Dr. phil. Christoph Quarch

PLATON und die Folgen

Veröffentlicht am 23. September 2018

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PLATON?
Warum sollte sich ein moderner Mensch noch mit diesem alten Gedankengut befassen?
Vielleicht darum, weil seine Tugendethik einen Ausweg aus dem postmodernen Werterelativismus weist oder….

Weil Platons politische Philosophie den Blick für ein postökonomisches globales Ethos öffnet oder…

Platons Deutung der Natur eine avancierte Ökologie begründet oder…
Platons Ontologie eine Lebendigkeit als Maß alles Wahren, Guten und Schönen feiert oder…

Weil wer in die Zukunft denken will, gut beraten ist, sich die ältesten Denkwurzeln zur Hilfe zu nehmen.

So denn, lesen Sie Platon, lernen Sie neu Denken!
Sie werden erstaunt sein, welch› uralte und stetig moderne Gedanken in Platons Werk zu finden sind. #Philosophie #Platon


DER PERVERTIERTE WILLEN ZUR MACHT

Veröffentlicht am 06. September 2018

Wer die neue Rechte bekämpfen will, muss ihre innere Logik verstehen

Von Christoph Quarch

„Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“
(Friedrich Nietzsche)

Was ist los in Deutschland? Woher dieses Auflodern rechter Gesinnung? Woher diese Gewalt, woher der blanke Hass auf Dresdens oder Chemnitz Straßen?

Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Und ebenso wenig gibt es einfache Rezepte, die verrieten, wie man dem begegnen muss, was dort inmitten unserer Gesellschaft wütet. Kein Aktionismus hilft hier weiter, keine moralischen Appelle und Urteile von Gut und Böse, keine Gegendemos und kein Hashtag „Wir sind mehr“. Das ist ja alles gut und schön, doch bringt es uns nicht weiter. Was uns weiterbrächte, wäre der Mut, den Tatsachen nüchtern ins Auge zu sehen und frei von Vorurteilen und ungeachtet mächtiger Tabus den Blick in die Tiefe zu wagen bzw. den Weg in die Tiefe zu erfragen – in eine Tiefe, von der aus erkennbar wird, wovon die neue, alte Rechte ein Symptom ist; wessen Ungeistes Kind hier spukt.

Will man in die Tiefe denken, ist man gut beraten, sich einen kundigen Führer zu suchen – einen, der sich auskennt in den Abgründen des Lebens und der gerade, wo es um die kollektive Psyche eines Volkes geht, schonungslose Fragen aufzuwerfen weiß. Nietzsche ist ein solcher Guide ins Unbedachte; und an ihn, den Vielgeschmähten, kann sich heute halten, wer den Spuk der neuen Rechte bannen will. Denn was sie alle treibt – den Hut-Bürger vom LKA, die Volksverhetzerin von Storch, den rechte Mob auf Chemnitz Straßen – was sie alle treibt, ist, wenn man Nietzsche folgt, nichts anderes als das, was er den „Willen zur Macht“ nannte: „Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem Leben selber in’s Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens! Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.“

Gewiss müssen wir prüfen, ob der Denker, der solches festzustellen wagte, wirklich „dem Leben selber in’s Herz kroch“. Doch es wird nicht vergebens sein, probeweise anzunehmen, es verhalte sich tatsächlich so. Denn dann spielt uns Nietzsche einen Schlüssel zu, mit dem wir uns das Auflodern der Rechten ein Stück weit erschließen können – und ineins damit die Aussicht auf den Weg erkennen, wie dem Spuk begegnet werden kann.

Nietzsche nämlich weist das Denken gradlinig hin auf die Kategorien, mit denen wir ihm beikommen können: Macht, Dienst, Herrschaft, Willen. Und mehr noch. Zwei weitere Begriffe kommen mit ins Spiel: Gehorsam und Befehl. Am Anfang des Stückes „Von der Selbst-Ueberwindung“ aus dem zweiten Buch von „Also sprach Zarathustra“, dem schon das obige Zitat entnommen war, lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen: „Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes. Und das ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen kann. So ist des Lebendigen Art.“

Halten wir inne. Denn hier sind wir im Herz der philosophischen Psychologie Nietzsches, die wir brauchen, um die neue Rechte zu verstehen. Es geht bei all dem Spuk, der dort im Osten Deutschlands über uns gekommen ist, um Macht, Gehorsam, Dienst und Herrschaft. Tatsächlich haben wir es in unserem Land mit einer großen Zahl von Menschen zu tun, die nicht mehr in diesen Kategorien zu denken vermag, wohl aber unbewusst nach deren Maßgabe zu leben trachtet. Diese Diskrepanz ist der Nährboden der kollektiven Psychopathologie, die jüngst in Chemnitz ihre giftigen Blüten trieb. Warum?

Wenn Nietzsche Recht hat, dann steckt im Menschen der Drang nach Macht, nach Herrschaft, nach Dienst und Gehorsam. Wobei seine Pointe ist, dass dieser Drang eine vorderhand nicht leicht verständliche Dialektik aufweist: Am Anfang nämlich steht der unbewusste Wille zum Gehorsam. Der Mensch, so Nietzsches kühne These, ist das Wesen, das gehorchen will. Und zwar sich selbst und seinem Willen, der ihm sagt, was seinem Leben gut und wertvoll ist. Wer freilich keinen eigenen Willen hat oder in wessen Herz der eigene Willen erlahmt ist, der ist nicht in der Lage, Herr über sich selbst zu sein und sehnt sich umso dringender danach, sich anderen zu unterwerfen, die ihm sagen und befehlen, was er tun und lassen soll.

Wer nichts hat, was seinem Leben Sinn und Richtung gibt; wer aus sich heraus nichts kennt, was seinem Leben Wert verleiht und was ihm unbedingt etwas zu sagen hat – der ist in Nietzsches Deutung Nihilist. Nihilismus ist für ihn die Signatur der Welt, in der wir heute leben: eine Welt, die er in seinem „Zarathustra“ auf die Formel brachte: „Wer will noch regieren? Wer gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.“ Es ist die Welt, die rechten Demagogen den perfekten Nährboden bereitet: weil in ihr der untergründig immer noch lebendige Wille zur Macht frei umherspukt und von ihnen jederzeit ergriffen und nutzbar gemacht werden kann.

Wie kommt es dazu? Es kommt dazu, wenn man den vielen Menschen, die sich selber nicht gehorchen können, keine Angebote unterbreitet, wie sie dienstbar und gehorsam sein können. Anders gesagt. Es kommt dazu, wenn es in einer Gesellschaft niemanden mehr gibt, der den Anspruch erhebt, andere in den Dienst oder in die Pflicht zu nehmen– anderen zu befehlen. Es kommt dazu, wenn es den „Herrschenden“ zu beschwerlich geworden ist zu regieren. Eben diese Situation ist eingetreten. Eben deshalb täuscht sich Frau von Storch auf markante Weise, wenn sie den „Wir sind mehr“-Aktivisten vorhält, sie seien „Merkels Untertanen“. In Wahrheit bekundet sie damit die tiefste Sehnsucht ihres und ihrer Gefolgsleute Herzens: Wir wollen endlich wieder Untertanen sein: so wie damals unter Hitler, so wie damals in der DDR.

Und damit stehen wir nun kurz davor, die Perversion der neuen Rechte zu verstehen. Nicht weil sie moralisch fragwürdig oder keine Demokraten wären, sind die AfD-Wähler, Pegida-Demonstranten und Hut-Bürger pervers, sondern weil sich ihr Wille zur Dienstbarkeit und zum Gehorsam verdreht hat in den Willen zu blanker, sinn- und zielloser Herrschaft und Gewalt; und zwar ohne dass diese Menschen imstande wären oder je gelernt hätten, sich selbst zu beherrschen. Also machen sie Hetze gegen und Jagd auf jene, denen sie sich überlegen wähnen: die Flüchtlinge und Ausländer im Lande. Es ist so einfach: Wer verlernt hat zu gehorchen und sich selber nicht beherrschen kann, spielt sich gierig auf als Herrscher über Schwächere – ohne jedoch dabei irgendeinem Wert, irgendeinem Sinn, irgendeinem Ziel zu folgen außer dem, das eigene, kleine, hungrige und machtlüsterne Ego zu nähren.

Das eben ist die Perversion der neuen Rechten: dass diejenigen, die eigentlich gehorchen wollen und in Wahrheit auch nichts anderes können, sich aus Mangel an Gelegenheit dazu als Herrscher und Befehlende gerieren. Deshalb ist ihr Wüten ein Spuk: ein Geistertanz der Perversion und Unwahrheit.

Dazu hätte es nicht kommen müssen. Dazu kam es aber, weil diejenigen versagten, die – pro forma jedenfalls – die Herrschenden im Lande sind, die aber lange schon nicht mehr die Herrschaft auszuüben wagen: die sich scheuen zu befehlen und Gehorsam einzufordern; die sich scheuen, andere in Dienst zu nehmen; denen das Regieren zu unbequem geworden ist und die lieber (scheinbar) alternativlose Szenarien heraufbeschwören als in die Verantwortung für das Gemeinwesen zu gehen. Auch denen hat Nietzsche ein Wort zu sagen: „Diess aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist, als Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller Gehorchenden trägt; und dass leicht ihn diese Last zerdrückt: – Ein Versuch und Wagnis erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.“

Hier sind wir nun in jenen Winkel der von Nietzsche meisterlich enthüllten Dialektik der menschlichen Seele gelandet, den wir ausleuchten müssen, wenn wir verstehen wollen, wovon der Spuk der neuen Rechten lebt: Er lebt von einem Machtvakuum, das in unserer Gesellschaft seit dem Fall der Mauer entstanden ist. Die politische Klasse der Regierenden erweckt mit jeder neuen Legislatur von Angela Merkel mehr und mehr den Eindruck, die Regierungsarbeit eingestellt zu haben: kein Risiko, kein Versuch, kein Wagnis – statt dessen Verwaltung, Krisenmanagement und Delegation der Macht an anonyme Kräfte wie den „Markt“, „die Wirtschaft“, „Brüssel“. Angela Merkel hat ein Machtvakuum entstehen lassen, in das die neue Rechte drängt. Auch das gehört zur Perversion von AfD und von Pegida: dass sie in Angela Merkel genau die Kraft bekämpfen, derer sich ihre eigene Existenz verdankt.

Man könnte auch von einer Tragödie sprechen, deren Plot erschütternder Weise nicht neu ist: Wenn die eigentlich Regieren-Sollenden von ihrer Macht zum Befehlen keinen Gebrauch machen, dann werden die eigentlich Gehorchen-Wollenden, eben diese herrenlose Macht ergreifen und unweigerlich missbrauchen; einfach deshalb, weil sie sich nicht selbst gehorchen können. Dass eben das bei der neuen Rechten der Fall ist, zeigt aufs Anschaulichste jener Dresdener Hut-Bürger, der so wenig Mut und Wagnis, so wenig Verantwortungsbewusstsein und Kompetenz auf sich vereint, dass er nicht einmal die Courage hat, sich als Person zu zeigen und für sein Verhalten einzustehen: das totale Gespenst, eine Figur aus Alpträumen.

Was ist zu tun? Das gesellschaftliche Machtvakuum muss beseitigt werden. Das aber ist vertrackter Weise eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft; und sie wird sich nur lösen lassen, wenn wir alle den Mut aufbringen, mit einem ganzen Kanon liebgewonnener Konzepte zu brechen und eine Reihe von Tabus anzugehen. Es beginnt in den Kindergärten und Schulen, deren pädagogische Ideologie der „Herrschaftsfreiheit“ einer dringenden Revision bedarf. Die seit Jahren betriebene totale Eliminierung von Befehl und Gehorsam aus der Erziehung unterhöhlt die demokratische Kultur, anstatt sie zu befördern. Denn eine Demokratie braucht disziplinierte Bürgerinnen und Bürger, die sich selbst beherrschen und gehorchen können – was sie aber nicht lernen werden, wenn Macht und Herrschaft als „pfui bäh“ tabuisiert und dem unreflektierten Gelüsten der Rechten überlassen werden.

Weiter geht es nach der Schule. Die unserer Demokratie am wenigsten zuträgliche gesetzgeberische Maßnahme der jüngeren Vergangenheit war die Abschaffung des Zivil- und Wehrdienstes. Man muss nicht Nietzsche bemühen, sondern nur ein wenig eigene Menschenkenntnis oder Erinnerung an die Zeit der allgemeinen Wehr- und Zivildienstpflicht in Deutschland, um zu begreifen, wie gut es jungen Männer tat bzw. tut (und das gleiche gilt für junge Frauen), sich eine Zeitspanne ihres Lebens in den Dienst des Gemeinwesens stellen zu dürfen. Denn es ist tatsächlich für die Entwicklung eines jungen Menschen wichtig, etwas Größerem zu dienen: der Gemeinschaft, der er angehört. Anderenfalls nämlich wird sich sein Ego aufblähen und aus Mangel an Selbstbeherrschung nur noch autistisch seinem eigenen Vorteil huldigen und mit Nietzsches Nihilisten der Parole folgen: „Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht; aber man ehrt die Gesundheit.“

So gesehen ist es wirklich der erste für die soziale Hygiene unseres Landes wirklich zielführende Vorschlag seit langem, wenn Frau Kramp-Karrenbauer unlängst für die Einrichtung eines Bürgerpflichtdienstes plädierte. Auch wenn sie selbst eher ökonomische Motive dafür ins Feld führte und offenbar nicht ahnt, dass sie mit ihrer Anregung ein probates Mittel gegen den Spuk von Rechts ins Feld führte, wäre die Bundesregierung gut beraten, diesen Vorstoß aufzunehmen – wenn man denn nur den Mut aufbrächte, einmal wieder zu regieren, zu befehlen, zu verpflichten, Macht auszuüben.

Womit wir neben der Erziehung zur Disziplin des Sich-selbst-Befehlens und Gehorchens und dem verpflichtenden Bürgerdienst zum Wohle des Gemeinwesens eine dritte Maßnahme erkennen können, die wir brauchen, um den Spuk des rechten Schreckgespenstes zu bannen: den Rückzug von Angela Merkel, um einer neuen, mutigen Regierung Platz zu machen, die von der ihr übertragenen Macht Gebrauch macht, anstatt sie zu verwässern und zu delegieren.

Dass dies nicht unmöglich ist, hat Angela Merkels Vorgänger Gerhard Schröder bewiesen. Man mag über ihn denken, was man will: Dass er Hartz IV durchsetzte, zeugt allemal davon, dass er nicht nur einen gesunden Willen zur Macht, sondern auch den dazugehörigen Mut zum Befehlen und zur Verantwortung besaß; und das mit einer Konsequenz, die Nietzsche klar benannte: „Seinem eigenen Gesetze muss“ der Mächtige „Richter und Rächer und Opfer werden“. Vor dieser Verantwortung nicht zurückzuschrecken, zeichnet einen Politiker aus. Sich auf Alternativlosigkeit zu berufen, ist hingegen eine Perversion der Regierenden, die die beschriebene rechte Perversion der Regierten nährt und fördert. Anders gesagt: Der Nihilismus der neuen Rechten ist nur die andere, dunkle Seite des Nihilismus der Berliner Politik.

Wir haben ein Problem mit der Macht. Das können wir von Nietzsche lernen. Dieses Problem vergiftet unsere Gesellschaft. Es ist ein politisches Problem, aber nicht nur das: Es ist ein Problem, das die Gesellschaft im Ganzen betrifft. Allein auf politischem Wege wird es sich nicht lösen lassen, auch wenn es in der Sphäre des Politischen am deutlichsten sichtbar wird. Denn diese Sphäre ist es, die sich die Gesellschaft bewusst geschaffen hat, um das menschlich-allzumenschliche Spiel von Macht und Befehl, Dienst und Gehorsam zu kultivieren, zu regeln und gesund zu organisieren.

Bei Lichte besehen aber waltet diese Dynamik nicht allein im Feld der Politik, sondern in nachgerade allen Bereichen des Lebens. Und das Versagen der heutigen Regierenden in Sachen Mut und Willen zur Macht wiegt umso gravierender, als auch in den anderen Dimensionen unseres Lebens das einstmals funktionierende Wechselspiel von Dienst und Herrschaft nicht mehr greift. Hier freilich rühren wir an eines der gewaltigsten Tabus unserer Gesellschaft. Hier hat man Angst vor der eigenen Courage, wenn man seine schlimmen Gedanken ausspricht. Doch wie schon Nietzsche sagte: „Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“

Wovon müssen wir reden? Vom Geschlechterverhältnis – dem womöglich mächtigsten Treiber der neuen Rechten. Denn eben hier ist das traditionelle kulturelle Machtgefüge am gründlichsten beseitigt worden. Eben hier gähnt das Vakuum der Macht am mächtigsten. Erinnern wir uns: Einst war das Verhältnis von Mann und Frau von Macht durchwirkt: Der Mann galt öffentlich als Herr, die Frau als seine Untergebene. Gleichzeitig aber stand der Mann im Dienst der Frau und untergründig herrschte sie über sein Tun. Kulturell so zubereitet konnte der – wenn Nietzsche Recht hat – schon allein auf Grund der physiologischen Verfassung des Menschen unabdingbar die Menschenseele durchdringende Wille zur Macht gelebt und leidlich unschädlich gemacht werden.

Heute – infolge der großen Emanzipationsbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts – ist das Thema Macht aus Partnerschaften komplett verbannt worden. Das Geschlechterverhältnis gilt als der Ort per se, an dem Macht und Dienst nichts verloren haben – auch wenn der überwältigende Erfolg des Romans „Shades of Grey“ überdeutlich zu erkennen gibt, wie groß die Sehnsucht, ausgerechnet vieler Frauen ausgerechnet nach Unterwerfung und Befehl in der Tiefe ihre Seele ist. Macht zu leugnen ist zwar gut gemeint und auch aus Sicht der Individuen verständlich; doch es ist verhängnisvoll für das Wohlergehen unserer Gesellschaft: denn hier gilt das gleiche, wie in Politik und in  Erziehung: Wird der Wille zur Macht negiert und nicht bewusst gelebt bzw. kultiviert, dann tritt er vergiftet an anderer Stelle machtvoll zutage. In Chemnitz zum Beispiel. Es ist wohl kein Zufall, dass es mehrheitlich Männer sind, die dort ihre Parolen grölen. Nicht weil Männer per se gewalttätig oder blöd wären, sondern weil sie es sind, denen die herrschende Moral den Willen zur Macht am gründlichsten austreiben möchte. Man denke an den Dresdener Hut-Bürger und begreife: Entmannte Männer sind die treibende Kraft der neuen Rechten – dicht gefolgt von entweiblichten Frauen a la von Storch oder Weigel.

Aber vielleicht ist das ja alles gar nicht wahr. Vielleicht sind wir ja auf der falschen Spur, wenn wir probeweise Nietzsches Psychologie des Willens zur Macht zu Rate zogen, um die neue Rechte und den Spuk von Chemnitz zu verstehen. Vielleicht war Nietzsche ja im Irrtum, und im Herz des Lebens wohnt gar nicht der Wille zur Macht, sondern etwas viel Schöneres wie der Wille zur Liebe oder zur Kooperation. Dafür spricht vieles, aber leider ändert das nichts daran, dass der Mensch der Neuzeit lange schon so lebt, dass er in seiner Seele keinen anderen Treiber mehr findet als den Drang zur Macht und Selbstbehauptung.

Auch das hat seine Gründe, die wohl niemand so klar gesehen wie Nietzsche selbst. Er brachte sie auf die prägnante Formel: „Gott ist tot“ – eine Formel, die sich übersetzen lässt, indem man sagt: Dass Gott dem Menschen der Moderne starb, liegt und zeigt sich daran, dass er die Rückbindung an das Heilige Sein dieser Welt verloren hat: die re-ligio, die ihn einstmals in den Dienst nahm – in den Dienst am Leben; die den Menschen einstmals dazu brachte, in Mythos und Kult das Leben zu feiern und seinen Imperativen zu gehorchen. Das war freilich lange bevor die Religionen zu Institutionen wurden und der Wille zur Macht sich ihrer bemächtigte; als sicheres Indiz dafür, dass schon damals in den Kirchen, Tempeln und Moscheen Gott gestorben war.

Am Ende ist es wohl das Fehlen jeder Religiosität – im Sinne dieser Rückbindung an die Lebendigkeit und an das Sein der Welt – was jene Perversion, jenen Gespenstertanz von Chemnitz möglich macht. Und deshalb geht es hier ums Ganze unserer Zivilisation und längst nicht nur um Gut und Böse. Deshalb wird durch moralische Appelle und Gegendemonstrationen allein nichts besser werden. Deshalb hilft allein das tabulose und vorurteilsfreie Denken weiter. Das ist erschütternd, ohne Frage, aber reden wir gleichwohl darüber, „ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“


Wir brauchen mehr Philosophen…..

Veröffentlicht am 04. September 2018

»Die Wissenschaft denkt nicht“, harte Worte eines zu recht umstrittenen Philosophen. Dass wir alle Denken lernen müssen, um eine sinnvolle Zukunft zu schaffen, scheint immer offensichtlicher. So steigen wir von unseren Türmen herab und lehren wir zu denken, menschlich zu denken, damit wir eine sinnvolle Zukunft für uns alle gestalten.

tn2.de Ein Plädoyer für Geisteswissenschaftler…. Zum Artikel geht es hier

 


#WIRSINDMEHR

Veröffentlicht am 02. September 2018

Wie überwindet man ? Indem man Fragen und Denken lernt. Einseitige Weltbilder haben wir genug, lernen wir endlich menschlich zu denken und mitmenschliche Fragen zu stellen.


Die Schule ist besser als ihr Ruf… Genug gejammert!

Veröffentlicht am 28. August 2018

Alles kommt darauf an, die Bildung zum Menschsein wieder in den Fokus zu nehmen

Auch in den letzten Bundesländern geht die Schule bald wieder los. Und man darf gewiss sein, dass mit all den frischen I-Dötzchen und all den neuen Stundenplänen für die Fortgeschritten – von den Lehrplänen der Lehrer ganz zu schweigen – auch die alte Leier wieder los geht: dieses alte Leierkastenlied von unseren ach so schlechten Schulen, lang schon überholten pädagogischen Konzepten und von verfehlter Bildungspolitik.

Leicht und populär wäre es wohl, in diesen Katzenjammer einzustimmen; ebenso aber auch wohlfeil und den Vielen nach dem Mund geredet. Deshalb wollen wir für heute der Versuchung widerstehen, in das Schul-Bashing so mancher Philosophen oder Hirnforscher miteinzustimmen und stattdessen unsere Schulen in ein anderes Licht zu rücken: in ein nüchternes und wohlwollendes Licht. Dabei soll es darum gehen, Missverständnisse zu korrigieren und vier Thesen vorzutragen.

  1. Bildung und Erziehung sind nicht allein Aufgabe der Schulen, sondern der gesamten Gesellschaft.

In öffentlichen Debatten zum Thema Schule lässt sich eine bedenkliche Tendenz beobachten: der Trend zum Delegieren an die Profis. Es geht im Kindergarten los und setzt sich in der Schule fort: Bildung und Erziehung werden mehr und mehr zum Gegenstand pädagogischer Profession, die sich betont wissenschaftlich gibt und Wert darauf legt, Erkenntnisse der Psychologen, Physiologen, Hirnforscher, Verhaltensforscher, Soziologen, Therapeuten und von wem nicht sonst noch alles in Konzepte, Lehrpläne und Bildungsprogramme zu implementieren. Auch die Eltern unterwerfen sich nicht selten dem Diktat der Programmatiker und messen ihre eigenen Erziehungsanstrengungen daran, ob sie mit den Standards der Professionellen Schritt halten können. Was soll daran auszusetzen sein?

Das Problem besteht darin, dass die Erziehung junger Menschen weder nur den Eltern, noch allein den Profis, noch allein den Profis in Zusammenarbeit mit den Eltern überlassen werden sollte. Bildung und Erziehung sind die Aufgabe von allen, die sich der Gesellschaft zugehörig fühlen; auch der Ausbilder und Arbeitgeber, auch der Medien und Politiker und vor allem auch derjenigen, die auf unsere jungen Leute über digitale Medien Einfluss nehmen – und sich dabei überhaupt nicht ihrer Verantwortung bewusst sind, die sich daraus ergibt, dass sie ganze Generationen mit ihren Angeboten prägen, wenn nicht verderben. Aber statt das Augenmerk darauf zu lenken, welchen Einfluss virtuelle Medien auf die Jugendlichen und die Kinder nehmen, ignoriert man das Problem geflissentlich, um nur ja nicht in den Ruf zu kommen, irgendetwas gegen jene neue Pseudoreligion einwenden zu wollen, die unter dem Namen „Digitalisierung“ über uns hereingebrochen ist.

Die traurige Wahrheit ist: Erziehung und Bildung heißt heute vor allem, unsere jungen Menschen vor dem Internet beschützen. Dafür braucht es aber etwas anderes als nur pädagogische Konzepte zur Medienkompetenz. Die braucht es auch, aber noch mehr braucht es einen illusionslosen Blick auf die Realität und eine ideologie- und beschwichtigungsfreie, mutige und nicht pseudoreligiös geführte Kampagne für den digitalen Jugendschutz, die sehr viel weitergehen muss als alles was bisher unter dieser Überschrift firmierte: Verbote (siehe Frankreich), Disziplinarmaßnahmen, Suchtprophylaxe – um nur ein paar Stichworte zu nennen. Das aber kann und darf man nicht an die Schulen delegieren, man darf die Lehrer mit dieser Herkulesaufgabe nicht alleine lassen.

  1. An unseren Schulen wird – vielleicht nicht immer, aber doch immer wieder – gute Arbeit geleistet.

Was den Bildungsstand und die Ausbildungsbereitschaft unserer Jugendlichen angeht, sollte man also nicht primär die Schulen zur Rechenschaft ziehen, sondern zunächst sich selbst. „Was hast du dafür getan, die jungen Leute aus der Digitalisierungsfalle rauszuholen?“ Diese Frage muss sich jeder selber stellten. Dann erst darf er sich den Schulen und den Lehrern zuwenden. Was wird dabei in die Augen stechen?

Nicht, dass unsere Schulen Bullshit sind; sondern dass sich dort seit der eigenen Schulzeit überraschend wenig geändert hat: Immer noch gibt es die Lehrer, die nichts taugen und die keinerlei Begeisterung für ihre Arbeit kennen; immer noch gibt es die Lehrer, die den Kindern wohlgesonnen sind und einen guten Job verrichten. Ja, es gibt sogar noch jene Virtuosen, die das Potenzial der jungen Menschen sehen, fördern und zutage treten lassen. All das gibt es. Jeden Tag kann ich es an dem staatlichen Gymnasium beobachten, zu dem unsere beiden Kinder, sechzehn und dreizehn, gehen.

Am Ende hängt die Qualität des Unterrichts in keiner Weise von den Theorien und Konzepten der Profi-Pädagogen ab – sondern ausschließlich von der Art und Weise, wie ein Lehrer oder eine Lehrerin mit den ihnen Anvertrauten umzugehen wissen. Selbst der langweiligste Stoff aus einem Fach, zu dem man sich nicht wirklich hingezogen fühlt (Latein zum Beispiel), kann den jungen Geist beflügeln und ihm neue Welten öffnen. Dieser Umstand ist so banal, wie er meistens ignoriert wird. Es sind nicht die überkommenen Methoden oder veralteten Lehrpläne, es ist nicht das analoge Equipment oder das sanierungsbedürftige Gebäude, was darüber entscheidet, ob sich Bildung zuträgt oder nicht – es ist die Begeisterungsfähigkeit der Lehrenden, deren Leidenschaft und Liebe, deren Eigenart und Persönlichkeit. Immer nur auf miesen Lehrern rumzuhacken macht nichts besser. Besser werden Schulen in dem Maße, indem man den Lehrenden vertraut, sie unterstützt und sich nach Kräften darum bemüht, dass die Kinder nicht schon digital verseucht sind, bevor der Unterricht beginnt.

  1. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie die Kinder lernen, sondern was die Kinder lernen.

Besonders en vogue ist es, das Wie der Schulbildung unter Beschuss zu nehmen: vom bulemischen Lernen ist da die Rede (Einpauken und Auskotzen), von unzeitgemäßem Frontalunterricht und mangelnder Beteiligung der Kinder an der Auswahl der Unterrichtsfächer. Dem gegenüber werden Spontaneität und Kreativität zu höchsten Werten deklariert, während Disziplin und Führung in die Nähe von Kindesmissbrauch gerückt werden. Alles muss anders werden, beten die Intellektuellen in den Talkshows und ergehen sich in Lobgesängen auf irgendwelche experimentellen Musterschulen, auf die sie selbst nicht ihre Kinder schicken und auch niemals schicken würden, wenn sie denn solche (im schulpflichtigen) Alter hätten.

Es ist verführerisch zu sein, sich auf Methoden oder Techniken der Bildungsarbeit zu fokussieren, denn es entlastet davon, sich mit dem weit schwierigeren Thema der Inhalte zu befassen. Eine neue pädagogische Sau durchs Dorf zu treiben, ist leichter. Und pädagogische Menschenversuche am lebenden Objekt haben in Deutschland, wie wir alle wissen, nicht nur eine lange Tradition, sondern sie stehen auch deshalb hoch im Kurs, weil die Verursacher in den Schulämtern und Ministerien für die verheerenden Folgen niemals belangt werden. „Nein, die Konzepte waren richtig, nur die Schüler, Lehrer oder Eltern nicht“ – so scheint die Devise dort zu lauten.

Die Wahrheit ist: Lernpsychologie, Neurophysiologie und all das ist „nice to have“ – aber wenn man sich vor lauter Methodenbegeisterung und optimierter Lerntechnologie so gar nicht mehr fragt, wozu man Menschen eigentlich bilden oder gar erziehen möchte, wird nichts besser werden. Die Crux fast aller öffentlichen Schuldebatten ist ganz einfach: Es fehlt an einer gesellschaftlichen Vision oder Idee, worum es bei Erziehung oder Bildung eigentlich geht. Oder anders gesagt: Es fehlt am Geist. Und weil es am Geist fehlt – nicht weil wir keine guten Methoden oder kein gutes Personal hätten – spucken unsere Schulen, Hochschulen oder anderen Einrichtungen immer neue Generationen von Entgeisterten aus.

  1. Maßgeblich für den Stoff, der unterrichtet werden soll, dürfen weder Markt noch Mode, sondern kann immer nur der Mensch sein.

Das eigentliche Problem mit Schule, Bildung und Erziehung lässt sich auf eine erschütternd einfache Formel bringen: Wir wissen nicht mehr, was der Sinn der ganzen Übung ist – „Sinn“ verstanden als das richtungsweisende und wertsetzende. „Erziehen“ wollen wir eigentlich gar nicht mehr, denn dafür müsste man ja wissen, was und wohin es die jungen Leute ziehen soll. Und die Bildung ist zur Ausbildung verflacht, die letztlich immer darauf zielt, Menschen so zu formatieren, dass sie möglichst passgenau eine bestimmte Funktion im großen Räderwerk der ökonomischen Maschine ausüben können. Dass es bei Bildung und Erziehung aber um so etwas gehen könnte wie Wegweisung und Vorbereitung, Hinführung und Unterweisung in der Kunst, ein Mensch zu sein, das kommt niemandem mehr in den Sinn; was auch nicht verwundern muss, weil sich niemand mehr Gedanken darüber macht, was Menschsein auszeichnet und was es von entleibter (künstlicher) Intelligenz, technischer Funktionalität und optimiertem Konsumenten-Dasein unterscheidet.

Da folgt man lieber den Imperativen der Ökonomie und trägt Sorge dafür, dass möglichst effizient möglichst wertschöpfende Verbraucher, Nutzer und Produzenten aus den Schulen entlassen werden, deren einzige Aufgabe nur noch darin besteht, die große Maschine am Laufen zu halten. Bildung zum Menschsein, Ausbildung von Persönlichkeit – das kommt nicht mehr vor. Weit haben wir uns im Lande der Dichter und Denker von Wilhelm von Humboldt entfernt, der die Aufgabe der Bildung in der „Verknüpfung unseres Ich mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung“ erkannte.

Was es dafür braucht? Menschheitsrelevantes Wissen und die dialogische Kompetenz, sich von der Welt etwas sagen zu lassen. Das aber heißt: nicht das Lernen bloßer Fakten fordern, sondern das verstehende und fragende Denken fördern; nicht an den Fächern sparen, die dem menschlichen Vermögen der Mitteilung gewidmet sind, wie Musik, Kunst, Sport; auf den inzwischen ohnehin nur noch als liebenswerten Anachronismus akzeptablen Religionsunterricht verzichten (wenigstens ab der 8. Klasse) und stattdessen Philosophie zum festen Unterrichtsfach machen. Und allen Fokus darauf legen, dass die jungen Leute sprachfähig bleiben und sich nicht vom digitalen Blubbern zum Verstummen bringen lassen. Es gibt wahrlich viel zu tun im neuen Schuljahr. Auf geht’s.

(Christoph Quarch, August 2018)


Zentis Jubiläumsfestschrift erhält reddot Design Preis…

Veröffentlicht am 24. August 2018

…und von mir sind die Texte »Krisen als Chance“, Erdbeere, Aprikose und Mandel darin zu finden. Glückwunsch an die Gestalter von lekkerwerken in Wiesbaden.  Das Buch können Sie hier sehen.


Unsterblichkeit – Wollt ihr wirklich ewig leben?

Veröffentlicht am 04. August 2018

Was denke ich zur Unsterblichkeit? Die gestrige #HR2 Der Tag Radiosendung ist lohnend zum Nachhören. Ein Interview mit mir ist zw. der 31.40 und 38.38 Min. zu finden. Zum HR2-Podcast geht es über diesen Link  https://www.hr2.de/gespraech/der-tag/podcast-der-tag/index.html


#Philosophie der Hitze von F. Nietzsche…

Veröffentlicht am 01. August 2018

»Lieber Freund, was für ein Sommer! Ich denke Sie mir im Zimmer sitzen, mehr Omelette als Mensch.“
(F. Nietzsche, Briefe an H.Köselitz 1887). 


Zum Tag der Freundschaft ein Interview mit mir…

Veröffentlicht am 31. Juli 2018

Gestern war der Tag der #Freundschaft. Warum braucht man einen Freund oder eine Freundin? Das Radiointerview mit mir in der mdr Kultur-Sendung finden Sie hier zum Nachhören.


angedacht WERTE – was meinen wir damit?

Veröffentlicht am 26. Juli 2018

Alle reden über Werte und wollen an Werte erinnern und neue bestimmen. Doch was sind Werte? Woher stammt der Begriff, wer hat sie erfunden und wem sind sie in Wahrheit nützlich? Meine Antwort, warum der Ruf nach Werten fragwürdig ist, finden Sie als YouTube-Beitrag  hier