzer in seiner Meinung bestätigt und er erhofft sich eine Multiplikation seiner Ansicht dadurch, dass er die empörende Nachricht weiterleitet. Solche Empörungsdynamiken sind der Brennstoff, der die Fake News-Produktion am Laufen hält. Sie schalten das Fragen und Denken aus und instrumentalisieren Nachrichten als Argumente für die eigene Meinung oder das eigene Weltbild. Stephane Hessels seinerzeit so hoch gelobter Imperativ „Empört euch!“ hat der demokratischen Kultur bei Lichte besehen einen Bärendienst erwiesen.
Fake News lassen sich also daran erkennen, dass sie Empörung evozieren wollen. Schlecht gemachten Fake News ist diese Absicht auf die Stirn geschrieben, raffinierte Fake News versuchen sie durch ein gewollt seriöses Auftreten zu vertuschen. Grundsätzlich ist man als Medienkonsument deshalb immer gut beraten, sich bei der Kenntnisnahme einer jeden Nachricht selbst zu beobachten und die Frage vorzulegen, was sie wohl in einem bewirken soll.

Auch die öffentlich-rechtlichen Medien erliegen der Versuchung, die Empörungsmechanismen der Medienkonsumenten zu bedienen. So kommt es, dass man in den Nachrichtensendungen immer wieder von Gewalttaten hört, deren gesellschaftlicher Nachrichtenwert gegen Null tendiert, die allerdings in einer Aufmerksamkeitsökonomie durchaus wertvoll sind. Daran (und nicht nur daran) wird erkennbar, dass immer auch aufmerksamkeits-ökonomische Motive im Hintergrund der Nachrichtenauswahl stehen. Hier wäre zu wünschen, dass sich in den sogenannten Qualitätsmedien wieder ein journalistisches Ethos durchsetzt, das den Versuchungen der Empörungsindustrie ebenso widersteht wie der Versuchung zur gewollt manipulativen Berichterstattung.

Denn es gibt bis auf weiteres keine Alternative zu öffentlich-rechtlichen Medien. Ich möchte das an einem Beispiel illustrieren. Für die Meinungsbildung in einem demokratischen Gemeinwesen ist die Versorgung der Menschen mit frischen Nachrichten so wichtig wie die Versorgung der Menschen mit frischem Wasser. Damit frisches, d.h. gereinigtes und sorgsam gefiltertes Wasser den Weg von der Quelle in die Haushalte unbeschadet übersteht, braucht es eine öffentlich verantwortete Infrastruktur, die eine qualitätvolle Wasserversorgung sicherstellt. Analog dazu braucht es eine öffentlich verantwortete Infrastruktur, die sicherstellt, dass die Verbraucher mit sauberen und sorgsam gefilterten Nachrichten versorgt werden – denn ohne Filter geht es nicht! Nicht ohne Grund scheut man sich, die Wasserversorgung in private Hand zu geben. Denn man weiß nie genau, aus welchen Brunnen die privaten Anbieter schöpfen – und ebenso man kann nie ganz sicher sein, dass die Quellen der Anbieter nicht durch Fake News vergiftet sind. Denn in der Tat: Wer Fake News in Umlauf bringt, ist ein Brunnenvergifter. Und Brunnenvergifter haben es sehr viel leichter, wenn sie überall und jederzeit das Versorgungsnetz anzapfen und ihre Toxine einspeisen können.

Allerdings bedarf auch die öffentliche Hand einer Aufsicht. Daher ist das in Deutschland vorhandene System, in dem öffentlich-rechtliche und privatwirtschaftliche Medienanbieter konkurrieren und einander als kritisches Korrektiv beäugen, nicht das Schlechteste. Wir sollten es hegen und pflegen. Denn einen wirklich effektiven Schutz vor Fake News gibt es so wenig, wie objektiv wahre und nicht selektierte Nachrichten. In einer Zeit, in der soziale Netzwerke als Transportnetz für Nachrichten jedermann offenstehen, wird uns nichts anderes übrig bleiben, als irgendwie mit dieser Gefahr leben und umgehen zu lernen.

Was also ist zu tun? Ich denke zweierlei. Zum einen wäre der Gesetzgeber meines Erachtens gut beraten, eine Art Datenpolizei einzurichten, die Fakenews-Produzenten mit einer ähnlichen Konsequenz und Schärfe verfolgt, mit der man in früheren Zeiten Brunnenvergifter verfolgt hätte. Zum anderen sollten wir als Gesellschaft darauf dringen, mehr Energie und Zeit auf unsere Bildung als Medienkonsumenten zu verwenden. Denn Fake News funktionieren nur, solange die Empörungsdynamiken der Mediennutzer unreflektiert greifen und sich niemand über die hermeneutische Situation des Nachrichtenkonsums aufklärt. Wir sollten schon in den Schulen unseren Kindern beibringen, bei allem, was sie an Nachrichten angeboten bekommen, die Frage zu stellen: Warum bekomme ich diese Nachricht übermittelt? Wer sagt mir hier was? Und Warum? Das einzig vielversprechende Antidotum gegen Fake News ist ein wacher Geist des Fragens. Gute Fragen sind ein wirkungsvolles Detox-Mittel.

(Christoph Quarch, Fulda Februar 2019)
Link zur SWR3 Radio-Sendung mit mir vom 15.1.2019 zum Thema Fake News…


Die Macht der Würde. Von der Maßgeblichkeit des Lebens

Veröffentlicht am 30. Januar 2019

von Christoph Quarch (Vortrag vom 3. März 2008 – Reinheim)

  1. Einleitung

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts befindet sich die Menschheit in einer dramatischen Krise. Sinnenfälliger Ausdruck dieser Krise ist der globale Klimawandel, der bereits angehoben hat und in den kommenden Jahren das Antlitz dieser Welt tiefgreifend verändern wird. Nichts wird mehr sein wie es war – und dieser Herausforderung wird nur zu begegnen sein, wenn die Entwicklung des menschlichen Geistes mit den bevorstehenden klimatischen und ökologischen Veränderungen Schritt halten kann. Dass dies gelingen wird, ist mehr als unwahrscheinlich. Denn bei Lichte besehen bedarf es nicht mehr und nicht weniger als eines globalen Bewusstseinswandels, eines radikalen Umdenkens bzw. einer ganz neuen Weltsicht. Alle Potenziale des menschlichen Geistes aus allen kulturellen und religiösen Traditionen stehen deshalb heute vor der Herausforde- rung, sich in ein umfassendes globales Ethos zu integrieren – getragen von einer globalen Spiritualität, die nicht länger an den Grenzen der eigenen Konfession halt macht, sondern aufbricht in die allumfassende, universale Wirklichkeit des göttlichen Geistes. Gewiss gibt es heute schon überall auf der Welt Orte, an denen ein neues globales Bewusstsein hervortritt – doch ebenso gewiss ist, dass es fundamentale bis fundamentalistische Abwehrreflexe gibt, die sich jedem Aufbruch verweigern. Wie in Folge des meteorologischen Klimawandels, so wird es auch im Zuge des analog zu ihm verlaufenden geistigen Klimawandels gewaltige Kämpfe und Verwerfungen geben. Deswegen müssen, um den bevorstehende Herausforderungen begegnen zu können, alle Kräfte konzentriert und gebündelt werden: politische, ökonomische, technische, kulturelle, spirituelle. Das ist nicht unmöglich, aber es bleibt nicht mehr viel Zeit.

Wie lässt sich die Situation der Gegenwart beschreiben? Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Die Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten, und zwar in jeder Hinsicht. Das gilt vom Öko-System genauso wie vom Sozialen System, von der Weltwirtschaft genauso wie von der Weltpolitik – ja, es gilt von der Mehrzahl all der sechseinhalb Milliarden Individuen, die den Globus bevölkern. Kurz: Die Welt braucht eine neue Balance. Damit sie wieder stimmt, muss sie neu gestimmt werden. Das verlorene Gleichgewicht muss auf allen Ebenen wieder hergestellt werden. Aber wie soll das gehen?

Um ein System in eine harmonische Balance zu bringen, bedarf es eines ihm spezifischen inneren Maßes: eines Maßes, das ihm vorgibt, wie die einzelnen in ihm versammelten Teilaspekte in ein stimmiges Ganzes verwoben werden. Und so ist es der Verlust des Bewusstseins für die Notwendigkeit eines inneren Maßes, das die Menschheitskrise der Gegenwart hervorgeru- fen hat. Die Weltwirtschaft erscheint maßlos – und die Politik vermessen. „Gibt es auf Erden ein Maß“, fragte vor zweihundert Jahren Friedrich Hölderlin. Die Antwort, die er sich gab, klingt heute plausibler denn je: „Es gibt keines.“ Das heißt nicht, dass es ein solches Maß nicht geben könnte. Im Gegenteil: Es heißt, dass es ein solches Maß gibt – nur eben nicht auf Erden, sondern… – ja wo? Im Himmel? Vielleicht nicht im Himmel, aber doch in einer anderen Dimension: in genau der Dimension, zu der hin sich zu entwickeln der menschliche Geist heute aufgefordert ist – zu der sich, das menschliche Bewusstsein heute öffnen muss. Aber noch einmal: Wie soll das gehen?

Die Krise des anhebenden 21. Jahrhunderts ist nicht zuletzt eine Krise der technisch- rationalen Vernunft. Wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns heute eingestehen, dass das in der westlichen Welt zum Ende des 18. Jahrhunderts begonnene Experiment, die Welt mit den Instrumenten von Wissenschaft, Technik und Liberalismus zu einem diesseitigen Eden zu machen, gescheitert ist. Gekommen ist nicht das Paradies, sondern der Klimawandel. Dass er gekommen ist, gibt zu erkennen, worin das Versäumnis dieses Experimentes lag. Bedingt durch den philosophisch-theologischen Dualismus von Leib und Geist, der sich zu Beginn der Neuzeit in Europa etablierte, wurde im Zuge einer Überschätzung der Ratio die irdische Verwurzelung des Lebens ausgeblendet. Der Mensch wollte und sollte, wie der Philosoph René Decartes formulierte

„Meister und Eigentümer der Natur“ sein. Er sollte mit der Kraft seines Geistes über die rein materielle-körperliche Welt herrschen. Dieses Denken ebnete jener beispiellosen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen den Weg, die uns heute in Gestalt des Klimawandels auf die Füße fällt. Und nicht nur das: Es öffnete ebenso jenem heute dominanten kruden Materialismus die Tür, der sich von der französischen Aufklärung über den Marxschen Sozialismus bis in die mo- derne Konsumgesellschaft hin in den Herzen und Köpfen der Menschen etablierte, nachdem das Vertrauen in die Vernunft mehr und mehr zu schwinden begann.

Die Folge ist ein eindimensionales Menschen- und Weltbild, das sich in allen Bereichen des Lebens durchgesetzt hat. Kennzeichnend dafür ist die Dominanz eines Denkens und Handelns, das sich mit einem Begriff der antiken Philosophie am besten als „Mehr-haben-Wollen“ charakterisieren lässt: Mehr Geld, mehr Macht, mehr Energie, mehr Waren etc. Diese Herrschaft eines allein auf Quantitätssteigerung und Wachstum ausgerichteten Bewusstseins stellt in der gegenwärtigen globalen Krise die größte Bedrohung für die Menschheit dar. Immer deutlich zeigt sich, dass es in keiner Weise den Herausforderungen gewachsen ist, die durch die Stich- worte Klimawandel, Welthunger, Terrorismus etc. angedeutet sind. Diese Herausforderungen sind viel zu komplex, als dass sie mit dem eindimensionalen Denken der Vergangenheit bewältigt werden könnten. Was folglich Not tut, ist ein Bewusstseinsfortschritt, der den Menschen in den vielen Facetten seines Daseins mitnimmt: nicht allein in den kognitiv-rationalen, sondern auch in den affektiv-emotionalen und transrational-spirituellen. Es bedarf eines Bewusstseins- wandel, der die Qualität des Seins wieder über die Quantität des Habens stellt.

Ein drittes Mal: Wie soll das gehen? Nicht gehen wird es auf dem Weg der konventionel- len Moral bzw. Moralphilosophie. Die Moralphilosophie von der frühen Neuzeit über Kant bis hin zu Habermas vertraut auf das menschliche Vermögen, mittels Vernunft und Ratio normative Maßstäbe zu ermitteln, an den sich unser Tun und Lassen sinnvoller Weise ausrichten soll. Das Problem daran ist, dass auf diese Weise immer nur äußere Maßstäbe in Geltung gesetzt werden können, die um- oder durchzusetzen die Herrschaft der Vernunft über alles Irdische, Leibliche und Materielle erzwingt. Damit aber bleibt die Moralphilosophie in den Bahnen eben jenes Be- wusstseins, das die ganze Misere der gegenwärtigen Weltkrise erst möglich machte. Von der Moralphilosophie klassischen Stils ist mithin nicht viel zu erwarten. Was Not tut, ist die Wieder- entdeckung eines inneren Maßes – eines Maßstabes, der uns nicht nur einleuchtet, sondern gleichsam in Fleisch und Blut gegenwärtig ist: eines Maßstabes, der – weil er der Komplexität unseres eigenen Lebens gemäß ist – dem Verhalten in einer pluralen, vernetzten, ganzheitlich verstandenen, globalen Wirklichkeit angemessen ist. Dieser Maßstab hat nicht so sehr mit rationaler Einsichtigkeit zu tun. Vielmehr geht es bei ihm um so etwas wie Taktgefühl und Gleichge- wichtssinn. Das Maß, dessen wir bedürfen, will nicht allein gedacht, sondern es will gefühlt und erspürt sein. Es bedarf eines Antlitzes, in dem es anschaulich wird und durch das es erfahren werden kann. Ein solches Antlitz trägt die Züge der Würde.

Würde ist maßgeblich. Darin besteht ihre Macht. Und ihre Macht ist umso größer, als Würde nie etwas ist, das allein nur gewusst oder gedacht wird. Im Gegenteil: Würde ist etwas,

das sich unserem Fühlen und Spüren erschließt. Würde ist eine Erfahrungsqualität. Darauf hat Friedrich Schiller in seiner Schrift Über Anmut und Würde mit Nachdruck hingewiesen (Friedrich Schiller: Über Anmut und Würde, S. 81) – auch wenn er das Phänomen der Würde darin anders interpretierte, als ich es im Folgenden tun wer- den. Wie dem auch sei. Würde ist jedenfalls deshalb ein tragfähiges Konzept für das Maß, das wir brauchen, um uns angesichts des bevorstehenden geistig-spirituellen Klimawandels angemessen zu verhalten. Und sie ist es, weil sie eine kognitive und eine sinnliche –in diesem Sinne eine ganzheitliche – Komponente hat, die für ein die pure Rationalität transzendierendes, fort- geschrittenes Bewusstsein charakteristisch sein wird.

Was aber heißt: Würde ist maßgeblich? Was ist es an der Würde, das ihr diese Maßgeblichkeit verleiht? Diese Fragen müssen wir beantworten, wenn wir für unsere These werben wollen, die Macht der Würde habe das Zeug, uns bei der Bewältigung der vor uns liegenden Herausforderungen maßgeblich zu sein. Wir brauchen ein Verständnis dafür, was Würde we- sentlich ist und ausmacht. Und das verschafft uns am besten ein kleiner Exkurs in die Geschichte der Philosophie.

2. Was ist Würde?

Von alters her eignet dem Konzept Würde – lateinisch dignitas – eine doppelte Bedeu- tung. Einerseits bezeichnet es die hervorgehobene Stellung in einem sozialen Kontext – etwa die dignitas eines pater familiae – andererseits eine Qualität, die dem Menschen als solchem eignet. In der stoischen Philosophie eines Cicero etwa sind die beiden Aspekte darin zusammenge- koppelt, dass die dem Menschen als Menschen eignende Würde in derjenigen seiner Eigen- schaften gründet, die im System der menschlichen Lebensaspekte eine hervorgehobene Stellung einnimmt: die Vernunft. Und eben deshalb verdient die Vernunft die ausdrücklichste Wür- digung. Sie ist gleichsam der pater familiae der Familie menschlicher Lebensaspekte. Wie sich die Würde der Familie in ihrem Oberhaupt verdichtet und manifestiert, so verdichtet und manifestiert sich die Würde des Menschen in seiner Vernunft. Soweit die Stoiker.

Unter dem Einfluss der christlichen Religion in Spätantike und Mittelalter trat dieses Konzept der Würde dann vorübergehend zurück. Erst im Zeitalter des Rationalismus kam es bei Denkern wie Pascal und Pufendorf zu neuen Ehren. Nun entfaltete es seine bis heute spürbare Wirkung: über die Aufklärungsphilosophie bis in die amerikanische Erklärung der Menschenrechte von 1776 und in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das die Unverletzbarkeit und Unveräußerlichkeit der Würde eines jeden Menschen in seiner Präambel festschreibt.

Daneben aber hat sich bis in unsere Tage hinein eine andere Begründungstradition für die unveräußerliche Menschenwürde gehalten. Sie hat ihre Wurzeln in der Tradition des bibli- schen Denkens und wurde entsprechend durch die christliche Theologie propagiert. Mit großem Erfolg, denn bis heute steht sie im Hintergrund offizieller kirchlicher Verlautbarungen – etwa solcher des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland. Tatsächlich sind sich Wolfgang Huber und Thomas von Aquin nämlich darin einig, dass die Würde des Menschen in seiner Gottesebenbildlichkeit gründet, wie sie vom biblischen Schöpfungsbericht in Genesis 1,27 behauptet wird. Als Gottes Ebenbild eigne demnach dem Mensch als solchem Würde – und als die Krone der Schöpfung gebührt es ihm, von allen anderen Wesen gewürdigt zu werden. So gesehen ist er der pater familiae der Schöpfung, in dem sich die Würde des Schöpfers abbildet und manifestiert. Diese theologische Begründung der Menschenwürde ist signifikant anders als die philosophische. Sie steht ihr aber nicht entgegen. So gesehen kann man Wolfgang Huber zustimmen, wenn er sagt, eine der „Stärken des Menschenwürdebegriffs“ liege „gerade in seiner universalen Begründungsoffenheit für unterschiedliche weltanschauliche Zugänge.“ Und er hat Recht, wenn er anfügt: „Deshalb braucht eine christliche Interpretation nicht zuückgehalten werden.“

Egal ob nun theologisch durch die Ebenbildlichkeit Gottes begründet oder philosophisch durch den Primat der Vernunfttätigkeit: In der Tradition des westlichen Denkens ist Würde im- mer ein Konzept gewesen, das dem Menschen allein vorbehalten ist. Von einer Würde der Tiere oder einer Würde der Natur konnte weder auf theologischer noch auf philosophischer Basis sinnvoll gesprochen werden. Es ist aber zu bedenken, ob dadurch nicht die Macht der Würde ohne Not eingeschränkt worden ist – und ob es nicht erforderlich ist, die Reichweite der Würde zu erweitern, wenn es uns darum zu tun ist, ihre Macht für die anstehenden Menschheitsaufga- ben fruchtbar zu machen. Wäre es möglich, auch der belebten Natur Würde zuzuschreiben, würde es nicht dem Menschen allein überlassen bleiben, uns ein Gefühl für dasjenige zu geben, was unser aller Leben Maß und Balance verleiht. Fragen wir also: Wie weit reicht das traditionelle Konzept der Würde wirklich? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir tiefer in die Geistesgeschichte eintauchen, um von dort ein noch feineres Verständnis der Würde zu gewinnen.

Dieser Tauchgang wird uns zu den drei bedeutendsten philosophischen Reflexionen über die Würde führen: denen von Immanuel Kant, Friedrich Schiller und Pico della Miradola.

2.1. Immanuel Kant

Als Philosoph der Aufklärung steht Immanuel Kant ganz unter dem Einfluss des Rationa- lismus und damit in der Tradition einer Deutung der Menschenwürde, die sie in der menschlichen Vernunft verwurzelt sieht. Was Kant allerdings weit über alle anderen Theoretiker der Würde erhebt, ist das Niveau seiner Begründung. Kant begnügt sich nämlich nicht damit, ein- fachhin den Primat der Vernunft vor allen anderen Aspekten menschlichen Lebens zu behaup- ten. Vielmehr begründet er ihn durch eine kritische und tiefschürfende Analyse der Vernunft selbst. Die einschlägigen Passagen für unser Thema finden sich in der Grundlegung zu einer Me- taphysik der Sitten von 1785. In dieser berühmt gewordene Schrift entfaltet Kant die Grundlagen seiner Moralphilosophie und entwickelt aus ihnen seinen kategorischen Imperativ als das Grundprinzip aller Sittlichkeit und Ethik.

Es würde zu weit führen, hier nun in der gebotenen Ausführlichkeit die Kantische Moral- philosophie darzustellen. Nur so viel sei skizziert, wie es für das Verständnis von Kants Konzept der Würde erforderlich ist: Im Hintergrund dieses Konzeptes steht eine Gedankenfigur, die man Kants anthropologischen Dualismus nennen könnte. Als Kind des Rationalismus unterscheidet er zwei Aspekte des Menschseins: hier den Menschen als Vernunftwesen beziehungsweise homo nooumenon, da den Menschen als Sinneswesen beziehungsweise homo phaenomenon. Der Aspekt des homo phaenomenon umfasst alles Körperliche, Materielle, Affektive – er umfasst all das, worin der Mensch, wie jedes andere Wesen und Phänomen der physikalischen Welt auch, notwendigen Naturgesetzen unterworfen ist, die ihn in seinem Verhalten unausweichlich bestimmen. Daneben aber ist der Mensch auch homo nooumenon. Er ist dies, sofern er kraft seiner Vernunft über ein Vermögen verfügt, Handlungen zu verrichten, die aus eigenem freien Ent- schluss hervorgehen und nicht dem mechanischen Wirkungszusammenhang der Naturgesetze unterliegen. Die Naturgesetze lassen sich wissenschaftlich ermitteln und berechnen. Von der Freiheit kann man das nicht sagen. Sie ist der Berechenbarkeit entzogen und kann daher auch nicht wissenschaftlich bewiesen werden. Aber– und das war für Kant außerordentlich wichtig – es liegt doch im Wesen der Vernunft selbst, Freiheit widerspruchslos denken zu können. Denn auf dieser Grundlage steht es der Vernunft – und dem Philosophen Kant – zu, sie – die Freiheit – als unerschütterliches Fundament der Moralphilosophie behaupten zu dürfen. Das heißt: Die Tatsache, dass wir Menschen Vernunftwesen sind, verbürgt die Möglichkeit, das eigene Verhal- ten frei und autonom zu gestalten. Allein: Diese Freiheit ist keine Willkür. Auch sie unterliegt einer, wie Kant sagt, Legislation. Sie unterliegt einer Gesetzgebung. Aber dies ist nicht die Legislation der wissenschaftlich ermittelbaren Naturgesetze, sondern die Legislation eines Sittengesetzes, das die Vernunft nicht durch empirische Beobachtung, sondern nur durch die kritische Anlayse ihrer selbst ermitteln kann. Für die Moralphilosophie stellt sich damit die Frage:

„Ist es ein notwendiges Gesetz für alle vernünftigen Wesen, ihre Handlungen jederzeit nach solchen Maximen zu beurteilen, von denen sie selbst wollen können, dass sie zu allgemeinen Ge- setzen dienen sollen? Wenn es ein solches ist, so muss es (völlig a priori) schon mit dem Begriffe des Willens eines vernünftigen Wesens überhaupt verbunden sein.“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA 63).

Damit will Kant sagen: Das Sittengesetz muss aus der freien Vernünftigkeit des Menschen selbst heraus entwickelt werden. Es muss dem menschlichen Wollen Handlungsanweisungen bezie- hungsweise Maximen an die Hand geben, die keine andere Begründung haben, als dass sie der Vernunft unmittelbar einsichtig sind. Das heißt: Mit ihnen darf das Handeln keinen anderen Zweck verfolgen als den, der Maßgabe der Vernunft zu folgen. Da – und dies ist nun für Kants Konzept Würde der entscheidende Gedanke – der menschliche Willen immer auf Zwecke und Ziele ausgerichtet ist, muss für das Sittengesetz gelten, dass es den Menschen zu nichts anderem verpflichtet als zu einem Handeln gemäß seiner Vernunft und Freiheit. Vernunft und Frei- heit sind der einzige mögliche Bewegungsgrund für moralisches Handeln. Sie allein sind das, was Kant „einen Zweck an sich nennt“ – weil wir, wenn wir unserem eigenen Wesen gemäß leben wollen, nichts erstreben könnten, was über Freiheit und Vernunft hinausgeht. Deswegen kann Kant sagen:

„Der Mensch, und überhaupt jedes vernünftige Wesen, existiert als Zweck an sich selbst, nicht bloß als Mittel zum beliebigen Gebrauche für diesen oder jenen Willen, sondern muss in allen seinen, sowohl auf sich selbst als auch auf andere vernünftige Wesen gerichteten Handlungen jederzeit zugleich als Zweck betrachtet werden.“ (Kant, GMS, BA 64f).

Als freies und vernünftiges Wesen ist der Mensch „Zweck an sich“. Dem gilt es zu entsprechend. Das ist der Kerngedanke von Kants ganzer Moralphilosophie. Und aus ihm heraus leitet er als Formulierung des Sittengesetzes und als dessen höchste Manifestation den berühmten Katego- rische Imperativ her, der da lautet:

„Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß all Mittel brauchest.“ (Kant, GMS, BA 66f).

Als freies Vernunftwesen ist der Mensch auf ein Sittengesetz verpflichtet, dass keine andere Begründung kennt, als sein eigenes Wesen – seine eigene Freiheit und Vernünftigkeit. Keinem anderen Zweck ist er in seinem Tun und Lassen unterworfen, als dem, in Freiheit und Vernunft seinem eigenen Menschsein zu genügen. Und eben darin, so Kant, liegt seine Würde:

„Die Vernunft bezieht […] jede Maxime des Willens als allgemein gesetzgebend auf jeden an- deren Willen, und auch auf jede Handlung gegen sich selbst, und dies zwar nicht um irgend eines andern praktischen Bewegungsgrundes oder künftigen Vorteils willen, sondern aus der Idee der Würde eines vernünftigen Wesens, das keinem Gesetze gehorcht, als dem, das es zugleich selbst gibt. [Denn] was sich auf die allgemeinen menschlichen Neigungen und Bedürf- nisse bezieht, hat einen Marktpreis; […] das aber, was die Bedingung ausmacht, unter der allein etwas Zweck an sich selbst sein kann, hat nicht bloß einen relativen Wert, d.i. einen Preis, son- dern einen innern Wert, d.i. Würde.“ (Kant, GMS, BA 77).

Damit ist es heraus: Für Kant gründet die Würde darin, dass der Mensch – als freier, al- lein dem vernünftigen Sittengesetz verpflichteter homo nooumenon – ein Zweck an sich ist. Und die Würde des Menschen wird entsprechend überall da geachtet, wo diesem Umstand Rech- nung getragen wird: wo der Mensch nicht verzweckt, instrumentalisiert, als Mittel gebraucht wird. Dies zu unterlassen gebietet der Kategorische Imperativ, indem er uns Menschen darauf verpflichtet, die eigene ebenso wie die Würde der anderen zu achten.

So grandios diese Begründung der Würde auch ist, so erscheint es doch problematisch, dass Kant sie so eng an die Vernünftigkeit des Menschen bindet. Auf diese Weise scheinen alle nicht-rationalen Komponenten des Menschen seiner nachgerade unwürdig zu sein. Dieses Problem tritt noch deutlicher zutage, wenn wir uns im nächsten Schritt Schillers Verständnis der Würde zuwenden. Zuvor aber soll festgehalten werden, worin der bleibende und für unsere Fragestellung ungebrochene Wert der Kantischen Konzeption der Würde liegt. Er liegt darin, dass Kant die absolute Maßgeblichkeit der Würde herausgearbeitet hat. Die Macht der Würde besteht ihm zufolge genau darin, dass sie Ausdruck des Wertes des Menschen an sich selbst ist: dass er keinem anderen Maß unterliegt, als demjenigen, das in seinem eigenen Wesen oder seiner eigenen Natur begründet ist. Es ist genau diese Maßgeblichkeit des menschlichen We- sens, die es heute neu zu entdecken gilt, wenn denn die Würde des Menschen in einer maßlos gewordenen Welt als Maß zur Geltung gebracht werden soll. Ob allerdings das Wesen des Men- schen allein in seiner Vernunft liegt und diese damit zum Maß aller Dinge erhoben werden kann, ist angesichts des eingangs behaupteten Scheiterns der wissenschaftlich-technischen Weltbeherrschung fraglich.

2.2 Friedrich Schiller

„Beherrschung der Triebe durch die moralische Kraft ist Geistesfreiheit, und Würde heißt ihr Ausdruck in der Erscheinung.“(Friedrich Schiller: Über Anmut und Würde, in: Ders., Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik, S. 81)

In diesem Satz ist verdichtet, was Schiller zum Thema Würde zu sagen hat. Zweierlei fällt daran auf: Zum einen ist erkennbar, dass Schiller in seinem Verständnis der Würde ganz unter dem Einfluss Kants steht. Die Würde gründet für ihn einzig und allein in der Moral: in einem au- tonomen, freien Willen, der sich in seinem Tun und Lassen ganz vom Sittengesetz und dessen kategorischem Imperativ in die Pflicht nehmen lässt – einem Willen, der sich jeder Determinati- on durch die Sinne, die Affekte oder den ihnen entsprechenden Zwecken entzieht. Würde wird damit zur Qualität eines strengen Regimentes der Vernunft im Reiche der menschlichen Seele. Der Vernunft – als einem seelischen pater familiae – allein eignet dignitas; und dies je mehr, desto deutlicher und autoritärer sie auftritt – weshalb Schiller dann auch ihren „höchsten Grad“ in der „Majestät“ erkennt (Schiller, a.a.O., S. 91):

„Bei der Würde führt sich der Geist in dem Körper als Herrscher auf, denn hier hat er seine Selbstständigkeit gegen den gebieterischen Trieb zu behaupten, der ohne ihn zu Handlungen schreitet und sich seinem Joch gern entziehen möchte.“(Schiller, a.a.O., S. 83)

In diesen Worten wird eine Tendenz erkennbar, die wir schon bei Kants Konzept der Würde vermuteten. Hier wird sie ausdrücklich: Schiller wie Kant feiern die Würde als maßgebliche Instanz menschlicher Moral. Aber sie tun dies um den Preis eines ganzheitlichen, den Menschen auch in seiner Leiblichkeit und Sinnlichkeit achtenden Menschenbildes. Die Würde gerät ihnen zur Qualität einer Gewalt, mit der sich die menschliche Vernunft gegen die menschliche Sinnlichkeit durchsetzt. In Schillers Worten: Die Würde ist „Ausdruck des Widerstandes […], den der selbständige Geist dem Naturtriebe leistet“ (Schiller, a.a.O., S. 84)

Wichtig ist dabei das Stichwort „Ausdruck“. Es führt uns auf den zweiten signifikanten Aspekt des Schillerschen Konzeptes der Würde. Denn wenn wir auch seiner Engführung von Würde und Vernunftherrschaft nicht folgen können, so lässt sich aus ihm doch lernen, woher die Macht der Würde kommt. Oder anders gesagt: Wenn uns auch die Ausführungen Kants und Schillers zum Wesen der Würde nicht überzeugen, so können wir ihnen doch wichtige Einsichten über die Wirkung der Würde entnehmen – die Wirkung, die darin besteht, mächtig zu sein.

Wie gesagt: Das entscheidende Stichwort heißt „Ausdruck“. Würde, so Schiller, ist „Ausdruck “ des geistigen Widerstands beziehungsweise der „moralischen Kraft“ und „Geistfreiheit“ „in der Erscheinung“. Das bedeutet: Würde ist für Schiller ein ästhetischer Begriff. Will sagen: Würde ist die Qualität einer Erscheinung. Würde ist die Qualität einer Erfahrung. Und als solche spricht sie uns nicht oder nicht nur auf kognitive Weise an. Als Erfahrungsqualität ist sie etwas, das erfühlt und erspürt werden muss: etwas, das uns in Herz und Bauch berührt und von genau dort aus seine maßgebliche Macht entfalten kann. Würde ist mächtig, weil sie unser inneres Maß berührt – zumindest dann, wenn wir den Sinn für Würde ausgeprägt haben. Das kann man sich einfach klar machen. Überlegen Sie nur: Von jemandes Würde kann und muss man niemanden überzeugen: man muss lediglich die Sensibilität für sie schärfen. Die Macht der Würde liegt in dieser ihrer ästhetischen oder sinnlichen Kraft.

Allein, es bleibt die Frage: Was ist es denn, das mit der Macht der Würde zur Erscheinung kommt? Ist es, wie Schiller und Kant meinen, die moralische Kraft, die Geistfreiheit, der dem Sittengesetz verpflichtete Willen in seinem Widerstand gegen die Triebe? Wäre es nur das, wür- de sich das Konzept Würde bei aller sinnliche Potenz nicht als maßgebliches Kriterium für das globale Miteinander anbieten. Vielmehr würde es den im Klimawandel in seiner ganzen Bedrohlichkeit manifest werdenden Dualismus von Vernunft und Körper fortschreiben. Die irdische Verwurzelung des Lebens bliebe ausgeblendet und die Zerstörung der Erde ginge gerade so weiter. Was Not tut ist ein umfassenderes, ganzheitlicheres Verständnis des Menschen und seiner Würde – ein Verständnis der Würde, das die Maßgeblichkeit des Menschen als eines Wertes an sich nicht in der Herrschaft der Vernunft über Leib und Sinne begründet sieht, sondern in der harmonischen und stimmigen Integration aller Aspekte des Lebens. Ein solches Konzept der Würde muss nicht erfunden werden. Wir finden es in einem anderen der klassischen Texte zu unserem Thema: in Giovanni Pico della Mirandolas Traktat De Hominis Dignitate (Über die Würde des Menschen) von 1485.

2.3 Giovanni Pico della Mirandola

Giovanni Pico della Mirandola ist eine der erstaunlichsten intellektuellen Figuren der ita- lienischen Renaissance. Als enger Freund von Marsilio Ficino, dem Begründer der florentischen Akademie, verkehrte er in seinem kurzen Leben (1463-1494) mit den großen Geistern seiner Zeit. Er wurde exkommuniziert, eingekerkert und wieder in die Kirche aufgenommen. Sein be- rühmtestes Werk ist seine Schrift über die „Würde des Menschen“ – ein Thema, dem sich sei- nerzeit fast alle Renaissance-Humanisten widmeten, deren Texte aber meist in Vergessenheit gerieten. Mit Picos Werk ist das anders. Zu Recht. Denn anders als seine Weggefährten, die sich bei ihrem Reflexionen über die Würde ganz in den Fußspuren Ciceros bewegten, wählte Pico einen anderen, durch die Philosophie Platons motivierten Weg. Nicht die Vernunft erscheint ihm als Garant der menschlichen Würde, sondern die Kreativität. Diesen Gedanken entwickelt er aus einer kühnen eigenen Lesart der Schöpfungsgeschichte:

»Endlich beschloss der höchste Künstler (Gott), dass der, dem er nichts eigenes geben konnte, Anteil habe an allem, was die einzelnen [Wesen] jeweils für sich gehabt hatten. Also war er zu- frieden mit dem Menschen als einem Geschöpf von unbestimmter Gestalt, stellte ihn in die Mit- te der Welt und sprach ihn so an: »Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit du den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du dir selbst ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluss habest und besitzest. […] Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch un- sterblich geschaffen, damit du wie dein eigner, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bild- hauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst.“  (Giovanni Pico della Mirandola: De hominis dignitate/ Über die Würde des Menschen, übers. Von Norbert Baumgarten, hg. V. August Buch, lt.-dt., Hamburg 1990, S. 5f.)

Folgen wir Pico, dann ist es der Kreativität des Menschen überantwortet, etwas aus sei- nem Leben zu machen. Und in dieser Fähigkeit wurzelt seine Würde. Sie wurzelt nicht darin, dass ein Aspekt seiner Lebenswirklichkeit – die Vernunft – die anderen Aspekte beherrscht.

Sondern sie wurzelt darin, dass er über die Kreativität verfügt, alle Aspekte seines Lebens so auszuformen, dass sie ein in sich stimmiges Ganzes bilden. „Im Menschen“, sagt Pico, „sind bei seiner Geburt von Gottvater vielerlei Samen und Keime für jede Lebensform angelegt; welche ein jeder hegt und pflegt, die werden heranwachsen und ihre Früchte in ihm tragen“ (Pico della Mirandola, a.a.O., S. 7). Diese „Hege und Pflege“ aber ist ganzheitlich angelegt. Unserer Würde entsprechen wird Menschen nach Pico am besten dann, wenn wird diese „Samen und Keime“ in eine stimmige Harmonie des Lebens fügen. In seiner eigentümlich pathetischen Renaissance-Sprache bringt Pico dies wie folgt auf den Begriff:

„Wenn die Kräfte der Leidenschaften […] durch die nötige symmetrische Anordnung so auf den Rhythmus (der Seele) ausgerichtet sind, dass sie miteinander in sicherem Einklang harmonieren, und sich die Vernunft […] beim Voranschreiten im Takt bewegt, dann werden wir, durch die Ver- zückung der Musen erregt, die himmlische Harmonie förmlich einsaugen.“ (Pico della Mirandola, a.a.O., S. 25).

In dem Maße aber, in dem wir die „himmlische Harmonie“ einsaugen, entsprechen wir unserer Würde als „Bildhauer“ oder – im Sinne dieses Bildes besser – als Komponisten unseres eigenen Lebens. Indem wir das Leben in eine stimmige Symphonie verwandeln, verleihen wir unserer Gottesebenbildlichkeit als Schöpfer eines harmonischen Lebens Ausdruck. Und Würde ist im Sinne Picos entsprechend nicht wie bei Schiller der Ausdruck der Geisteskraft in der Er- scheinung, sondern der sinnenfällige Ausdruck menschlicher Kreativität in einem in sich stimmigen, harmonischen Leben. Als solcher aber ist sie, ganz im Sinne Kants, ein Wert an sich. Auch für Pico bemisst sich der Wert der Würde nach dem menschlichen Leben selbst – nun aber nicht nach seinem Vermögen, in sich ein Regiment der Vernunft über Leib und Sinne zu errichten, sondern nach seinem Vermögen, sich selbst zu einer stimmigen Symphonie fügen, in der Leib, Sinne und Geist harmonisch zusammenspielen. In diesem kreativen Vermögen gründet die menschliche Würde. Und ihre Macht resultiert daraus, dass sie uns in ihrem Erscheinen sinnenfällig dazu auffordert, unser Leben ebenso wie das Leben auf diesem Globus im Ganzen in einem umfassenden Sinne in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen

3. Die Macht der Würde

Folgen wir Pico della Mirandola, dann eignet sich die Würde deshalb als Maßstab für eine nachhaltige, gerechte und lebensdienliche Neuordnung der Welt, weil in ihr das innere Maß des Lebens sinnenfällig wird. An der Würde Maß zu nehmen, heißt: An dem inneren Maßstab allen Lebens Maß zu nehmen: an dem Maßstab, der darin besteht, dass alles Leben darauf ange- legt ist, ein stimmiges und harmonisches Gleichgewicht seiner Aspekte auszubilden. Im Bereich der Medizin nennen wir dieses Gleichgewicht „Gesundheit“, im Bereich der Kunst nennen wir es „Schönheit“, im Bereich der Ökologie „Nachhaltigkeit“, im Bereich der Politik „Gerechtigkeit“ oder „Frieden“– und als Erfahrungsqualität in der Erscheinung eines Lebewesens nennen wir es „Würde“.

So verstanden ist die Würde aber nicht das Monopol des Menschen. Wenngleich sie an keinem anderen Lebewesen so sinnenfällig auftritt wie an ihm, kann man im freien Anschluss an Pico della Mirandola durchaus auch von einer Würde der Natur reden. Denn wo immer ein lebendiges Wesen – ob Mensch, Tier, Gemeinwesen oder Klima – in sich das innere Maß des Lebens zum Ausdruck bringt, ist seine Erscheinung darin maßgeblich. Wo diese Maßgeblichkeit gespürt und empfunden wird, sagen wir: Es hat Würde. Oder: Es ist würdevoll. Und wenn wir diese Maßgeblichkeit wirklich spüren und verinnerlichen, werden wir alles daran setzen, unser eigenes ebenso wie unser gesellschaftliches Leben nach dieser Maßgabe zu gestalten: sei es im Blick auf Frieden, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit oder wie immer wir die Erscheinungsformen des Lebens im Gleichgewicht nennen wollen.

Das kreative Vermögen, das eigene Leben nach Maßgabe seines inneren Maßes zu innerem Einklang und Harmonie zu fügen, eignet jedem Menschen. Deswegen können wir auch im Sinne des hier entwickelten Verständnisses der Würde sagen, dass sie jedem Menschen unver- äußerlich ist. Ebenso wird man sagen müssen, dass sie je nach dem Grad, in dem es einem Men- schen gelingt, mit sich und seiner Umwelt im Einklang zu sein, stärker oder schwächer in Er- scheinung tritt. Wo das innere Maß am deutlichsten hervortritt, werden wir – wie es dem Sprachgebrauch entspricht – einem Menschen ausdrücklich Würde zusprechen. Das wird uns aber nicht daran hindern, sie genauso als unveräußerliche Qualität eines jeden anderen anzuerkennen – weil auch jeder andere in sich das Vermögen besitzt, sein Leben nach Maßgabe seines inneres Maßes in Harmonie und Balance zu führen.

Damit nun das Bewusstsein für die unveräußerliche Würde eines jeden Menschen – und darüber hinaus eines jeden lebendigen und beseelten Wesens – wächst, sind wir berufen, unse- re Würde immer aufs Neue Gestalt zu verleihen. Dies kann geschehen in einer dem eigenen Dasein gewidmeten Lebenskunst, es kann geschehen in den Werken der schönen Kunst, es kann geschehen in einem nachhaltigen und fairen Wirtschaften, es kann geschehen in einer gerech- ten Weltpolitik. Es wird aber nur geschehen, wenn es uns gelingt, ein neues Bewusstsein auszuprägen, das Maß nimmt an der Schönheit und Würde des in sich stimmigen kreativen Lebens.

Würde ist maßgeblich. Und Würde ist mächtig. Macht ist ein Potenzial, das genutzt werden will. Unsere maßlose und vermessene Welt braucht dieses Potenzial. Darum ist es an der Zeit, die Macht der Würde frei zu setzen. Denn auf Erden gibt es kein besseres Maß als sie.


SWR3 Sendung über FAKE NEWS….

Veröffentlicht am 13. Januar 2019

Die Fake News Sendung mit mir kann auf SWR3.de nachgehört werden…

15. Januar 2019 von 15 bis 17 Uhr… mit mir als Studiogast … Natürlich freue ich mich über viele Hörerfragen.


Wurzeln im heiligen Sein dieser Welt

Veröffentlicht am 31. Dezember 2018

Von der Notwendigkeit einer neuen Religion

„Ich denke eine neue Religion zu stiften.“ (Friedrich Schlegel)

In seinem skandalumwitterten Roman Lady Chatterley’s Lover lässt der britische Romancier D.H. Lawrence seinen Protagonisten Oliver Mellors sagen: „Vitally, the human race is dying. It is like a great uprooted tree, with its roots in the air. We must plant ourselves again in the universe.“ Dieser Satz beschreibt in einem starken Bild den Zustand unserer Welt. Wir leben in der Zeit des Klimawandels. Luft und Meere sind von Menschenhand vergiftet. Falsches Denken hat uns von der lebenden Natur entfremdet. Wie Michael Jackson im berühmten Earthsong-Video wandeln wir auf einer geschundenen Erde. Verbrannte Baumstümpfe wohin das Auge blickt.

Die zerstörten Wälder halten uns den Spiegel vor. Baumstümpfe und freigelegte Wurzeln zeigen uns die Wahrheit unseres Innersten. Wir haben Wälder und Natur gerodet, um die Erde uns zu unterwerfen. Wir haben eine Lichtung in die Wildnis eingebrannt, um mit Wissenschaft und Technik alles zu beherrschen und zu kontrollieren. Wir haben die Lichtung immer weiter ausgedehnt und die Wälder immer weiter an den Rand gedrängt. Heute, in der Zeit der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz, stehen wir im Begriff, die Lichtung total werden zu lassen. Wir wissen alles, können alles, haben alles unseren Interessen untertan gemacht. Alles scheint unseren Bedürfnissen verfügbar. Doch in Wahrheit haben wir das Kostbarste zerstört: die Lebendigkeit der Welt: Vitally the human race is dying – um nochmals D.H. Lawrence zu bemühen.

Lawrence sagt uns aber auch, worin vor diesem finsteren Hintergrund die Aufgabe der Zukunft liegt: „We must plant ourselves again in the universe.“ Was kann das heißen? Es heißt, uns neuerlich rückzubinden an das Universum – rückzubinden an das Sein der Welt und es als heiligen Grund allen Lebens zu erkennen; denn nur, wo wir als Menschheit rückgebunden bleiben an die Wirklichkeit, die ist – wenn wir in der Wahrheit wurzeln und uns fügen in das Sein der Welt, werden wir auf Dauer selbst im Sein verweilen. Wer sich jedoch dauerhaft dagegen sträubt, im Einklang mit dem Sein der Welt zu wesen, läuft Gefahr, sein Wesen zu verfehlen, zu verwesen und dem Nichtsein zu erliegen.

Save our souls

Was aber heißt Rückbindung ans Sein der Welt? Rückbindung ans Sein der Welt bedeutet nichts anderes als Religion – abgeleitet vom Lateinischen Re-ligio = Rückbindung. Was uns D.H. Lawrence sagen will, lässt sich folglich auf die weniger poetische, dafür aber pointierte Formel bringen: Wir – die Menschheit – brauchen eine neue Religion; jedenfalls, wenn wir verhindern wollen, dass uns die Lebendigkeit zuletzt noch ganz verlorengeht. Noch liegt sie im Sterben. Noch ist jener Seelentod nicht eingetreten. Noch ist Zeit, unsere Seelen zu retten. SOS – Save our Souls. Wie? Durch eine neue Religion, ein neues Sich-Verwurzeln im heiligen Sein dieser Welt.

Aber hat die Religion nicht schon seit langem ausgedient? Oder klarer formuliert: Haben nicht die Religionen längst schon ausgedient? Und zwar alle Religionen? Tragen sie nicht alle je auf ihre Weise dazu bei, dass die Menschheit, was ihre Lebendigkeit betrifft, im Sterben liegt. Und wo unterstützen sie die Menschen darin, sich im Universum zu verwurzeln, kulturell und geistig zu wachsen, zu reifen, zu erblühen und Frucht zu tragen? Wirken sie nicht oft das Gegenteil: knechten mit der Fessel von Geboten und moralischen Gesetzen ihre Gläubigen, lähmen mit Bekenntnissen und Dogmen deren Geist oder entführen ihre Seelen in luftige spirituelle Welten, in denen sie zwar Ruhe finden aber weit davon entfernt sind, ihre Lebendigkeitspotenziale zum Erblühen zu bringen?

Mit einem bloßen Relaunch der bekannten großen religiösen Systeme der Menschheit allein wird es nicht getan sein. Was wir brauchen, um uns neuerlich im Universum zu verwurzeln, ist nicht die Wiederbelebung toter Religionen oder Götter. Was wir brauchen, sind nicht spirituelle Techniken oder Methoden. Was wir brauchen, ist ein neues Denken – ist ein neuer Geist, der die verlorene Beziehung zum heiligen Sein der Welt allererst stiftet. Um unsere Lebendigkeit nicht gänzlich sterben zu lassen, braucht es eine Religion, die völlig anders ist als alles – oder wenigsten das meiste dessen –, was die Menschheit bislang unter diesem Label kannte. Um die neue Religion zu stiften, müssen wir Re-ligio neu denken lernen.

„Gott ist tot“

Dafür fragen wir zunächst, wem sie denn gelten soll. Diese Frage nötigt uns zum Denken. Religionen waren bislang an einen Gott oder an viele Götter adressiert. Aber Friedrich Nietzsche diagnostizierte schon mehr als hundert hundert Jahren: „Gott ist tot“. Und er ergänzte: „Und wir haben ihn getötet.“ Damit hatte Nietzsche Recht. Denn der Gott, der über Tausende von Jahren im Islam, im Judentum und Christentum als der große Schöpfergott allmächtig herrschte – dieser Gott hat seine Wirklichkeit verloren, wirkt nicht mehr auf Menschen, richtet sie nicht länger auf und aus. Und selbst da, wo sich die Menschen noch zu ihm bekennen, etwa in den breiten Massen der Muslime, geht von diesem Gott schon lange nicht mehr eine Energie aus, die Kulturen oder Menschentümer aufzubauen vermöchte – so wie es die großen Religionen dieser Erde vormals alle einmal taten.

Gott ist tot – und keine der bekannten Religionen wird ihn von den Toten auferwecken. Gleichwohl aber braucht die Menschheit einen neuen Gott. Diese Einsicht stammt von Martin Heidegger. Ausgerechnet ihm, der 1932 mit den Nazis paktierte und sich wahrlich nicht als Ausbund menschlicher Integrität erwiesen hat. Doch sollte uns das nicht daran hindern, seine geistige Arbeit zu würdigen; zumal er zu unserem Thema wirklich viel zu sagen hat. In einem legendären Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ aus dem Jahr 1966 sagte Heidegger vor dem Hintergrund der nuklearen Aufrüstung des Kalten Krieges und der damals auf den Plan tretenden neuartigen Wissenschaft der Kybernetik: „Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Angegangen vom Sein der Welt

„Gott ist tot“ und „Nur noch ein Gott kann uns retten“ – wie will man diese beiden Sätze unter einen Hut bekommen? Diese Frage ist der erste Schritt zur Rettung – zur Neuverwurzelung des Menschen im Universum. Denn diese Frage nötigt uns zum Denken: Gott zu denken, neu zu denken. Denn solange wir davor zurückschrecken, das Konzept „Gott“ grundlegend neu zu interpretieren, wird keine neue Religion möglich sein.

Wer oder was also ist Gott? Diese Frage führt uns nicht allein ins Denken. Sie führt uns an den Ursprung aller Religion. Denn am Anfang einer jeden Religion steht die Begegnung: ein Widerfahrnis, das den Menschen das Wort „Gott“ abnötigt. So wissen wir, dass das alte griechische Wort für Gott – theós – ursprünglich nicht eine Person benannte, sondern Ausdruck einer Erfahrungsqualität war: die Antwort des Menschen auf ein überwältigendes Angegangensein vom Sein der Welt. Immer wenn ein Mensch spürte, vom Sein dieser Welt persönlich gemeint zu sein – wenn ihm etwas begegnete, das ihn anging, in Anspruch nahm und eine Antwort heischte, dann sagte er: théos, Gott. Das konnte das silberne Mondlicht auf taubeglänzten Wiesen sein – dann gab er der Erfahrung des theós den Namen Artemis –, oder es war eine rettende Eingebung, dann nannte er den theós dieses Augenblicks beim Namen der Athene.

So oder so: Wenn immer uns etwas begegnet, von dem wir wissen, dass es uns betrifft – wenn immer wir uns vom Sein dieser Welt bedingungslos in Anspruch genommen wissen –, dann verdichtet sich das uns Ansprechende und uns Angehende zu dem Du, das wir als einen Gott verehren. Gott, so brachte es im 20. Jahrhundert der Theologe Paul Tillich auf die Formel, ist „das, was uns unbedingt angeht“ – und Religion ist das „Ergriffensein“, das Angegangenseins, bzw. unsere Antwort auf den Anspruch, der in jedem Augenblick vom heiligen Sein dieser Welt an uns ergeht.

Sinn und Geschmack für das Unendliche

Religion ist mithin kein kognitiver Akt. Sie ist nicht gekoppelt an Bekenntnisse und Dogmen. Sie hat nichts zu tun mit Unterwerfung oder Gehorsam gegen ein moralisches Gebot. Nein, ihr Wesen liegt darin, sich vom Sein dieser Welt in Anspruch nehmen zu lassen und mit dem eigenen Sein auf diesen Anspruch Antwort zu sein. Dafür braucht es nichts weiter als die Bereitschaft und Offenheit, sich vom heiligen Sein dieser Welt berühren und ansprechen zu lassen. Umgekehrt aber heißt das: Wer immer mit verschränkten Armen von der Welt steht und so tut, als ginge sie ihn gar nichts an, ist nicht nur nicht religiös, sondern begibt sich durch diesen Gestus jeder Chance auf Lebendigkeit. Denn ihm schwinden nach und nach der Sinn und der Geschmack für das, worin das Menschenleben gründet. Religion, die ihren Namen verdient, ist nach einem schönen Wort von Friedrich Schleiermacher nichts anderes als „Sinn und Geschmack für das Unendliche.“

„Das Unendliche“ ist dabei eine Chiffre oder auch ein Platzhalter für dasjenige, was einstmals „Gott“ zu heißen pflegte. Es ist das, was niemals aufhört, uns als Menschen anzugehen: dasjenige, was alle Möglichkeiten in sich trägt und alle Wirklichkeit hervorgebracht hat; dasjenige, was wir fühlen, wenn wir uns unserer Endlichkeit bewusst werden und dabei doch im Hintergrund ahnen, dass unser Leben sinnvoll ist und dass sein Sinn die Zeiten überdauern wird.

Aber was ist das Unendliche, das unermüdlich uns in Anspruch nimmt und zu uns spricht. Wohin müssen wir uns wenden, wenn wir neuerlich im Universum wurzeln wollen?

Heilige Lebendigkeit

Eine plausible Antwort gibt ein Denker, bei dem man sie zumeist wohl nicht vermuten würde, der aber ähnlich wie wir uns heute anschicken, einst den kühnen Versuch unternahm, Gott und Religion neu zu denken. Die Rede ist von keinem anderen als Platon, der an der Schwelle von der mythischen Zeit zur damals neuen Ära der wissenschaftlichen Rationalität das alte Menschheitswissen des Mythos in eine neue Sprache überführte. Ganz am Ende seines langen Lebens sprach er aus, was sich aus seinem Denken als der eigentliche, wahre theós dieser Welt erwiesen hatte: „Die Lebendigkeit, die Seele (psyché), liebe Freunde, muss doch wohl ein jeder Mensch für die Gottheit halten“, fragte er. Und die letzten seiner Werke, Timaios, Philebos und die zwölf Bücher der Nomoi lieferten seine Begründung dafür.

Der Gedanke ist zwar alt, doch ist er frisch und jugendlich wie am ersten Tag: Die Gottheit, die uns alleine retten kann – die Gottheit, die nicht mit dem Tode Gottes aus der Welt geschwunden ist –, diese Gottheit ist nichts anderes als allumfassende und alles wirkende Lebendigkeit. Das Sein der Welt ist überall durchwirkt von ihr. Und Lebendigkeit verleiht dem Sein der Welt der Glanz der Heiligkeit. Platon nannte diese heilige Lebendigkeit des Kosmos gerne auch die Weltenseele. Sich an sie zurückzubinden, sich als Menschheit an sie anzudocken oder in sie einzuwurzeln, ist der sicherste und beste Weg, den Seelentod der Menschheit aufzuhalten. Wenn es stimmt, dass wir, was unsere Lebendigkeit betrifft, im Sterben liegen – dann besteht die Hauptaufgabe für die Menschheit nur noch darin, einen neuen Sinn und Geschmack für die Weltenseele auszuprägen: eine Religion der Lebendigkeit zu stiften.

Hingabe ans Leben

Was für eine Religion würde das sein? Sie wäre eine Religion der glühenden und grenzenlosen Hingabe ans Leben – eine Religion der Liebesleidenschaft fürs Sein der Welt. Eine solche Religion braucht keine Dogmen, keine Regeln und auch keine Kirchen. Eine solche Religion braucht nur ein neues Narrativ, das in einer unverbrauchten Sprache von der Heiligkeit und Schönheit dieser Welt mit allem, was in ihr lebendig ist, zu künden weiß. So gesehen braucht sie einen neuen Mythos, aber nicht im Sinne überholter Göttersagen. Eine neue Sprache für die alten Götter ist vonnöten – eine Sprache, die sich die Lebendigkeit ganz von alleine sucht, um im Menschenwort die Menschen zu begeistern, denn – um es in den Worten Friedrich Hölderlins zu sagen:

denn es ist die Zeit,
Daß aus der Menschen Munde sie, die
Schönere Seele sich neu verkündet, […]

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt
Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist
Im Menschenwort, am schönen Tage
Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.

Wo und wie jedoch soll diese neue Sprache sich bekunden? Woher nehmen wir die Sprache, eine neue Religion zu stiften und das Sein des Menschen neu im Sein der Welt zu gründen? Diese Frage lässt sich heute sicherlich noch nicht beantworten. Eine Spur jedoch lässt sich erkennen, wenn man auch an diesem Punkt das Denken wagt und erwägt, was Sprache wirklich ist. Sprache nämlich ist nicht das, wofür sie meistenteils gehalten wird. Sprache dient vornehmlich nicht dem Austausch von Informationen. Sprache dient vielmehr dem Ausdruck, der Bekundung oder Mitteilung des Lebens.

Die Sprache der Poesie

Sprache ist in ihrem Wesen Poesie, die als Antwort auf den An- und Zuspruch der Lebendigkeit geboren wird. Poesie, d.h. die wesentliche Sprache, wächst in der Begegnung mit der Welt. Sie entsteht, wo sich ein Mensch dem Anspruch, der vom Sein der Welt an ihn ergebt, mit offenem Geist und Herzen hingibt, und der dann mit seinen eigenen Worten darauf Antwort gibt. „Alles ist dem Dichter redend“, sagt Friedrich Schlegel einmal. Und der zeitgenössische Poet David Whyte schreibt in seinem Gedicht Everything is waiting for you:

Put down the weight of your aloneness and ease into
the conversation. The kettle is singing
even as it pours you a drink, the cooking pots
have left their arrogant aloofness and
seen the good in you at last.

Religion ist eine Frucht solcher Begegnung: der Konversation von Mensch und Welt, die durchglüht ist von der Liebe zur Lebendigkeit, die alles Sein durchwaltet. Das Gespräch, die Konversation, ist der Tempel der Lebendigkeit. Oder, in den Worten des großen Denkers Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.

Die neue Religion, die wir heute dringend brauchen, wird eine Religion des Gesprächs sein: eine Religion, die sich darin erfüllt, sich liebend dem Anspruch des Lebens an uns hinzugeben und die ihre Verantwortung darin erkennt, unter Einsatz der eigenen Person dem Anspruch des Lebens liebend Antwort zu sein. Dafür braucht es nicht viel. Gar nicht viel. Die neue Religion ist so einfach, wie das Leben selbst. Sie ist nicht asketisch und nicht dogmatisch, nicht moralisch und nicht spirituell. Sie ist einfach nur menschlich, sucht die Begegnung mit dem heiligen Sein inmitten dieser Welt und ist dabei stets bereit, sich von ihm angehen zu lassen.

Festen Herzens und beherzt

Wer von ihr durchdrungen und erfüllt ist, wird nicht damit nicht allein seine Lebendigkeit am Leben halten – nein, er wird auch nicht eher ruhen, als das große, wilde Leben dieser Welt von unseren Herrschaftsgelüsten befreit ist. Er wird nicht der Verführungen einer technischen Moderne mit ihren Heilsversprechungen der Ökonomie, der Künstlichen Intelligenz, des Human Enhancement oder des Transhumanismus erliegen. Vielmehr wird er wissen, was dem Leben wirklich Sinn und Würde schenkt. Die Lebendigkeit, die der Mensch nicht selbst erschaffen hat – und die er niemals selbst erschaffen wird, wohl aber drauf und dran ist zu vernichten. Und so wird der von der Religion der Lebendigkeit Ergriffene seine Wurzeln zuletzt so tief ins Universum gegraben haben, dass er festen Herzens und beherzt auch sein Sterben als den letzten großen Akt des Lebens feiern kann; etwa, indem er auf dem Sterbebett mit Hölderlins Diotima das Credo spricht, das in hinreißend schlichter Schönheit die neue Religion der Lebendigkeit vorweggenommen hat: „Zu sein, zu leben, das ist genug. Das ist die Ehre der Götter.“


Frohes Fest!

Veröffentlicht am 25. Dezember 2018

Ein frohes Fest der Liebe allerseits oder Merry Christmas

»Und so behaupte ich, ein jeder Mensch müsse die Liebe ehren, und selber ehre ich all das, was mit der Liebe zusammenhängt, und übe mich darin vor allem anderen so gut ich kann.“
(Platon Symposion 212b)

»Therefore I hold that every human is obliged to honour love, and I do honour everything having to do with love and practice it as much as I can do.“ (Plato)