Dr. phil. Christoph Quarch

SWR3 Sendung über FAKE NEWS….

Veröffentlicht am 13. Januar 2019

Die Fake News Sendung mit mir kann auf SWR3.de nachgehört werden…

15. Januar 2019 von 15 bis 17 Uhr… mit mir als Studiogast … Natürlich freue ich mich über viele Hörerfragen.


Wurzeln im heiligen Sein dieser Welt

Veröffentlicht am 31. Dezember 2018

Von der Notwendigkeit einer neuen Religion

„Ich denke eine neue Religion zu stiften.“ (Friedrich Schlegel)

In seinem skandalumwitterten Roman Lady Chatterley’s Lover lässt der britische Romancier D.H. Lawrence seinen Protagonisten Oliver Mellors sagen: „Vitally, the human race is dying. It is like a great uprooted tree, with its roots in the air. We must plant ourselves again in the universe.“ Dieser Satz beschreibt in einem starken Bild den Zustand unserer Welt. Wir leben in der Zeit des Klimawandels. Luft und Meere sind von Menschenhand vergiftet. Falsches Denken hat uns von der lebenden Natur entfremdet. Wie Michael Jackson im berühmten Earthsong-Video wandeln wir auf einer geschundenen Erde. Verbrannte Baumstümpfe wohin das Auge blickt.

Die zerstörten Wälder halten uns den Spiegel vor. Baumstümpfe und freigelegte Wurzeln zeigen uns die Wahrheit unseres Innersten. Wir haben Wälder und Natur gerodet, um die Erde uns zu unterwerfen. Wir haben eine Lichtung in die Wildnis eingebrannt, um mit Wissenschaft und Technik alles zu beherrschen und zu kontrollieren. Wir haben die Lichtung immer weiter ausgedehnt und die Wälder immer weiter an den Rand gedrängt. Heute, in der Zeit der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz, stehen wir im Begriff, die Lichtung total werden zu lassen. Wir wissen alles, können alles, haben alles unseren Interessen untertan gemacht. Alles scheint unseren Bedürfnissen verfügbar. Doch in Wahrheit haben wir das Kostbarste zerstört: die Lebendigkeit der Welt: Vitally the human race is dying – um nochmals D.H. Lawrence zu bemühen.

Lawrence sagt uns aber auch, worin vor diesem finsteren Hintergrund die Aufgabe der Zukunft liegt: „We must plant ourselves again in the universe.“ Was kann das heißen? Es heißt, uns neuerlich rückzubinden an das Universum – rückzubinden an das Sein der Welt und es als heiligen Grund allen Lebens zu erkennen; denn nur, wo wir als Menschheit rückgebunden bleiben an die Wirklichkeit, die ist – wenn wir in der Wahrheit wurzeln und uns fügen in das Sein der Welt, werden wir auf Dauer selbst im Sein verweilen. Wer sich jedoch dauerhaft dagegen sträubt, im Einklang mit dem Sein der Welt zu wesen, läuft Gefahr, sein Wesen zu verfehlen, zu verwesen und dem Nichtsein zu erliegen.

Save our souls

Was aber heißt Rückbindung ans Sein der Welt? Rückbindung ans Sein der Welt bedeutet nichts anderes als Religion – abgeleitet vom Lateinischen Re-ligio = Rückbindung. Was uns D.H. Lawrence sagen will, lässt sich folglich auf die weniger poetische, dafür aber pointierte Formel bringen: Wir – die Menschheit – brauchen eine neue Religion; jedenfalls, wenn wir verhindern wollen, dass uns die Lebendigkeit zuletzt noch ganz verlorengeht. Noch liegt sie im Sterben. Noch ist jener Seelentod nicht eingetreten. Noch ist Zeit, unsere Seelen zu retten. SOS – Save our Souls. Wie? Durch eine neue Religion, ein neues Sich-Verwurzeln im heiligen Sein dieser Welt.

Aber hat die Religion nicht schon seit langem ausgedient? Oder klarer formuliert: Haben nicht die Religionen längst schon ausgedient? Und zwar alle Religionen? Tragen sie nicht alle je auf ihre Weise dazu bei, dass die Menschheit, was ihre Lebendigkeit betrifft, im Sterben liegt. Und wo unterstützen sie die Menschen darin, sich im Universum zu verwurzeln, kulturell und geistig zu wachsen, zu reifen, zu erblühen und Frucht zu tragen? Wirken sie nicht oft das Gegenteil: knechten mit der Fessel von Geboten und moralischen Gesetzen ihre Gläubigen, lähmen mit Bekenntnissen und Dogmen deren Geist oder entführen ihre Seelen in luftige spirituelle Welten, in denen sie zwar Ruhe finden aber weit davon entfernt sind, ihre Lebendigkeitspotenziale zum Erblühen zu bringen?

Mit einem bloßen Relaunch der bekannten großen religiösen Systeme der Menschheit allein wird es nicht getan sein. Was wir brauchen, um uns neuerlich im Universum zu verwurzeln, ist nicht die Wiederbelebung toter Religionen oder Götter. Was wir brauchen, sind nicht spirituelle Techniken oder Methoden. Was wir brauchen, ist ein neues Denken – ist ein neuer Geist, der die verlorene Beziehung zum heiligen Sein der Welt allererst stiftet. Um unsere Lebendigkeit nicht gänzlich sterben zu lassen, braucht es eine Religion, die völlig anders ist als alles – oder wenigsten das meiste dessen –, was die Menschheit bislang unter diesem Label kannte. Um die neue Religion zu stiften, müssen wir Re-ligio neu denken lernen.

„Gott ist tot“

Dafür fragen wir zunächst, wem sie denn gelten soll. Diese Frage nötigt uns zum Denken. Religionen waren bislang an einen Gott oder an viele Götter adressiert. Aber Friedrich Nietzsche diagnostizierte schon mehr als hundert hundert Jahren: „Gott ist tot“. Und er ergänzte: „Und wir haben ihn getötet.“ Damit hatte Nietzsche Recht. Denn der Gott, der über Tausende von Jahren im Islam, im Judentum und Christentum als der große Schöpfergott allmächtig herrschte – dieser Gott hat seine Wirklichkeit verloren, wirkt nicht mehr auf Menschen, richtet sie nicht länger auf und aus. Und selbst da, wo sich die Menschen noch zu ihm bekennen, etwa in den breiten Massen der Muslime, geht von diesem Gott schon lange nicht mehr eine Energie aus, die Kulturen oder Menschentümer aufzubauen vermöchte – so wie es die großen Religionen dieser Erde vormals alle einmal taten.

Gott ist tot – und keine der bekannten Religionen wird ihn von den Toten auferwecken. Gleichwohl aber braucht die Menschheit einen neuen Gott. Diese Einsicht stammt von Martin Heidegger. Ausgerechnet ihm, der 1932 mit den Nazis paktierte und sich wahrlich nicht als Ausbund menschlicher Integrität erwiesen hat. Doch sollte uns das nicht daran hindern, seine geistige Arbeit zu würdigen; zumal er zu unserem Thema wirklich viel zu sagen hat. In einem legendären Interview mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ aus dem Jahr 1966 sagte Heidegger vor dem Hintergrund der nuklearen Aufrüstung des Kalten Krieges und der damals auf den Plan tretenden neuartigen Wissenschaft der Kybernetik: „Die Philosophie wird keine unmittelbare Veränderung des jetzigen Weltzustandes bewirken können. Dies gilt nicht nur von der Philosophie, sondern von allem bloß menschlichen Sinnen und Trachten. Nur noch ein Gott kann uns retten.“

Angegangen vom Sein der Welt

„Gott ist tot“ und „Nur noch ein Gott kann uns retten“ – wie will man diese beiden Sätze unter einen Hut bekommen? Diese Frage ist der erste Schritt zur Rettung – zur Neuverwurzelung des Menschen im Universum. Denn diese Frage nötigt uns zum Denken: Gott zu denken, neu zu denken. Denn solange wir davor zurückschrecken, das Konzept „Gott“ grundlegend neu zu interpretieren, wird keine neue Religion möglich sein.

Wer oder was also ist Gott? Diese Frage führt uns nicht allein ins Denken. Sie führt uns an den Ursprung aller Religion. Denn am Anfang einer jeden Religion steht die Begegnung: ein Widerfahrnis, das den Menschen das Wort „Gott“ abnötigt. So wissen wir, dass das alte griechische Wort für Gott – theós – ursprünglich nicht eine Person benannte, sondern Ausdruck einer Erfahrungsqualität war: die Antwort des Menschen auf ein überwältigendes Angegangensein vom Sein der Welt. Immer wenn ein Mensch spürte, vom Sein dieser Welt persönlich gemeint zu sein – wenn ihm etwas begegnete, das ihn anging, in Anspruch nahm und eine Antwort heischte, dann sagte er: théos, Gott. Das konnte das silberne Mondlicht auf taubeglänzten Wiesen sein – dann gab er der Erfahrung des theós den Namen Artemis –, oder es war eine rettende Eingebung, dann nannte er den theós dieses Augenblicks beim Namen der Athene.

So oder so: Wenn immer uns etwas begegnet, von dem wir wissen, dass es uns betrifft – wenn immer wir uns vom Sein dieser Welt bedingungslos in Anspruch genommen wissen –, dann verdichtet sich das uns Ansprechende und uns Angehende zu dem Du, das wir als einen Gott verehren. Gott, so brachte es im 20. Jahrhundert der Theologe Paul Tillich auf die Formel, ist „das, was uns unbedingt angeht“ – und Religion ist das „Ergriffensein“, das Angegangenseins, bzw. unsere Antwort auf den Anspruch, der in jedem Augenblick vom heiligen Sein dieser Welt an uns ergeht.

Sinn und Geschmack für das Unendliche

Religion ist mithin kein kognitiver Akt. Sie ist nicht gekoppelt an Bekenntnisse und Dogmen. Sie hat nichts zu tun mit Unterwerfung oder Gehorsam gegen ein moralisches Gebot. Nein, ihr Wesen liegt darin, sich vom Sein dieser Welt in Anspruch nehmen zu lassen und mit dem eigenen Sein auf diesen Anspruch Antwort zu sein. Dafür braucht es nichts weiter als die Bereitschaft und Offenheit, sich vom heiligen Sein dieser Welt berühren und ansprechen zu lassen. Umgekehrt aber heißt das: Wer immer mit verschränkten Armen von der Welt steht und so tut, als ginge sie ihn gar nichts an, ist nicht nur nicht religiös, sondern begibt sich durch diesen Gestus jeder Chance auf Lebendigkeit. Denn ihm schwinden nach und nach der Sinn und der Geschmack für das, worin das Menschenleben gründet. Religion, die ihren Namen verdient, ist nach einem schönen Wort von Friedrich Schleiermacher nichts anderes als „Sinn und Geschmack für das Unendliche.“

„Das Unendliche“ ist dabei eine Chiffre oder auch ein Platzhalter für dasjenige, was einstmals „Gott“ zu heißen pflegte. Es ist das, was niemals aufhört, uns als Menschen anzugehen: dasjenige, was alle Möglichkeiten in sich trägt und alle Wirklichkeit hervorgebracht hat; dasjenige, was wir fühlen, wenn wir uns unserer Endlichkeit bewusst werden und dabei doch im Hintergrund ahnen, dass unser Leben sinnvoll ist und dass sein Sinn die Zeiten überdauern wird.

Aber was ist das Unendliche, das unermüdlich uns in Anspruch nimmt und zu uns spricht. Wohin müssen wir uns wenden, wenn wir neuerlich im Universum wurzeln wollen?

Heilige Lebendigkeit

Eine plausible Antwort gibt ein Denker, bei dem man sie zumeist wohl nicht vermuten würde, der aber ähnlich wie wir uns heute anschicken, einst den kühnen Versuch unternahm, Gott und Religion neu zu denken. Die Rede ist von keinem anderen als Platon, der an der Schwelle von der mythischen Zeit zur damals neuen Ära der wissenschaftlichen Rationalität das alte Menschheitswissen des Mythos in eine neue Sprache überführte. Ganz am Ende seines langen Lebens sprach er aus, was sich aus seinem Denken als der eigentliche, wahre theós dieser Welt erwiesen hatte: „Die Lebendigkeit, die Seele (psyché), liebe Freunde, muss doch wohl ein jeder Mensch für die Gottheit halten“, fragte er. Und die letzten seiner Werke, Timaios, Philebos und die zwölf Bücher der Nomoi lieferten seine Begründung dafür.

Der Gedanke ist zwar alt, doch ist er frisch und jugendlich wie am ersten Tag: Die Gottheit, die uns alleine retten kann – die Gottheit, die nicht mit dem Tode Gottes aus der Welt geschwunden ist –, diese Gottheit ist nichts anderes als allumfassende und alles wirkende Lebendigkeit. Das Sein der Welt ist überall durchwirkt von ihr. Und Lebendigkeit verleiht dem Sein der Welt der Glanz der Heiligkeit. Platon nannte diese heilige Lebendigkeit des Kosmos gerne auch die Weltenseele. Sich an sie zurückzubinden, sich als Menschheit an sie anzudocken oder in sie einzuwurzeln, ist der sicherste und beste Weg, den Seelentod der Menschheit aufzuhalten. Wenn es stimmt, dass wir, was unsere Lebendigkeit betrifft, im Sterben liegen – dann besteht die Hauptaufgabe für die Menschheit nur noch darin, einen neuen Sinn und Geschmack für die Weltenseele auszuprägen: eine Religion der Lebendigkeit zu stiften.

Hingabe ans Leben

Was für eine Religion würde das sein? Sie wäre eine Religion der glühenden und grenzenlosen Hingabe ans Leben – eine Religion der Liebesleidenschaft fürs Sein der Welt. Eine solche Religion braucht keine Dogmen, keine Regeln und auch keine Kirchen. Eine solche Religion braucht nur ein neues Narrativ, das in einer unverbrauchten Sprache von der Heiligkeit und Schönheit dieser Welt mit allem, was in ihr lebendig ist, zu künden weiß. So gesehen braucht sie einen neuen Mythos, aber nicht im Sinne überholter Göttersagen. Eine neue Sprache für die alten Götter ist vonnöten – eine Sprache, die sich die Lebendigkeit ganz von alleine sucht, um im Menschenwort die Menschen zu begeistern, denn – um es in den Worten Friedrich Hölderlins zu sagen:

denn es ist die Zeit,
Daß aus der Menschen Munde sie, die
Schönere Seele sich neu verkündet, […]

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt
Zukünftiges bereitet, der Gott, der Geist
Im Menschenwort, am schönen Tage
Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.

Wo und wie jedoch soll diese neue Sprache sich bekunden? Woher nehmen wir die Sprache, eine neue Religion zu stiften und das Sein des Menschen neu im Sein der Welt zu gründen? Diese Frage lässt sich heute sicherlich noch nicht beantworten. Eine Spur jedoch lässt sich erkennen, wenn man auch an diesem Punkt das Denken wagt und erwägt, was Sprache wirklich ist. Sprache nämlich ist nicht das, wofür sie meistenteils gehalten wird. Sprache dient vornehmlich nicht dem Austausch von Informationen. Sprache dient vielmehr dem Ausdruck, der Bekundung oder Mitteilung des Lebens.

Die Sprache der Poesie

Sprache ist in ihrem Wesen Poesie, die als Antwort auf den An- und Zuspruch der Lebendigkeit geboren wird. Poesie, d.h. die wesentliche Sprache, wächst in der Begegnung mit der Welt. Sie entsteht, wo sich ein Mensch dem Anspruch, der vom Sein der Welt an ihn ergebt, mit offenem Geist und Herzen hingibt, und der dann mit seinen eigenen Worten darauf Antwort gibt. „Alles ist dem Dichter redend“, sagt Friedrich Schlegel einmal. Und der zeitgenössische Poet David Whyte schreibt in seinem Gedicht Everything is waiting for you:

Put down the weight of your aloneness and ease into
the conversation. The kettle is singing
even as it pours you a drink, the cooking pots
have left their arrogant aloofness and
seen the good in you at last.

Religion ist eine Frucht solcher Begegnung: der Konversation von Mensch und Welt, die durchglüht ist von der Liebe zur Lebendigkeit, die alles Sein durchwaltet. Das Gespräch, die Konversation, ist der Tempel der Lebendigkeit. Oder, in den Worten des großen Denkers Martin Buber: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.

Die neue Religion, die wir heute dringend brauchen, wird eine Religion des Gesprächs sein: eine Religion, die sich darin erfüllt, sich liebend dem Anspruch des Lebens an uns hinzugeben und die ihre Verantwortung darin erkennt, unter Einsatz der eigenen Person dem Anspruch des Lebens liebend Antwort zu sein. Dafür braucht es nicht viel. Gar nicht viel. Die neue Religion ist so einfach, wie das Leben selbst. Sie ist nicht asketisch und nicht dogmatisch, nicht moralisch und nicht spirituell. Sie ist einfach nur menschlich, sucht die Begegnung mit dem heiligen Sein inmitten dieser Welt und ist dabei stets bereit, sich von ihm angehen zu lassen.

Festen Herzens und beherzt

Wer von ihr durchdrungen und erfüllt ist, wird nicht damit nicht allein seine Lebendigkeit am Leben halten – nein, er wird auch nicht eher ruhen, als das große, wilde Leben dieser Welt von unseren Herrschaftsgelüsten befreit ist. Er wird nicht der Verführungen einer technischen Moderne mit ihren Heilsversprechungen der Ökonomie, der Künstlichen Intelligenz, des Human Enhancement oder des Transhumanismus erliegen. Vielmehr wird er wissen, was dem Leben wirklich Sinn und Würde schenkt. Die Lebendigkeit, die der Mensch nicht selbst erschaffen hat – und die er niemals selbst erschaffen wird, wohl aber drauf und dran ist zu vernichten. Und so wird der von der Religion der Lebendigkeit Ergriffene seine Wurzeln zuletzt so tief ins Universum gegraben haben, dass er festen Herzens und beherzt auch sein Sterben als den letzten großen Akt des Lebens feiern kann; etwa, indem er auf dem Sterbebett mit Hölderlins Diotima das Credo spricht, das in hinreißend schlichter Schönheit die neue Religion der Lebendigkeit vorweggenommen hat: „Zu sein, zu leben, das ist genug. Das ist die Ehre der Götter.“


Frohes Fest!

Veröffentlicht am 25. Dezember 2018

Ein frohes Fest der Liebe allerseits oder Merry Christmas

»Und so behaupte ich, ein jeder Mensch müsse die Liebe ehren, und selber ehre ich all das, was mit der Liebe zusammenhängt, und übe mich darin vor allem anderen so gut ich kann.“
(Platon Symposion 212b)

»Therefore I hold that every human is obliged to honour love, and I do honour everything having to do with love and practice it as much as I can do.“ (Plato)

 


Platon, der Philosoph des dritten Jahrtausends…

Veröffentlicht am 16. Dezember 2018

Am 14. Dezember war ich zu Gast in der WDR5 Radio Sendung »Das philosophische Radio“. Sie können diese Sendung im Podcast des WDR nachhören.

Den WDR5 Podcast Link finden Sie hier.

#PlatonunddieFolgen


Das Wesen der Verbundenheit

Veröffentlicht am 19. November 2018

Am Anfang der Philosophie steht der Appell zur Selbsterkenntnis. Apollon, der Gott der Dichter und Denker, ruft durch eine Inschrift an seinem Tempel in Delphi jedem Menschen zu: ERKENNE DICH SELBST! Sokrates (469 – 399 v. Chr.) nahm diesen Appell ernst, und das delphische Orakel hielt ihn wohl deshalb für den weisesten aller Menschen, weil er unermüdlich fragte, was ein gutes Leben sei. Die Antwort, die er fand, besagt, gut leben heißt im Einklang sein: mit dem Kosmos, mit sich selbst und mit dem, was die Griechen pólis nannten: dem Gemeinwesen. Aristoteles (384 – 312 v. Chr.) bezeichnete den Menschen folglich als zoón politikón: als Wesen, das immer schon Teil einer Gemeinschaft ist. Es ist eine Kernweisheit jener griechischen Kultur, die einst die Demokratie erfand, war, dass sich wahres Menschsein nur in der Verbundenheit mit anderen erfüllt.

Wir Kinder der Moderne aber haben sie vergessen. Wir glauben, Menschsein heiße, sich gegenüber den anderen zu behaupten. „Mir geht nichts über mich“, sagte nicht nur der deutsche Philosoph Max Stirner (1806 – 1856), so lehrte es auch Nietzsche (1844 – 1900) und nach ihm eine ganze Heerschar von Lebenskunstphilosophen und Küchenpsychologen, deren Credo lautet: „Du musst dich selbst verwirklichen!“, „Du bist jetzt dran!“, „Du musst als erstes nach dir selbst schauen!“

Dieser Narzissmus gründet in einem Menschenbild, dessen historische Genese in die Anfänge der Neuzeit zurückreicht. Seine Wurzeln hat es in der finsteren Anthropologie eines Thomas Hobbes (englischer Philosoph, 1588 – 1679), der vor dem Hintergrund der blutigen Konfessionskriege des 16. Jahrhunderts meinte, der Mensch sei eigentlich der „Wolf des Menschen“ – und sein Naturzustand ein „Krieg aller gegen aller“.

Seither erlebt sich der Mensch des Westens als Wesen fortwährender Konkurrenz, später scheinbar wissenschaftlich begründet durch Charles Darwins (britischer Naturforscher, 1809 – 1882) Theorie vom evolutionären Prinzip des „Survival of the fittest“ (dt. Überleben der Stärksten) und ethisch legitimiert durch den liberalistischen Mythos des Adam Smith (schottischer Moralphilosoph, ca. 1723 – 1790), wonach der allgemeine Wohlstand sich von selbst einstellt, wenn jeder seinen egoistischen Motiven auf dem freien Markte nachgehen darf. Der Mensch von heute ist ein Homo oeconomicus. Wohin uns dieses Menschenbild geführt hat, liegt auf der Hand: Der gesellschaftliche Zusammenhalt bröckelt, der Mensch mutiert zum Elementarteilchen, das unverbunden in einer entfremdeten Welt torkelt und dem nichts und niemand noch verbindlich ist – ja, das sich allenfalls mit der virtuellen Scheinverbundenheit des Internets oder dumpfen nationalen Ideologien vom Verlust seines wahren Wesens ablenken lässt: vom Verlust des zóon politikón. So lebt der Mensch von heute seiner selbst entfremdet – unwesentlich und flach, weil er alleine um sich selbst kreist und keine andere Frage zulässt als: „Was bringt mir das?“

Wir sollten uns daran erinnern, dass Menschsein nicht bedeutet, ein selbstbezogenes Ego zu sein, sondern dass ihm eine doppelte Tendenz innewohnt: eine Tendenz zu Gemeinschaftsbildung, Verbundenheit, Miteinander sowie eine Tendenz zu Individualität, Selbstbekundung und schöpferischer Freiheit. Wir sind, mit anderen Worten, beides: zóon politikón und – ansatzweise – Homo oeconomicus. Damit der letztere nicht weiter unsere Welt zerstört, ist es höchste Zeit, das zóon politikón neuerlich zu würdigen.

Die moderne Biologie hat Darwins Evolutionslehre dahingehend erweitert, dass für das evolutionäre Fortkommen nicht Kraft und Stärke, sondern

Integrationsfähigkeit, Gemeinschaftsbildung und Kooperation als entscheidende Qualitäten gelten. Sich im Sinne von Aristoteles als Wesen der Verbundenheit zu sehen, entspricht mithin unserer biologischen Ausstattung. Und nicht nur das. Es entspricht auch einem Grundprinzip des Seins, von dem die theoretische Physik weiß: Die Identität eines Phänomens ergibt sich aus seiner Bezogenheit auf andere.

Die beiden Grundtendenzen unseres Seins finden im dialogischen Geschehen gleichermaßen ihre Erfüllung: Unsere Sehnsucht nach Unverwechselbarkeit, unser Wunsch, sich als Individuum in der Welt zu zeigen, erfüllt sich in der Begegnung mit anderen. Denn wir sind immer einzigartige Wesen und Mitspieler in größeren systemischen Kontexten. Beides zu wissen, beidem gemäß zu leben – das ist der Weg zu einem erfüllten Menschsein: zu einem individuellen zóon politikón. Das ist die zeitgemäße Antwort auf das alte Wort Apollons: „Erkenne dich selbst“. (Veröffentlicht Naturarzt 12/2018 www.natur-access.de)


Künstliche Intelligenz kann und wird niemals kreativ sein….

Veröffentlicht am 31. Oktober 2018

Mein Statement zur Christies Versteigerung eines KI-Werkes…

»Jetzt werden Computer kreativ!“
Blödsinn, es ist und bleibt -Malen nach Zahlen- nicht mehr und nicht weniger.

Warum – die Antwort finden Sie über diesen Link zum Nachhören.

Ach: und sollte jemand meinen, dass ich kulturkritisch und pessimistisch bin, dann hat er vollkommen recht, sofern er/sie den Triumphzug der Digitalisierung als ein Kulturphänomen versteht.


Der Wald – Rückzugsort für Natur und Seele…

Veröffentlicht am 17. Oktober 2018

Ich darf Ihnen die BR-Radio-Sendung »Der Wald Rückzugsort für Natur und Seele“ zum Nachhören über diesen Link empfehlen. Es freut mich besonders, dass sowohl mein Kollege Andreas Weber darin spricht, als es auch von mir Redebeiträge gibt. Dieser Link führt zum entsprechenden Podcast.


Zur heutigen Landtagswahl in Bayern ….

Veröffentlicht am 14. Oktober 2018

Was dachte Platon über Demokratie? Mein angedacht erklärt sein Denken, über diesen Link kommen Sie zum YouTube-Video


PLATON und die Folgen

Veröffentlicht am 23. September 2018

Die erste Kiste mit meinem Buch »Platon und die Folgen“ ist eingetroffen.
Und wer ein signiertes Exemplar bestellen möchte, folge einfach diesem Werbe-Link .

PLATON?
Warum sollte sich ein moderner Mensch noch mit diesem alten Gedankengut befassen?
Vielleicht darum, weil seine Tugendethik einen Ausweg aus dem postmodernen Werterelativismus weist oder….

Weil Platons politische Philosophie den Blick für ein postökonomisches globales Ethos öffnet oder…

Platons Deutung der Natur eine avancierte Ökologie begründet oder…
Platons Ontologie eine Lebendigkeit als Maß alles Wahren, Guten und Schönen feiert oder…

Weil wer in die Zukunft denken will, gut beraten ist, sich die ältesten Denkwurzeln zur Hilfe zu nehmen.

So denn, lesen Sie Platon, lernen Sie neu Denken!
Sie werden erstaunt sein, welch› uralte und stetig moderne Gedanken in Platons Werk zu finden sind. #Philosophie #Platon


DER PERVERTIERTE WILLEN ZUR MACHT

Veröffentlicht am 06. September 2018

Wer die neue Rechte bekämpfen will, muss ihre innere Logik verstehen

Von Christoph Quarch

„Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“
(Friedrich Nietzsche)

Was ist los in Deutschland? Woher dieses Auflodern rechter Gesinnung? Woher diese Gewalt, woher der blanke Hass auf Dresdens oder Chemnitz Straßen?

Es gibt auf diese Fragen keine einfachen Antworten. Und ebenso wenig gibt es einfache Rezepte, die verrieten, wie man dem begegnen muss, was dort inmitten unserer Gesellschaft wütet. Kein Aktionismus hilft hier weiter, keine moralischen Appelle und Urteile von Gut und Böse, keine Gegendemos und kein Hashtag „Wir sind mehr“. Das ist ja alles gut und schön, doch bringt es uns nicht weiter. Was uns weiterbrächte, wäre der Mut, den Tatsachen nüchtern ins Auge zu sehen und frei von Vorurteilen und ungeachtet mächtiger Tabus den Blick in die Tiefe zu wagen bzw. den Weg in die Tiefe zu erfragen – in eine Tiefe, von der aus erkennbar wird, wovon die neue, alte Rechte ein Symptom ist; wessen Ungeistes Kind hier spukt.

Will man in die Tiefe denken, ist man gut beraten, sich einen kundigen Führer zu suchen – einen, der sich auskennt in den Abgründen des Lebens und der gerade, wo es um die kollektive Psyche eines Volkes geht, schonungslose Fragen aufzuwerfen weiß. Nietzsche ist ein solcher Guide ins Unbedachte; und an ihn, den Vielgeschmähten, kann sich heute halten, wer den Spuk der neuen Rechte bannen will. Denn was sie alle treibt – den Hut-Bürger vom LKA, die Volksverhetzerin von Storch, den rechte Mob auf Chemnitz Straßen – was sie alle treibt, ist, wenn man Nietzsche folgt, nichts anderes als das, was er den „Willen zur Macht“ nannte: „Hört mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prüft es ernstlich, ob ich dem Leben selber in’s Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens! Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.“

Gewiss müssen wir prüfen, ob der Denker, der solches festzustellen wagte, wirklich „dem Leben selber in’s Herz kroch“. Doch es wird nicht vergebens sein, probeweise anzunehmen, es verhalte sich tatsächlich so. Denn dann spielt uns Nietzsche einen Schlüssel zu, mit dem wir uns das Auflodern der Rechten ein Stück weit erschließen können – und ineins damit die Aussicht auf den Weg erkennen, wie dem Spuk begegnet werden kann.

Nietzsche nämlich weist das Denken gradlinig hin auf die Kategorien, mit denen wir ihm beikommen können: Macht, Dienst, Herrschaft, Willen. Und mehr noch. Zwei weitere Begriffe kommen mit ins Spiel: Gehorsam und Befehl. Am Anfang des Stückes „Von der Selbst-Ueberwindung“ aus dem zweiten Buch von „Also sprach Zarathustra“, dem schon das obige Zitat entnommen war, lässt Nietzsche seinen Zarathustra sagen: „Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hörte ich auch die Rede vom Gehorsame. Alles Lebendige ist ein Gehorchendes. Und das ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen kann. So ist des Lebendigen Art.“

Halten wir inne. Denn hier sind wir im Herz der philosophischen Psychologie Nietzsches, die wir brauchen, um die neue Rechte zu verstehen. Es geht bei all dem Spuk, der dort im Osten Deutschlands über uns gekommen ist, um Macht, Gehorsam, Dienst und Herrschaft. Tatsächlich haben wir es in unserem Land mit einer großen Zahl von Menschen zu tun, die nicht mehr in diesen Kategorien zu denken vermag, wohl aber unbewusst nach deren Maßgabe zu leben trachtet. Diese Diskrepanz ist der Nährboden der kollektiven Psychopathologie, die jüngst in Chemnitz ihre giftigen Blüten trieb. Warum?

Wenn Nietzsche Recht hat, dann steckt im Menschen der Drang nach Macht, nach Herrschaft, nach Dienst und Gehorsam. Wobei seine Pointe ist, dass dieser Drang eine vorderhand nicht leicht verständliche Dialektik aufweist: Am Anfang nämlich steht der unbewusste Wille zum Gehorsam. Der Mensch, so Nietzsches kühne These, ist das Wesen, das gehorchen will. Und zwar sich selbst und seinem Willen, der ihm sagt, was seinem Leben gut und wertvoll ist. Wer freilich keinen eigenen Willen hat oder in wessen Herz der eigene Willen erlahmt ist, der ist nicht in der Lage, Herr über sich selbst zu sein und sehnt sich umso dringender danach, sich anderen zu unterwerfen, die ihm sagen und befehlen, was er tun und lassen soll.

Wer nichts hat, was seinem Leben Sinn und Richtung gibt; wer aus sich heraus nichts kennt, was seinem Leben Wert verleiht und was ihm unbedingt etwas zu sagen hat – der ist in Nietzsches Deutung Nihilist. Nihilismus ist für ihn die Signatur der Welt, in der wir heute leben: eine Welt, die er in seinem „Zarathustra“ auf die Formel brachte: „Wer will noch regieren? Wer gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.“ Es ist die Welt, die rechten Demagogen den perfekten Nährboden bereitet: weil in ihr der untergründig immer noch lebendige Wille zur Macht frei umherspukt und von ihnen jederzeit ergriffen und nutzbar gemacht werden kann.

Wie kommt es dazu? Es kommt dazu, wenn man den vielen Menschen, die sich selber nicht gehorchen können, keine Angebote unterbreitet, wie sie dienstbar und gehorsam sein können. Anders gesagt. Es kommt dazu, wenn es in einer Gesellschaft niemanden mehr gibt, der den Anspruch erhebt, andere in den Dienst oder in die Pflicht zu nehmen– anderen zu befehlen. Es kommt dazu, wenn es den „Herrschenden“ zu beschwerlich geworden ist zu regieren. Eben diese Situation ist eingetreten. Eben deshalb täuscht sich Frau von Storch auf markante Weise, wenn sie den „Wir sind mehr“-Aktivisten vorhält, sie seien „Merkels Untertanen“. In Wahrheit bekundet sie damit die tiefste Sehnsucht ihres und ihrer Gefolgsleute Herzens: Wir wollen endlich wieder Untertanen sein: so wie damals unter Hitler, so wie damals in der DDR.

Und damit stehen wir nun kurz davor, die Perversion der neuen Rechte zu verstehen. Nicht weil sie moralisch fragwürdig oder keine Demokraten wären, sind die AfD-Wähler, Pegida-Demonstranten und Hut-Bürger pervers, sondern weil sich ihr Wille zur Dienstbarkeit und zum Gehorsam verdreht hat in den Willen zu blanker, sinn- und zielloser Herrschaft und Gewalt; und zwar ohne dass diese Menschen imstande wären oder je gelernt hätten, sich selbst zu beherrschen. Also machen sie Hetze gegen und Jagd auf jene, denen sie sich überlegen wähnen: die Flüchtlinge und Ausländer im Lande. Es ist so einfach: Wer verlernt hat zu gehorchen und sich selber nicht beherrschen kann, spielt sich gierig auf als Herrscher über Schwächere – ohne jedoch dabei irgendeinem Wert, irgendeinem Sinn, irgendeinem Ziel zu folgen außer dem, das eigene, kleine, hungrige und machtlüsterne Ego zu nähren.

Das eben ist die Perversion der neuen Rechten: dass diejenigen, die eigentlich gehorchen wollen und in Wahrheit auch nichts anderes können, sich aus Mangel an Gelegenheit dazu als Herrscher und Befehlende gerieren. Deshalb ist ihr Wüten ein Spuk: ein Geistertanz der Perversion und Unwahrheit.

Dazu hätte es nicht kommen müssen. Dazu kam es aber, weil diejenigen versagten, die – pro forma jedenfalls – die Herrschenden im Lande sind, die aber lange schon nicht mehr die Herrschaft auszuüben wagen: die sich scheuen zu befehlen und Gehorsam einzufordern; die sich scheuen, andere in Dienst zu nehmen; denen das Regieren zu unbequem geworden ist und die lieber (scheinbar) alternativlose Szenarien heraufbeschwören als in die Verantwortung für das Gemeinwesen zu gehen. Auch denen hat Nietzsche ein Wort zu sagen: „Diess aber ist das Dritte, was ich hörte: dass Befehlen schwerer ist, als Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller Gehorchenden trägt; und dass leicht ihn diese Last zerdrückt: – Ein Versuch und Wagnis erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.“

Hier sind wir nun in jenen Winkel der von Nietzsche meisterlich enthüllten Dialektik der menschlichen Seele gelandet, den wir ausleuchten müssen, wenn wir verstehen wollen, wovon der Spuk der neuen Rechten lebt: Er lebt von einem Machtvakuum, das in unserer Gesellschaft seit dem Fall der Mauer entstanden ist. Die politische Klasse der Regierenden erweckt mit jeder neuen Legislatur von Angela Merkel mehr und mehr den Eindruck, die Regierungsarbeit eingestellt zu haben: kein Risiko, kein Versuch, kein Wagnis – statt dessen Verwaltung, Krisenmanagement und Delegation der Macht an anonyme Kräfte wie den „Markt“, „die Wirtschaft“, „Brüssel“. Angela Merkel hat ein Machtvakuum entstehen lassen, in das die neue Rechte drängt. Auch das gehört zur Perversion von AfD und von Pegida: dass sie in Angela Merkel genau die Kraft bekämpfen, derer sich ihre eigene Existenz verdankt.

Man könnte auch von einer Tragödie sprechen, deren Plot erschütternder Weise nicht neu ist: Wenn die eigentlich Regieren-Sollenden von ihrer Macht zum Befehlen keinen Gebrauch machen, dann werden die eigentlich Gehorchen-Wollenden, eben diese herrenlose Macht ergreifen und unweigerlich missbrauchen; einfach deshalb, weil sie sich nicht selbst gehorchen können. Dass eben das bei der neuen Rechten der Fall ist, zeigt aufs Anschaulichste jener Dresdener Hut-Bürger, der so wenig Mut und Wagnis, so wenig Verantwortungsbewusstsein und Kompetenz auf sich vereint, dass er nicht einmal die Courage hat, sich als Person zu zeigen und für sein Verhalten einzustehen: das totale Gespenst, eine Figur aus Alpträumen.

Was ist zu tun? Das gesellschaftliche Machtvakuum muss beseitigt werden. Das aber ist vertrackter Weise eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft; und sie wird sich nur lösen lassen, wenn wir alle den Mut aufbringen, mit einem ganzen Kanon liebgewonnener Konzepte zu brechen und eine Reihe von Tabus anzugehen. Es beginnt in den Kindergärten und Schulen, deren pädagogische Ideologie der „Herrschaftsfreiheit“ einer dringenden Revision bedarf. Die seit Jahren betriebene totale Eliminierung von Befehl und Gehorsam aus der Erziehung unterhöhlt die demokratische Kultur, anstatt sie zu befördern. Denn eine Demokratie braucht disziplinierte Bürgerinnen und Bürger, die sich selbst beherrschen und gehorchen können – was sie aber nicht lernen werden, wenn Macht und Herrschaft als „pfui bäh“ tabuisiert und dem unreflektierten Gelüsten der Rechten überlassen werden.

Weiter geht es nach der Schule. Die unserer Demokratie am wenigsten zuträgliche gesetzgeberische Maßnahme der jüngeren Vergangenheit war die Abschaffung des Zivil- und Wehrdienstes. Man muss nicht Nietzsche bemühen, sondern nur ein wenig eigene Menschenkenntnis oder Erinnerung an die Zeit der allgemeinen Wehr- und Zivildienstpflicht in Deutschland, um zu begreifen, wie gut es jungen Männer tat bzw. tut (und das gleiche gilt für junge Frauen), sich eine Zeitspanne ihres Lebens in den Dienst des Gemeinwesens stellen zu dürfen. Denn es ist tatsächlich für die Entwicklung eines jungen Menschen wichtig, etwas Größerem zu dienen: der Gemeinschaft, der er angehört. Anderenfalls nämlich wird sich sein Ego aufblähen und aus Mangel an Selbstbeherrschung nur noch autistisch seinem eigenen Vorteil huldigen und mit Nietzsches Nihilisten der Parole folgen: „Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht; aber man ehrt die Gesundheit.“

So gesehen ist es wirklich der erste für die soziale Hygiene unseres Landes wirklich zielführende Vorschlag seit langem, wenn Frau Kramp-Karrenbauer unlängst für die Einrichtung eines Bürgerpflichtdienstes plädierte. Auch wenn sie selbst eher ökonomische Motive dafür ins Feld führte und offenbar nicht ahnt, dass sie mit ihrer Anregung ein probates Mittel gegen den Spuk von Rechts ins Feld führte, wäre die Bundesregierung gut beraten, diesen Vorstoß aufzunehmen – wenn man denn nur den Mut aufbrächte, einmal wieder zu regieren, zu befehlen, zu verpflichten, Macht auszuüben.

Womit wir neben der Erziehung zur Disziplin des Sich-selbst-Befehlens und Gehorchens und dem verpflichtenden Bürgerdienst zum Wohle des Gemeinwesens eine dritte Maßnahme erkennen können, die wir brauchen, um den Spuk des rechten Schreckgespenstes zu bannen: den Rückzug von Angela Merkel, um einer neuen, mutigen Regierung Platz zu machen, die von der ihr übertragenen Macht Gebrauch macht, anstatt sie zu verwässern und zu delegieren.

Dass dies nicht unmöglich ist, hat Angela Merkels Vorgänger Gerhard Schröder bewiesen. Man mag über ihn denken, was man will: Dass er Hartz IV durchsetzte, zeugt allemal davon, dass er nicht nur einen gesunden Willen zur Macht, sondern auch den dazugehörigen Mut zum Befehlen und zur Verantwortung besaß; und das mit einer Konsequenz, die Nietzsche klar benannte: „Seinem eigenen Gesetze muss“ der Mächtige „Richter und Rächer und Opfer werden“. Vor dieser Verantwortung nicht zurückzuschrecken, zeichnet einen Politiker aus. Sich auf Alternativlosigkeit zu berufen, ist hingegen eine Perversion der Regierenden, die die beschriebene rechte Perversion der Regierten nährt und fördert. Anders gesagt: Der Nihilismus der neuen Rechten ist nur die andere, dunkle Seite des Nihilismus der Berliner Politik.

Wir haben ein Problem mit der Macht. Das können wir von Nietzsche lernen. Dieses Problem vergiftet unsere Gesellschaft. Es ist ein politisches Problem, aber nicht nur das: Es ist ein Problem, das die Gesellschaft im Ganzen betrifft. Allein auf politischem Wege wird es sich nicht lösen lassen, auch wenn es in der Sphäre des Politischen am deutlichsten sichtbar wird. Denn diese Sphäre ist es, die sich die Gesellschaft bewusst geschaffen hat, um das menschlich-allzumenschliche Spiel von Macht und Befehl, Dienst und Gehorsam zu kultivieren, zu regeln und gesund zu organisieren.

Bei Lichte besehen aber waltet diese Dynamik nicht allein im Feld der Politik, sondern in nachgerade allen Bereichen des Lebens. Und das Versagen der heutigen Regierenden in Sachen Mut und Willen zur Macht wiegt umso gravierender, als auch in den anderen Dimensionen unseres Lebens das einstmals funktionierende Wechselspiel von Dienst und Herrschaft nicht mehr greift. Hier freilich rühren wir an eines der gewaltigsten Tabus unserer Gesellschaft. Hier hat man Angst vor der eigenen Courage, wenn man seine schlimmen Gedanken ausspricht. Doch wie schon Nietzsche sagte: „Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“

Wovon müssen wir reden? Vom Geschlechterverhältnis – dem womöglich mächtigsten Treiber der neuen Rechten. Denn eben hier ist das traditionelle kulturelle Machtgefüge am gründlichsten beseitigt worden. Eben hier gähnt das Vakuum der Macht am mächtigsten. Erinnern wir uns: Einst war das Verhältnis von Mann und Frau von Macht durchwirkt: Der Mann galt öffentlich als Herr, die Frau als seine Untergebene. Gleichzeitig aber stand der Mann im Dienst der Frau und untergründig herrschte sie über sein Tun. Kulturell so zubereitet konnte der – wenn Nietzsche Recht hat – schon allein auf Grund der physiologischen Verfassung des Menschen unabdingbar die Menschenseele durchdringende Wille zur Macht gelebt und leidlich unschädlich gemacht werden.

Heute – infolge der großen Emanzipationsbewegung des zwanzigsten Jahrhunderts – ist das Thema Macht aus Partnerschaften komplett verbannt worden. Das Geschlechterverhältnis gilt als der Ort per se, an dem Macht und Dienst nichts verloren haben – auch wenn der überwältigende Erfolg des Romans „Shades of Grey“ überdeutlich zu erkennen gibt, wie groß die Sehnsucht, ausgerechnet vieler Frauen ausgerechnet nach Unterwerfung und Befehl in der Tiefe ihre Seele ist. Macht zu leugnen ist zwar gut gemeint und auch aus Sicht der Individuen verständlich; doch es ist verhängnisvoll für das Wohlergehen unserer Gesellschaft: denn hier gilt das gleiche, wie in Politik und in  Erziehung: Wird der Wille zur Macht negiert und nicht bewusst gelebt bzw. kultiviert, dann tritt er vergiftet an anderer Stelle machtvoll zutage. In Chemnitz zum Beispiel. Es ist wohl kein Zufall, dass es mehrheitlich Männer sind, die dort ihre Parolen grölen. Nicht weil Männer per se gewalttätig oder blöd wären, sondern weil sie es sind, denen die herrschende Moral den Willen zur Macht am gründlichsten austreiben möchte. Man denke an den Dresdener Hut-Bürger und begreife: Entmannte Männer sind die treibende Kraft der neuen Rechten – dicht gefolgt von entweiblichten Frauen a la von Storch oder Weigel.

Aber vielleicht ist das ja alles gar nicht wahr. Vielleicht sind wir ja auf der falschen Spur, wenn wir probeweise Nietzsches Psychologie des Willens zur Macht zu Rate zogen, um die neue Rechte und den Spuk von Chemnitz zu verstehen. Vielleicht war Nietzsche ja im Irrtum, und im Herz des Lebens wohnt gar nicht der Wille zur Macht, sondern etwas viel Schöneres wie der Wille zur Liebe oder zur Kooperation. Dafür spricht vieles, aber leider ändert das nichts daran, dass der Mensch der Neuzeit lange schon so lebt, dass er in seiner Seele keinen anderen Treiber mehr findet als den Drang zur Macht und Selbstbehauptung.

Auch das hat seine Gründe, die wohl niemand so klar gesehen wie Nietzsche selbst. Er brachte sie auf die prägnante Formel: „Gott ist tot“ – eine Formel, die sich übersetzen lässt, indem man sagt: Dass Gott dem Menschen der Moderne starb, liegt und zeigt sich daran, dass er die Rückbindung an das Heilige Sein dieser Welt verloren hat: die re-ligio, die ihn einstmals in den Dienst nahm – in den Dienst am Leben; die den Menschen einstmals dazu brachte, in Mythos und Kult das Leben zu feiern und seinen Imperativen zu gehorchen. Das war freilich lange bevor die Religionen zu Institutionen wurden und der Wille zur Macht sich ihrer bemächtigte; als sicheres Indiz dafür, dass schon damals in den Kirchen, Tempeln und Moscheen Gott gestorben war.

Am Ende ist es wohl das Fehlen jeder Religiosität – im Sinne dieser Rückbindung an die Lebendigkeit und an das Sein der Welt – was jene Perversion, jenen Gespenstertanz von Chemnitz möglich macht. Und deshalb geht es hier ums Ganze unserer Zivilisation und längst nicht nur um Gut und Böse. Deshalb wird durch moralische Appelle und Gegendemonstrationen allein nichts besser werden. Deshalb hilft allein das tabulose und vorurteilsfreie Denken weiter. Das ist erschütternd, ohne Frage, aber reden wir gleichwohl darüber, „ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist schlimmer; alle verschwiegenen Wahrheiten werden giftig.“